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Farben, Tänze und Rocksounds Freilichtbühne in Meppen feiert Premiere mit „Hair“

Von Tim Gallandi | 06.07.2014, 20:00 Uhr

In die Ära der Gegenkultur der späten 1960er-Jahre sind am Samstagabend etwa 1600 Besucher auf der Emsländischen Freilichtbühne in Meppen eingetaucht. Das Bühnenensemble zeigte eine beeindruckende Inszenierung des Musicals „Hair“: ein Kaleidoskop aus Farben, Rocksounds und Massentanzszenen.

„Let The Sunshine In“, eine der bekanntesten Nummern in dem Werk von Gerome Ragni und James Rado (Texte) sowie Galt MacDermot (Musik), bildete nach zwei Stunden Spielzeit einen fulminanten Abschluss. „Lass die Sonne rein“ – das hatte ein Großteil des Publikums sicher auch gedacht, als gegen Ende des ersten Akts ein heftiger Regenschauer die Bühne im Esterfelder Wald heimsuchte. Während sich die Zuschauer unter Schirme und Kapuzen flüchteten, trotzte das überwiegend junge Ensemble der Nässe auf dem neuen Bühnenboden. Der Regen, der sich zum Glück rasch verziehen sollte, blieb die einzige äußere Widrigkeit am Premierenabend.

„Hair“ zählt zu den erfolgreichsten Musicals der Geschichte und hat das Lebensgefühl der Flower-Power-Bewegung in Musik und Bildern festgehalten. Ein neues Zeitalter (das des Wassermanns) mit Freiheit statt Zwang, Liebe statt Krieg, Blumen im wallenden Haar. Allerdings – und das machte die Meppener Inszenierung deutlich – ist „Hair“ mehr als nur Friede, Freude, Eierkuchen, mehr als bloß bekiffte Hippie-Seligkeit.

Eine Handlung im klassischen Sinn gibt es nicht, statt einer Erzählung wird ein Stimmungsporträt gezeichnet. Die Szenen ranken sich um eine Hippie-Gemeinschaft in New York des Jahres 1968. Die jungen Frauen und Männer verweigern sich dem konformen Lebensstil ihrer Eltern, leben stattdessen ziellos in den Tag hinein, feiern Sex und Drogen als Protest gegen das Establishment, tragen lange Haare als Zeichen der Unangepasstheit. Sie experimentieren mit neuen Lebensentwürfen, testen, ob freie Liebe ohne Eifersucht möglich ist, und gehen auf spirituelle Sinnsuche.

Den roten Faden – eher ist es ein rotes Fädchen – bildet die Dreiecksbeziehung zwischen dem gerade erst aus der Provinz hinzugekommenen Claude Bukowski (bei der Premiere gespielt von Ulrich Kaßburg), der politischen Aktivistin Sheila (Karen Müller) und Berger (Tim Al-Windawe), dem charismatischen Anführer der Gruppe. Claude droht der Militärdienst im Vietnamkrieg. Anders als seine Freunde, die ihre Einberufungsbescheide verbrennen, ist er hin- und hergerissen zwischen den patriotischen Werten seiner bürgerlichen Herkunft und seinen neuen pazifistischen Idealen.

In der Inszenierung von Iris Limbarth greifen diese Szenen elegant ineinander. Das Timing stimmt, als sich zu einem Mix aus Pop, Rock und Psychedelic optimistische Songs („Aquarius“) mit zynischen („Air“) abwechseln, Schnoddrigkeit („Hashish“) auf Erhabenheit („What A Piece Of Work Is Man“) trifft. Ein Höhepunkt gewiss die Sequenz, in der Claude auf dem Drogentrip von den Dämonen der US-Geschichte und -Erzählgegenwart heimgesucht wird. Passend dazu eine von Massentanzszenen geprägte flotte Choreografie, mal harmonisch synchron, dann wieder gewollt ausgelassen, in einer Art organisiertem Chaos.

Gesanglich war das ebenso tadellos; herauszuheben sind neben den genannten Hauptdarstellern auch Julia Felthaus (als Dionne) und Nora Düffels (Crissy) mit markanten Solonummern. Das Bühnenbild (Reinhard Wust) ist auf das Wesentliche beschränkt, wodurch schillernde Requisiten wie ein hellblauer Ford Capri oder ein rotes Sofa, beide mit Sixties-Slogans bepinselt, Akzente setzen.

Der Anspruch des Stücks, Atmosphäre vor Erzählung zu setzen, ist reizvoll, bringt jedoch hier und da auch Herausforderungen mit sich: Ein Basiswissen über die Hippie-Ära ist Voraussetzung, um den Szenen inhaltlich folgen zu können.

Einige Zuschauer, besonders älteren Jahrgangs, werden sich an den durchweg englischsprachigen Songtexten stoßen. Ein Festhalten an der Originalversion ist aber schon allein deshalb sinnvoll, da sich die mit Anspielungen auf die US-amerikanische Gesellschaft gespickten Verse nicht adäquat für ein heutiges deutsches Publikum übersetzen ließen.

Welche Tücken eine solche Übertragung haben kann, zeigte die Dialog-Szene, in der die Hippie-Gemeinschaft Besuch von einer Figur namens Leni Riefenstahl bekommt. Im Original heißt sie Margaret Mead und verweist auf eine US-Ethnologin, deren Studien über die Sexualität südpazifischer Kulturen der sexuellen Revolution den Weg bereitet haben. Leni Riefenstahl hat zwar ebenfalls außereuropäische (hier: afrikanische) Kulturen besucht, ist aber eher als Nazi-Propagandafilmerin unrühmlich bekannt. Der Sinn der Anspielung dürfte sich also kaum jemandem erschlossen haben – eine Szene, die besser hätte wegfallen sollen.

Im Übrigen aber bot die Premiere beste Unterhaltung jenseits mancher Musical-Klischees. Das Ensemble erhielt tosenden Applaus und stehende Ovationen – und ließ mehrere Zugaben folgen.

Nächste Vorstellungen am 11. und 12. Juli; Info: www. freilichtbuehne-meppen.de .