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Alzheimer-Fachtagung in Meppen Plötzlich fallen Lektüren aus dem Regal

Von Matthias Engelken | 21.09.2011, 07:00 Uhr

Auf reges Interesse bei medizinischem und pflegerischem Fach-publikum aus dem gesamten Kreisgebiet ist am Montagabend die erste Vortragsveranstaltung des Landkreises Emsland zum Thema „Lebensweg Demenz“ im Jugend- und Kulturgästehaus in Meppen anlässlich des heute stattfindenden „Welt-Alzheimer Tages“ gestoßen.

In einem Punkt waren sich dabei alle einig: Angehörige müssten für Warnzeichen sensibilisiert werden, damit sie in Verdachtsfällen unbedingt Hilfestellen oder den Hausarzt aufsuchen. Zwar sei die Krankheit nicht heilbar, doch der Verlauf ließe sich mithilfe frühzeitiger medizinischer Unterstützung durchaus aufhalten.

„Was macht der Kamm im Kühlschrank?“ Provokant eröffnete die Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes beim Landkreis und Fachärztin für Psychiatrie, Johanna Sievering, den Vortragsreigen mit einer Frage, die sich so oder ähnlich zahlreichen Menschen plötzlich stellen würde. „Das sind deutliche Warnzeichen einer aufkommenden oder längst schwelenden Demenzerkrankung, ähnlich wie plötzliche Reizbarkeit oder vernachlässigte Körperpflege!“

Bei etwa 1,3 Millionen Menschen in Deutschland ist die Krankheit heute diagnostiziert. Etwa 3800 Menschen sind den Hochrechnungen zufolge aktuell im Emsland betroffen. „Die Menschen werden älter. Man hat heute neben dem Berufsleben, dem Freizeitleben noch ein langjähriges Rentenleben.“ Zwangsläufig würde damit die Zahl der Erkrankten steigen. „Stillschweigen und Tabuisieren ist dabei der falsche Weg“, ermunterte sie, in Verdachtsfällen mit dem Hausarzt zu sprechen.

Ebenso rief Wiebke Godehardt, Projektleiterin der Paritätischen Demenz Beratung (PaDeBe), Angehörige dazu auf, Hilfestellen aufzusuchen. „Viele pflegende Angehörige sind nach einer Umfrage aus dem Jahr 2009 körperlich und seelisch überlastet. Fast jeder Zweite gab in der Befragung an, dass ihn die Aufgaben zu Hause an den Rand eines Burn-outs bringt“, so die Gerontologin. Deshalb müsse man nicht nur mit den demenziell Erkrankten arbeiten, sondern ebenso Entlastungsangebote für pflegende Angehörige von Demenzerkrankten schaffen. Als Beispiel nannte sie Betreuungsgruppen, Tagespflegeeinrichtungen und ambulant betreute Wohngruppen, in die Demenzerkrankte für einige Zeit gegeben werden, um den Pflegenden freie Zeiten zu ermöglichen.

In die gleiche Kerbe stieß Heike Wietholt. Sie leitet das Seniorenzentrum „Am Hasetal“ in Haselünne und gab einen Einblick in die Problematik bei der Verständigung mit Demenzerkrankten. „Erkrankte haben eine andere Wirklichkeit, die zunächst einmal von den Angehörigen akzeptiert werden muss.“ Erst danach wäre es für Angehörige möglich, auf die Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen. Wietholt verglich die Veränderungen im Gehirn demenziell Erkrankter mit dem nicht Erkrankter am Beispiel einer gut sortierten Bibliothek. „Bei Erkrankten fallen plötzlich aus den sortierten Bücherregalen die zuletzt gelesenen Lektüren heraus, gerade Erlebtes ist nicht mehr bekannt.“ Häufiges Schwelgen in Kindheitserinnerungen könnten daher Warnsignale für eine Erkrankung sein.