Ein Artikel der Redaktion

Aufführung der Theater-AG Meppen: Schüler begeistern amüsant und kritisch

29.09.2013, 13:30 Uhr

„Meine Familie“, wer, was, wo ist das? Dieser Frage haben sich die Theateraktiven des Meppener Windthorst-Gymnasiums auf amüsant-kritische Weise gestellt, die gesellschaftliche Entwicklung unserer Zeit widergespiegelt und ihr Publikum zum Schmunzeln, aber auch zum nachdenklichen Stirnrunzeln veranlasst.

Ausgesprochen wandlungsfähig gaben die zehn Akteure unter der bewährten Regie von Ellen Bechtluft den insgesamt 17 Rollen des Bühnenstücks Leben. Lennart Müller und Felix Schofeld sorgten für reibungslose Technik, für gelungene Zeichnungen sorgte Marie Rathmann, die absolut echt in der Rolle der frühreifen, temperamentvoll-sorglosen, etwas schrägen Caro, Freundin der Hauptfigur Polleke, herüberkam.

Katharina Lehmann als Polleke meisterte die immense Textmenge ihrer Hauptrolle mit Bravour und verstand es, die introspektiven Gedankenmonologe wirksam gegen die retrospektiven Spielpassagen abzusetzen. Pollekes Fazit aus elfjähriger Lebenserfahrung mit allen nur denkbaren Konstellationen familiären Zusammenlebens.

Es gibt keine normalen Papas mehr, die nur zu einer Familie gehören, abends heimkommen und zum Fernsehen ein Bier trinken. Papas wechseln die Familie, übernehmen Kinder, zeugen neue, überlassen sie Folgevätern. Entsprechend groß ist Pollekes Sehnsucht nach exklusiver Zusammengehörigkeit, und danach, von ihrem Papa mit „meine …“ angesprochen zu werden.

Ihr unerschütterliches Bemühen um eine echte Vater-Tochter-Beziehung über alle familiären und gesetzlichen Konflikte ihres Vaters hinaus bleibt ohne Echo, eine schrittweise schmerzliche Erfahrung. Max Große-Brauckmann gestaltete diese Figur des dealenden, egozentrischen Vaters ungemein authentisch. Der Austauschbarkeit seiner Lebensabschnittsgefährtinnen gab Melissa Köning gleich in zwei Rollen ausdrucksstark Wirkung.

Vater-Bild

Das erträumte Vater-Bild generiert zwangsläufig Pollekes entsetzten Widerstand gegen das Bemühen ihres Lehrers um ihre Mutter. Joshua Többen, die den gut meinenden Lehrer leicht introvertiert, ruhig und äußerst strukturiert anlegt, und Meike Roth in der Rolle der allein erziehenden, lebenshungrigen Mutter spielen den Kontrast und das Konfliktpotenzial deutlich heraus.

Zusätzlich zur Problematik des Geschwister- und Halbgeschwister-Netzwerks und der Elternbindung muss sich Polleke mit der Frage interkultureller Beziehungen beschäftigen, doch ihr marokkanischer Freund, sehr einfühlsam von Josua Book dargestellt, hält zu Polleke gegen die Trennungsversuche seitens seiner Mutter, in die sich Mareike Willems völlig glaubwürdig hineinversetzte.

Die auch in ihren Tagträumen klar denkende, pragmatisch hinterfragende Polleke findet Zuflucht im stabil geordneten Leben ihrer Großeltern, bis ins Detail überzeugend von Hannah Lilge und Eva Kuiter gespielt. Hier findet sie Halt im zuverlässig Unveränderten, darf die sein, die sie ist, erfährt Ermutigung und Werte-Orientierung ohne Gängelzwang, darf sich ausprobieren und zur Ruhe kommen.

Es spricht für die Qualität dieser Aufführung, dass die Theaterbesucher ein Weilchen brauchten, bis der wohl verdiente Beifall tosend einsetzte. Auch wenn Pollekes Hand in der Hand ihres Freundes ein Zuhause findet auch wenn Pollekes Schlusswort „Wir alle für immer zusammen“ heißt, so brennen sich doch Sätze wie „Vielleicht habe ich auch einen Glauben, ich weiß es nur noch nicht.“ und „J e t z t müssen sie (die Erwachsenen) fragen, ob Polleke glücklich ist.“ sowie „Warum verstehen Erwachsene nie, was geht und was nicht?“ ins Gedächtnis des Betrachters und fordern persönliche Verantwortlichkeit.