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Ovationen für Jaschkes Wagner-Abend Meppen: Schwere Kost wird zum Hochgenuss

Von Carola Alge | 17.11.2011, 10:00 Uhr

Wagners „Ring des Nibelungen“ in knapp zwei Stunden auf die Bühne und das Publikum zum Toben zu bringen, geht das? Jutta Wübbe alias Marlene Jaschke schafft das. Sie hat am Dienstagabend im ausverkauften Meppener Theater mit ihrer humorvollen Version eine Punktlandung hingelegt, bekam von den Gästen viel Szenenbeifall und Ovationen im Stehen.

Schuld daran, dass sich Marlene Jaschke an das Hauptwerk Wagners wagte, ist ihre (imaginäre) Freundin Hannelore. Die hatte sie mal zu einer Inszenierung mitgeschleppt. 16 Stunden und 32 Minuten quälte sie sich, schrieb hinterher einen empörten Brief an Wagner („Das ist eine Zumutung“) und bekam natürlich keine Antwort. Selbst ist die Frau, dachte sich die Bürokraft und schmiss kurzerhand mehr als 300 Seiten des Originals weg.

Urkomisch

Dabei herausgekommen ist ein unterhaltsames Programm, in dem die einst schwere Kost genüsslich und mit einer großen Portion Humor gewürzt serviert wird. Das Ergebnis ist eine urkomische Version der Tetralogie, die bestens unterhält.

Noch immer kommt die Sekretärin mit dem lockeren Mundwerk mit knallrotem Topfhut, schlabbrigem beigefarbenen Kostüm, mit dicker Brille und mit klobiger Handtasche unter dem Arm daher. Optisch runderneuert hat sie sich nicht. Dafür aber eben Wagners Ring. Von mehr als 16 Stunden Originalwerk sind knapp zwei geblieben, in denen Jutta Wübbe alias Marlene Jaschke alle Register zieht. Aus dem einst schweren Opus Magnum (Hauptwerk) Wagners wird eine Kabarett-Oper, die begeistert. Nie ist die Eine-Frau-Show langweilig oder gar langatmig. Die pfiffige Bürokraft im Schraubengroßhandel hat sich mit dem „Ring der Nibelungen“ einen Ring geschaffen, in dem sie sich herrlich austoben kann.

Den Mund ständig zu Grimassen ziehend, feuert die nie still sitzende Hanseatin Gag auf Gag ab, erzählt auf komische Weise ihre Fassung der dramatischen Story von Mord, Totschlag und Diebstahl. Köstlich wird es immer, wenn Jaschke die Charaktere des Stückes psychologisch wertvoll kommentiert. Der Siegfried zum Beispiel sei ja quasi der „Cousin von sich selber“, entlarvt sie hier messerscharf Inzest. Und überhaupt, was sei das für ein Held, was für ein Drachentöter mit seinem Kugelbauch, „in den grünen Strumpfhosen und Minipli-Frisur“. Nein, ein Held sehe ja nun mal ganz anders aus, befindet die Gute gestenreich und mit ihrem ausladenden Kleinbürgerschritt von einer Seite zur anderen schreitend. Ihr Blick fällt durch die große Brille in den Saal, landet bei einem Andreas. Sekunden später sieht sich der Besucher oben auf der Bühne einer verzückten, zappelnden und vor Freude tirilierenden Marlene gegenüber. Ihr knallroter Mund schmachtet: „Mir schwirren die Sinne.“ Die Lacher hat die Ersatzwalküre da schon auf ihrer Seite. Als sie den schlanken dunkelhaarigen Andreas alias Siegfried dann aber Richtung Plüschsessel geleitet und mit ihm den Schmachtsong „True Love“ zelebriert, tobt das Publikum.

Marlene, das ist eine, die in breitem Hamburgerisch so daherplappert, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sie macht vor keiner der Wagner-Figuren halt, mimt den einäugigen Wotan, klappt ihre linke Hand über ihr linkes Auge und philosophiert im Gehen über ihn, seine vielen Kinder („der pütschert auch überall herum“) und seine Götter, erklärt seine Frau Fricka zur „Zicke mit Dutt“, imitiert den Tanz der Rheintöchter. Mit der ihr eigenen Clownerie transportiert Marlene Jaschke die schwere Kost Wagners in das Jetzt, macht sie zum verdaulichen Hochgenuss, der trotz aller Comedy nie ins Banale abdriftet.

Und sie singt eben einfach drauflos, wenn sie – wie früher mit der „Carmen“ – „wieder mal die Kraft der Musik überkommt“. Dass sie dabei den einen oder anderen Ton versemmelt, verzeiht man ihr gerne, dass es nicht nur Stücke aus dem „Ring“ sind, dafür ist man ihr mehr als dankbar. „Von Herrn Wagner ist kein Lied zum Mitsingen“, findet Marlenchen, und recht hat sie. Da gehen doch Sachen wie „Die Geige, die singt“ und „Einmal am Rhein“ viel mehr ins Ohr. Sie wippt fast in einem Anflug von Ekstase auf ihren biederen braunen Schnürschuhen zum Takt der Musik ihres Klavierspielers Herrn Griepenstroh, bastelt sich mithilfe des Publikums ihr eigenes großes Orchester. Jetzt ist sie da, die Wucht der Musik, von der sie sich gern überrollen lässt, die ihren gesamten Körper zum Beben bringt.

Mit Brustpanzer

Den hat sie nach der Pause, ganz dem Originalstück entsprechend, mit Brustpanzer, Speer und riesigen Federflügeln am Helm-Hut geschmückt. Aus Marlene wird Brünnhilde. Ganz Walküre stakst sie über die Bühne. „So habe ich mich mal ins Büro gesetzt“, bekennt die geschätzte Bürokraft. Ihrem so lang gesuchten Siegfried, dem Arbeitskollegen Siegfried Tramstedt, wollte sie dort imponieren. Wollte, denn der Chef kam dazwischen, erklärt sie mit schmachtendem Blick. Genauso wenig Glück habe ihre Freundin Hannelore gehabt, die sie, obwohl nicht anwesend, immer wieder einbindet. Die sei auch auf der Suche nach einem Mann sogar in dem Datingportal„50 plus“ unterwegs gewesen. Fündig geworden sei sie auch nicht. Also heißt es für beide weiter „Auf in den Ring“. Knautschmund, Schulter hochziehen.

Das Publikum tobt, spendet Ovationen im Stehen. Die 120 Minuten sind wie im Flug vergangen, die Lachmuskeln wurden ordentlich strapaziert. Ein Riesenspaß war’s.