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Wortwitz, Esprit und Publikumsnähe „Kleinstadtcomedy“ im Theater Meppen

Von Petra Heidemann, Petra Heidemann | 12.03.2017, 12:24 Uhr

Skurril-witzig, schonungslos deutlich und eindeutig-zweideutig: Über drei Stunden lang haben sich die Besucher der Meppener Kleinstadtcomedy von Sven Bensdorf und seinen Comedians begeistern lassen.

„Mister Kleinstadtcomedy“ Sven Bensmann , 24-jähriger Student aus Osnabrück, fing die Theaterbesucher schon aus dem Off ein und ließ niemanden mehr während der gesamten Vorstellung von der Angel. Ihm und seinen Bühnenkollegen entging nicht die kleinste Reaktion im Saal. Wer immer im Publikum von der Bühne aus für die Comedy-Stars sichtbar und entdeckbar blieb, der wurde schonungslos persönlich mit hineingezogen ins Programm.

Dieser direkte Kontakt zum Zuschauer zog sich durch den Abend. Die Akteure gingen direkt in die Menge und mischten sich in die Beziehungsstrukturen ihrer Gäste ein. Bevor sie überhaupt wusste, was ihr geschah, stand „Ilona“ auf der Bühne und wurde mit einer „Waschmaschine mit Totalschaden“ als „Erfüllung ihrer Wünsche“ konfrontiert. „Pech“ nur, dass sie mit dem Fahrrad gekommen war. Beim 30-minütigen „Warm-up“ mischte auch die Meppenerin Julia Franke mit – die Regie-Anweisungen ihres Scripts brav mit zum Besten gebend.

Süffisant spitzfindig

Andre Kramer brachte Erfahrungen aus und seine süffisant-spitzfindigen Bemerkungen zu seinem Stadtteil Hamburg St. Pauli anschaulich zu Gehör, führte politische Missstände und gesellschaftliche Brennpunkte ebenso scharfzüngig und anzüglich ad absurdum wie diverse Kiez-Fantasien. Aber auch menschliche Verhaltensweisen nahm er unter die Lupe – so eigne sich der Friedhof durchaus als Single-Börse, und im gelben Poloshirt bei Ikea fachfremd Leute zu beraten, sei ein echter Fun-Faktor.

Sven Bensmanns gesungene Zwischenmoderation als „Objektophiler“ ließ die Nutzung (s)einer Gitarre wie auch (s)eines „Coming-Auto“ in völlig anderem Licht erscheinen und landete beim Publikum als echter Brüller.

Araber aus Emsdetten

Als „Araber“ sorgte augenzwinkernd der aus Emsdetten kommende Amjad für „Bombenstimmung“. Mit blitzenden Augen und Spaß am darstellerischen Spiel vermittelte er „proktologische Erfahrungen“. Mit seiner palästinensischen Abstammung spielend, piekste er schonungslos mitten hinein in alle Vorurteile und Ängste, Diskrepanzen und Integrationsbrisanzen einer Multi-Kulti-Gesellschaft. Wer immer im Publikum nicht emsländisch aussah, wurde nach seinen Wurzeln gefragt. So waren auch Sprachbarrieren ein Thema – habe doch nicht nur er „Frühschoppen“ für morgendliches Einkaufen gehalten.

Vor der Pause brachte Bensmann dann die angekündigte Überraschung wirkungsvoll auf die Bühne, geschickt als Publikumswunsch nach größerem Veranstaltungsrahmen eingeleitet: eine Open-Air-Großveranstaltung der Kleinstadtcomedy auf der Meppener Freilichtbühne mit Platz für 2000 Zuschauer statt für 600 Theaterbesucher. Allerdings warf ein Zuschauer ein, man könne doch das Meppener Stadion nutzen, was Sven aber nicht aus dem Konzept brachte. An der Base Drum sitzend, ließ er die Menge lautstark „Wir wollen mehr, Kleinstadtcomedy Open Air“ intonieren und ließ dies auch gleich zu einem interaktiven Live-Spektakel auf Facebook werden. Das kam an.

Da der angekündigte „Herr Schröder“ zeitgleich in der NDR-Talkshow seine Einblicke in seine „World of Lehrkraft“ gab, war in Meppen für ihn aus Trier Kevin Ray eingesprungen. Der 25-Jährige bewies eindrücklich und unterhaltsam, dass auch „weniger versaut“ als bei seinen Vorgängern durchaus „die Post abgeht“, wenn es sich um die Tücken von Bett und Beziehungen und die „Blackbox-Erinnerungsfähigkeiten“ von Frauen dreht. Eloquent widmete er sich typisch männlichen Sauberkeitskriterien und bekannte ausschweifende Fast-Food-Genüsse, brach dabei aber eine Lanze für die Mütter - natürlich nicht ohne Spitzfindigkeiten.

Über Tankgewohnheiten

Nach Bensmanns gesungenen, pointierten Witzen, „philosophierte“ der Kölner Comedian Thomas Schmidt über die Anforderungen einer Tankwartausbildung und deutsche Tankgewohnheiten - ein Über- oder Unterschreiten einer „runden“ Eurosumme um einen Cent gehe an die Schmerzgrenze. Auch er ließ der Schwärmerei für Mayonnaise und Sauce Hollandaise freien Lauf.

Zum Programmende mit Jan (Klavier) und Janis (Schlagzeug) herrschte bei all den Fans dieses Genres längst schiere Festivalstimmung, die aufgeheizt darauf wartet, im September ihre Fortsetzung auf der Meppener Freilichtbühne zu finden.