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Brillante Leistung Theater-AG des Windthorst-Gymnasiums lädt aufs Sofa

19.10.2014, 14:17 Uhr

Fasziniert, amüsiert und zum kritischen Mitdenken motiviert – so hat das Publikum die Theateraufführung von Martin Walsers „Das Sofa“ der Theater-AG des Meppener Windthorstgymnasiums perfekt interpretiert erlebt.

Wieder einmal hatte es die Leiterin der gymnasialen Theater-AG, Ellen Bechtluft, verstanden, die Schüler ihre darstellerischen Fähigkeiten entdecken und zur Entfaltung bringen zu lassen – nicht einer auf der Bühne, der in seiner Rolle nicht durchweg überzeugte. Klare, bis in die letzte obere Sitzreihe deutlich zu verstehende Artikulation und präzise Diktion, durchdachte Gänge, glaubhafte Identifikation mit den vielschichtigen Charakteren durch ungekünstelte, aber bis ins Detail stimmige Mimik und Gestik erzeugen großen Respekt vor dieser Gesamtleistung.

So anspruchsvoll die große zu lernende Textmenge war, sie kam unangestrengt, und die Spielfreude war allen anzusehen. Hoch konzentriert wurde genau das richtige Maß an Überspitzung gefunden, die Walsers Farce so gesellschaftskritisch wie unterhaltsam wirken lässt. Licht- und Tontechnik waren bei Lennart Müller und Felix Schofeld in guten Händen.

Im sehr lebendig inszenierten, dialektisch gestalteten Rahmen aus Prolog und Epilog offenbart sich spürbar die Spannung zwischen kritischem Veränderungsbedürfnis des Kindes (Sophia Keuper) und denkbequemem Hinnehmen des „überfeinen Herrn“ (Simon Wolter). Identitätsfindung eines Antihelden – Jonas Hüsers lebt den Protagonisten Albert – zwischen Erwartung, Heuchelei und Anpassung. Das Sofa – ein Möbelstück? Es ist Alberts Kosmos, subversives Fundament seiner Fantasiewelten, auf ihm flieht der 39-Jährige vor der Realität, verteidigt seine Kindheit. Die Notwendigkeit einer Aufarbeitung der Kriegsgeneration zwar zur Sprache bringend, verharrt er jedoch mit kasuistisch anmutenden Pseudo-Analysen und -Philosophien in gut getarnter Bequemlichkeit.

Das ist seiner Mutter, hervorragend von Katharina Lehmann verkörpert, nur recht. Mit ihrer stets gegenwärtigen Teekanne und mütterlichen Fürsorge macht sie ihrem Namen Placidia, der für flach, gemütlich und wohlgefällig steht, alle Ehre.

Sie hintertreibt jeglichen Versuch, Albert zur Aktivität zu bewegen. Rudi (Josua Book) und Carlchen (Melissa Köning) finden mit ihren seltsamen Karriere-Plänen keinen Zugang. Auch die liebende Klara, hingebungsvoll von Jaimee Lee Bramlage gestaltet, hat zu Alberts Welt nur zeitweise Zutritt. Auf und um das Sofa ist man vor Veränderungen sicher – „ein Sohn bleibt ein Sohn“. Der unermüdlich aufrüttelnden Hausbesitzerin Herta, der Johanna Keuper hinreißendes Temperament verleiht, gelingt es als Einziger fast, Albert für sich zu gewinnen, erhofft sie in ihm doch die Fortsetzung ihrer Beziehung zu dessen Vater. Wie Schatten folgen ihr die Schwestern Berta und Gerda, denen Leandra Willems und Lina Andres trotz übereinstimmender Kostümierung Profil geben.

Doch auch noch so viele gepackte Koffer sind kein Aufbruch. Je weiter Albert den Horizont steckt, desto mehr bleibt es bei Vorsätzen. So gewinnt bei allem Drang, die Vergangenheit zu bewältigen, ebendiese in ihrer Übermacht, und Albert tritt des toten, aber krampfhaft als lebendig verkauften Vaters Erbe an, statt es zu überwinden. Dagegen ist auch der Amtsarzt ohnmächtig, von Adrian Schug überzeugend gespielt.

Das Sofa wird zur unendlichen Geschichte, findet ein neues Opfer. Die Absurdität des „Normalen“, kafkaesk widergespiegelt und in Frage gestellt – eine reife Leistung dieser jungen Akteure und ihrer Lehrerin.

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