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Urteil zur Abschreckung Vier Jahre Haft für Geldautomaten-Sprenger von Meppen

Von Manfred Fickers | 22.06.2016, 17:55 Uhr

Vier Jahre muss der 22-jährige Niederländer in Haft, der am 9. März 2016 an der Sprengung eines Geldautomaten in Meppen beteiligt war. Das Gericht verspricht sich von der hohen Strafe eine abschreckende Wirkung.

Von der Polizei festgenommen wurde er noch in der Tatnacht, weil das Fluchtfahrzeug auf einer Straße in der Stadt mit einem Lkw zusammenstieß und danach gegen einen Baum prallte. Der 22-Jährige konnte sich aus dem Wrack befreien, wurde aber bald von den Beamten aufgegriffen.

Er schilderte in einer Erklärung, die er durch seinen Anwalt verlesen ließ, und in Antworten, die er per Dolmetscher dem Gericht gab, wie es zu der Tat kam. Der 1993 in Utrecht geborene Angeklagte war arbeitslos und stetig in Geldnot, seitdem er als Betreiber eines Fitnessstudios gescheitert war. Angesichts dieser Lage habe ihn etwa eine Woche vor der Tat ein Freund, der bereits einmal eine längere Haftstrafe verbüßt hatte, zu einem Bekannten mitgenommen. Es wurde dort geplant, Geldautomaten zu sprengen. Der Bekannte sollte Fahrer des Fluchtfahrzeugs sein, der Freund bei der Vorbereitung der Sprengung assisstieren und der 22-Jährige als Aufpasser während der Tat zugegen sein.

Von Utrecht nach Meppen

In Utrecht wartete am Tattag der Fahrer mit einem schnellen Auto der Marke Audi auf seine Mittäter, Im Kofferraum befanden sich Gasflaschen, Schläuche und ein Rohrsystem zum Einleiten des Gasgemischs in Geldautomaten, Einbruchswerkzeug und schwarze Regenkleidung mit Leuchtstreifen, wie sie üblicherweise von niederländischen Automatenknackern getragen wird.

Meppen sei willkürlich ausgewählt worden, erklärte der Angeklagte. Die Filiale der Sparkasse an der Haselünner Straße wurde gewählt, weil sie günstig für die Flucht war. Dass sich in der Nähe eine Polizeiwache befindet, störte nicht, denn die Täter glaubten, diese sei nachts unbesetzt. Ein anderer Geldautomat im Stadtzentrum wurde verschont, weil hier Aufkleber warnten, dass bei einem Aufbruchsversuch die Geldscheine mit Farbe besprüht werden. Von einer Gefahr für Anwohnern sei man nicht ausgegangen.

In der Tatnacht stahlen die drei Geldautomatenknacker in Meppen Autokennzeichen, die sie an ihrem Fluchtfahrzeug anbrachten. Zwei Täter drangen in die Sparkassenfiliale ein, der dritte passte auf. Der Automat wurde so bearbeitet, dass mit einem „Lanze“ genannten Gerät ein Gasgemisch aus zwei mitgebrachten Flaschen eingeleitet werden konnt. Die Zündung erfolgte gegen 4.15 Uhr. Trümmer flogen bis weit auf die Straße. Aus dem zerstörten Automaten klaubten die drei Niederländer 155.760 Euro.

Tragisches Ende der Flucht

Die Fahrt durch die Innenstadt endete „tragisch“, wie der Vorsitzende Richter kommentierte. Der Angeklagte sagte, er habe nur bruchstückhafte Erinnerungen. Seine beiden Komplizen in dem zerstörten Auto hätten beide schwere Kopfverletzungen gehabt und nicht mehr auf Ansprache reagiert. Sein Freund, der Beifahrer, sei noch an der Unfallstelle gestorben, der Fahrer liege noch mit schwersten Unfallverletzungen in einer Klinik in Utrecht.

Der Angeklagte bestritt, dass es in den Niederlanden hierarchisch strukturierte Banden gibt, die Geldautomatensprengungen organisieren. Vielmehr handle es sich um eine Methode, die durch Osteuropäer entwickelt wurde und dann weitergereicht worden ist. Anleitungen gebe es in großer Zahl im Internet. Er widersprach Mutmaßungen, dass es sich bei den Tätern durchweg um Menschen mit nordafrikanischem Migrationshintergrund handelt. Diese Beschreibung trifft auf den in Meppen schwer verletzten Fahrer des Fluchtwagens nicht zu.

Zweifel an der Aussage

Sowohl das Gericht, als auch die Staatsanwaltschaft zeigten mit ihren Fragen, dass sie der Behauptung des Angeklagten nicht glauben, er habe keine Fragen zur Herkunft des Fahrzeugs und der Gerätschaften zur Automatensprengung gestellt. Das Fahrzeug wurde offensichtlich gezielt für die Ausführung solcher Taten gestohlen. Bewiesen ist nur, wie die Aussage eines Beamten des Landeskriminalamts zeigte, dass die niederländische Polizei bei der Durchsuchung der Wohnungen des Fahrers und des toten Freundes des Angeklagten Gerätschaften für Automatensprengungen gefunden hat. Der 22-jährige wohnte bis zur Festnahme bei seinen Eltern. Dort fand sich Aufbruchswerkzeug für Autos, das aber angeblich ohne Wissen des Angeklagten von einem Bekannten untergestellt wurde, der Menschen hilft, die ihre Schlüssel verlegt haben. Nicht eindeutig geklärt wurde, inwieweit bei der Explosion Menschen gefährdet worden sind, sagte der Richter in der Urteilsbegründung.

Der Staatsanwalt hatte vier Jahre Haft beantragt. Der Vorwurf des Bandendiebstahls ließ sich nicht erhärten, es handle sich aber um schweren Diebstahl. Das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion sei eine schwere Straftat, die mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden kann. Der Angeklagte habe nur das eingeräumt, was ohnehin als bewiesen gelten kann. Die Tat und ihre Ausführung deuten auf die Beteiligung von hoch spezialisierten Tätern hin. Dazu gehöre viel Wissen. Ebenso sei der Diebstahl von teuren und schnellen Fluchtfahrzeugen „Diebstahls-Oberliga“. Für die vom Angeklagten behauptete Rolle als „Aufpasser“ spreche, dass dieser bislang nur zwei kleinere Vergehen als Jugendstrafsachen auf dem Konto habe.

Kein Bandenmitglied

Der Verteidiger hielt dagegen eine Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten für angemessen. Die Aussage des Angeklagten sei umfassend gewesen, habe Informationen über die kriminelle Szene in den Niederlanden geliefert, die geeignet seien, künftige Straftaten zu verhindern. Einem Teil der Banken warf er vor, die Geldautomaten unzureichend zu sichern. Das Beispiel des von den Tätern verschonten Geräts in Meppen beweise dies. Der Angeklagte sei kein Mitglied einer Bande, sondern beim Angebot seines Freundes schwach geworden.

Das Gericht äußerte in der mündlichen Urteilsbegründung Zweifel an der Argumentation des Verteidigers. Der Angeklagte habe keinen Hinweis auf Hintermänner gegeben, das planvolle Vorgehen könne ein Indiz für deren Mitwirken sein. Die hohe Geldsumme, die erbeutet wurde, und der beträchtliche Sachschaden sprachen für eine weitgehende Ausschöpfung des Strafrahmens, ebenso der Wunsch, dass eine langjährige Haftstrafe Nachahmer abschreckt.