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Fachtagung Meppen: Ältere Menschen brauchen Hausarzt vor Ort

Von Hermann-Josef Mammes | 04.06.2015, 15:35 Uhr

Das Emsland braucht mit Blick auf den demografischen Wandel unbedingt mehr Hausärzte. Diese Ansicht vertritt die neue Leiterin des Fachbereichs Gesundheit bei der Kreisverwaltung, Johana Sievering.

Ältere Menschen seien oft multimorbide. Sie leiden also unter mehreren Krankheiten gleichzeitig. „Die brauchen vor allen Dingen eine Versorgung vor Ort“, sagte die Medizinerin in einem Pressegespräch in Meppen. Der Hausarzt achte zudem auf die Medikamentendosierung.

Gemeinsam mit Landrat Reinhard Winter und Sozialdezernentin Sigrid Kraujuttis ging sie auf die Fachtagung „Gesundheitsregion Emsland“ mit über 100 Teilnehmer in den Berufsbildenden Schulen in Meppen ein. Partner aus dem Gesundheitswesen und der Politik durchleuchteten auf der ersten Konferenz dieser Art der Zukunft der Gesundheitsversorgung im Emsland.

Verantwortung für Gesundheitsversorgung

Winter wies auf Förderprogramme des Landkreises für Nachwuchs- und Allgemeinmediziner hin. Mit diesen Maßnahmen übernehme der Landkreis bereits Verantwortung für eine gute Gesundheitsversorgung. Lisa Ulrich-Müssig vom Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt machte deutlich, dass nur knapp zehn Prozent aller Fachärzte zum Allgemeinmediziner ausgebildet werden und dass es ein ganzes Bündel an Maßnahmen brauche, um einer Unterversorgung an Hausärzten vorzubeugen. Diese seien aber speziell im ländlichen Raum „unverzichtbarer Infrastruktur-Bestandteil“.

Antje Erler, ebenfalls vom Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt, zeigte anhand von Praxisbeispielen auf, wie gesundheitliche Versorgung im ländlichen Raum funktionieren kann: darunter ein Zweigpraxenmodell in Wolfenbüttel, bei dem Ärzte verschiedener Fachrichtungen nach einem Stundenplan im Einsatz sind. Amtsleiterin Sievering wies auf die Ausbildung der nicht ärztlichen Praxisassistenten im Meppener Ludmillenstift hin. Die intensive Schulung von medizinischen Fachassistenten entlaste die Hausärzte. Wilhelm Wolken sprach als Geschäftsführer der Bezirksarbeitsgemeinschaft der Krankenhäuser. Er führte aus, dass es trotz einer Reduzierung der Krankenhäuser und Krankenhausbetten zu einer deutlichen Kapazitätsausweitung und Produktivitätssteigerung bei der Behandlung von Patienten gekommen sei.

Fachkräftemangel spürbar

Wolken betonte, dass der demografische Wandel und neue Anforderungen an die Patientenversorgung die stationäre Versorgung vor große Herausforderungen stellen. Verschärft werde die Situation durch den Fachkräftemangel, der nur durch zusätzliche Studienplatzangebote und attraktivitätssteigernde Maßnahmen bei Pflegeberufen gelöst werden könne.

Den Modellstudiengang Medizin der European Medical School in Oldenburg stellte Kirsten Gehlhar von der Carl-von-Ossietzky-Universität, Oldenburg, vor. Sie forderte weitere Arztpraxen in der Region auf, Studierende in Hospitationen zu betreuen. Die Hospitationen seien die beste Werbung für die Niederlassung, sagte Gelhar. Sie sprach sich dafür aus, Fahrt- und Unterkunftskosten zu übernehmen. Landrat Winter beklagte im Pressegespräch, dass gerade im mittleren und südlichen Emsland Hausärzte die Chance zu wenig nutzen.

Auslaufmodell Hausarztpraxis

Sebastian Bork vom Ärztezentrum Holthausen-Biene führte sieht im demografischen Wandel eine besondere Herausforderung. Patienten, aber auch Hausärzte würden immer älter. Zudem seien 70 Prozent der Medizinstudenten Frauen. Nur wenige wollten als Hausärzte arbeiten. Als Gründe legte er den Wunsch einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung, Angst vor finanziellen Risiken sowie schwierige Nachwuchsakquise dar.

Durch Ärztezentren wie das in Holthausen-Biene könnten Synergieeffekte erreicht werden, die den Hausarztberuf attraktiver gestalteten. Bork sieht in der „klassischen Hausarztpraxis im ländlichen Raum ein Auslaufmodell“.

Sievering fand die „Konferenz insgesamt „grandios“. Alle Parteien hätten sehr sachlich diskutiert und gemeinsam nach Lösungen gesucht. Landrat Reinhard Winter kündigte bereits an: „Wir wollen das Ganze im Emsland auf jeden Fall wiederholen.“