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Zwischen Brüller und Rohrkrepierer Kleinstadtcomedy feiert Premiere in Meppen

Von Tim Gallandi | 22.03.2015, 19:10 Uhr

Sie philosophierten über das Leben als Großstadt-Single und den Karneval als weltgrößtes Speed-Dating, hingen Jugenderinnerungen nach und legten die Auswüchse der Selfie-Kultur dar. Sechs junge Comedians haben am Samstagabend vor etwa 300 Zuschauern im Meppener Theater die Premiere der Kleinstadtcomedy präsentiert.

Vorbild sind (TV-)Shows wie „Quatsch Comedy Club“ oder „Nightwash“, mit denen das US-Format der Stand-up-Comedy in Deutschland bekannt wurde. Der Osnabrücker Student Sven Bensmann , seit einigen Monaten Gast auf diversen Kleinkunstbühnen, hat das Konzept nun ins Emsland importiert: Er trommelte einige in die Spaßbranche nachrückende Kollegen zusammen, übernahm die launige Moderation und steuerte ein paar musikalische Elemente bei.

Um das Generationsübergreifende des Genres zu zeigen, pickte Bensmann gleich mit Valentin (12) den Jüngsten und Günter (Anfang 70) den Ältesten aus dem Publikum heraus: „Schau dir diesen Mann an, Valentin. Er hat was, das du nie haben wirst – eine sichere Rente.“

Während der gut zweistündigen Show im Theatersaal traten rasch ein paar gemeinsame Nenner der Bühnenkünstler zutage. Zum einen die oft selbstironische Fokussierung auf die eigene Person, meist verbunden mit Bekenntnissen: Drei Comedians outeten sich als Single, einer als schwul. Beim einen wie beim anderen Status bildete dies die Überleitung zu einer Fülle von Gags über ein verwandtes Thema: Sex, genauer, dessen Praktizieren oder dessen Mangel. Sex sells – das gilt nicht nur in der Werbung, auch in der Comedy. Oder, salopper formuliert: Zoten ziehen immer.

So erzählte Marlon Willecke, wie er nach seinem Outing das tat, was Schwule aus der NRW-Provinz gemeinhin tun (nach Köln ziehen), und was er in den Treffs der Metropole so erlebte. Sandra Petrat wiederum zog vom Tanzverhalten der Männer Rückschlüsse auf deren Liebestechniken. Tobias Rentzsch plauderte über die Tücken der Toilettenbenutzung in WGs. Sven Bensmann arbeitete sich im Lied „Mein kleines Dorf“ an provinziellen Abgründen, auch sexueller Natur, ab, wobei das weniger eine Verballhornung des Landlebens als vielmehr der Klischees darüber war.

Im strengen Sinne jugendfrei war das Ganze also nicht, und weil auf der Bühne „viel Schweinkram geredet“ wurde, wie es Bensmann nannte, holte er Valentin und Günter nach vorne, auf dass der Ältere dem Jüngeren mögliche Fragen zum Inhalt beantworten möge. Wobei Valentin grinsend einräumte, bereits alles verstanden zu haben. In Internetzeiten kein Wunder.

Ohne Gürtellinie

Wer somit im Publikum zu den Verfechtern einer Gürtellinie zählte, suchte diese vergebens. Nun gibt es grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden; einen gewissen Unterhaltungswert hat so etwas allemal, und die Comedy ist eh immer eine Gratwanderung zwischen Brüller und Rohrkrepierer. Nur birgt eine solche Fixierung aufs Zotige die Gefahr, dass irgendwann die Originalität flöten geht. Die Kleinstadtcomedy kriegte gerade noch die Kurve. Was unter anderem daran lag, dass sich die Comedians hier und da auch weniger intensiv beackerten Themenfeldern zuwandten.

Marcel Exner sinnierte über die Vision eines Weltraumtourismus („Dann gibt es All inclusive“) samt Ballermann auf dem Mond. Ebenso schilderte er, dass das bei Kindern beliebte Klingelmännchenspiel nicht funktionieren kann, wenn einer der Kumpels den Zeugen Jehovas angehört. Und Simon Stäblein spottete über Model-Tutorials bei Youtube und den Gegensatz zwischen Reklame und Realität: „Warum kommt ein Beinrasierer in der Werbung eigentlich immer nur bei ganz glatten Beinen zum Einsatz?“ Als Abrundung ließ Bensmann in einer parodistischen Revue Musikgrößen wie Herbert Grönemeyer, Michael Jackson und Tina Turner auftreten. Am Ende gab es stehende Ovationen für die Mitwirkenden, und Bensmanns Frage, ob die Kleinstadtcomedy eine Neuauflage erhalten soll, wurde lautstark bejaht.