Ein Artikel der Redaktion

Meppen Wenn die Hand ausrutscht . . .

02.07.2009, 22:00 Uhr

Der Bruder hat kurzfristig keine Bleibe. Seine Schwester nimmt ihn vorübergehend bei sich auf. Das aber missfällt dem Ehemann. Es kommt immer häufiger zu Streitigkeiten. Der Mann würgt seine Frau, schlägt ihr mit der Faust auf die linke Wange. Und auch mit dem Bruder kommt es zu Handgreiflichkeiten mit gegenseitigen Körperverletzungen.

Trotz einer Wegweisung durch die Polizei kehrt der 49-Jährige am nächsten Tag zur ehelichen Wohnung in der Nähe von Meppen zurück. Er übergießt die Möbel des Schwagers, die bei der Garage abgestellt sind, mit Benzin, will sie in Brand setzen. Davon kann ihn seine Frau abbringen. Unter Alkoholeinfluss stehend, flüchtet der Mann mit dem Auto seiner Frau, liefert sich in der Ortschaft eine Verfolgungsfahrt mit der Polizei, die ihn schließlich stoppen kann. Ein erneuter Platzverweis (die Aufforderung, sich der ehelichen Wohnung nicht zu nähern) wird ausgesprochen.

Dies ist einer von 71 Fällen häuslicher Gewalt, mit denen das Meppener Polizeikommissariat im Jahr 2008 allein im Bereich der Kreisstadt zu tun hatte. Alkoholeinfluss spielt dabei nicht selten eine Rolle. So auch nach einem Straßenfest in Dohren. Ein Ehepaar gerät in Streit. Der Mann versetzt seiner Ehefrau Fußtritte und fügt ihr eine schmerzhafte Rippenprellung zu. Der 15-jährige Sohn holt die Nachbarn zur Hilfe. Sie informieren die Polizei.

Die Streifenbeamten vernehmen in Fällen wie diesen beide Partner getrennt, sichern Spuren, dokumentieren Verletzungen fotografisch. Am Ort des Geschehens müssen sie gut überlegt, aber schnell entscheiden, ob die Beteiligten gemeinsam in der Wohnung bzw. im Haus bleiben, oder ob für das Opfer (in der Regel Frauen und Kinder) akut weitere Gefahren bestehen.

Aufgabe der Beamten ist es bei Gewalttätigkeiten in der Familie, den Opfern Schutz zu geben, Gefahren abzuwehren und Straftaten zu verfolgen. Dabei gilt der Grundsatz, dass die Täter die Wohnung verlassen müssen und nicht die Opfer. Ziel solcher Maßnahmen ist es, den Frauen und Kindern schnelle Hilfe und effektiven Schutz zu bieten und vor allem weitere Gewalttaten zu verhindern. Dazu können im Zuge der polizeilichen Krisenintervention nach dem Gewaltschutzgesetz gegen Täter 14-tägige Wohnungs- und Platzverweisungen als präventive Maßnahme ausgesprochen werden. Sie sollen nicht nur schützen, sondern den Opfern auch Gelegenheit geben, bei anderen Institutionen Rat und Hilfe zu holen.

Die Polizei arbeitet hier unter anderem eng mit der Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt (BISS) und dem Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) zusammen. Zuständiger Sachbearbeiter beim PK Meppen ist Hermann Voß. Seine Abteilung hatte es im vergangenen Jahr unter anderem im Bereich der Stadt Meppen mit 32 sogenannten Rohheits- und Sexualdelikten zu tun. Deutlich wird bei der Betrachtung der Fälle: Familiäre Gewalt findet in fast allen Milieus statt. Und sie kann gerade dann in einen Tötungsdelikt münden, wenn eine Trennung bevorsteht. „Das passiert vor allem, wenn die Frauen sich entschlossen haben, sich zu trennen, wenn der Täter die Macht über die Frau verliert“, erinnert der Kriminaloberkommissar an einen entsprechenden Fall, der sich vor fünf Jahren in Meppen-Bokeloh ereignete. Dort hatte der Mann seine Frau die Treppe heruntergestoßen. Sie erlitt dabei tödliche Verletzungen.

Häusliche Gewalt – für den Gesetzgeber ist sie längst keine Bagatell- und Privatangelegenheit mehr. Sie wird deshalb nicht nur auf Antrag des Opfers, sondern von Amts wegen verfolgt. Es wird in jedem Fall Strafanzeige gestellt. Die Staatsanwaltschaft entscheidet dann über das weitere Verfahren. Ein Ausdruck des jeweiligen umfassenden Vorgangs geht an BISS und SKM. Mit beiden Organisationen wird die weitere Vorgehensweise eng abgestimmt. Sind minderjährige Kinder beteiligt, wird zusätzlich das Jugendamt eingeschaltet. Gemeinsam mit den Institutionen versucht die Polizei, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Männerberatung = Opferschutz, das ist die Devise.