Zwischen Marx und Jesus Kabarett schwingt „Herkuleskeule“ in Meppen

Von Petra Heidemann


Meppen. Inmitten von Umzugskartons, eingerahmt von zwei Büsten – links ein angeschlagener Karl Marx , rechts ein dornengekrönter Jesus – ist auf die Meppener Theaterbesucher ein Feuerwerk an akrobatischen Wortspielen und analytischem Scharfsinn niedergeprasselt.

Das Dresdener Kabarett-Ensemble „Herkuleskeule“ machte seinem Namen alle Ehre, holte gewaltig aus gegen politische und gesellschaftliche Missstände. Die Kartons vom letzten Umzug des Ensembles rückten unverkennbar Deutschland als Land im Umbruch in den Fokus des hochkonzentriert-nachdenklichen und zugleich entspannt-amüsierten Publikums.

Vor einem Aufbruch in die Zukunft gelte es, Ballast abzuwerfen. Das tat die „Ballastrevue“ aus der Feder von Wolfgang Schaller. Skurril anmutende und so offensichtliche Gedankenverknüpfungen entlarvten Selbstverständliches in Politik und Gesellschaft als absurd.

Frappierender Erkenntnisbogen

Unter der akzentuierenden Begleitung des Pianisten Jens Wagner und des Geige spielenden Schlagzeugers Volker Fiebig gelang es Birgit Schaller, Nancy Spiller und Hannes Sell, einen frappierenden Erkenntnisbogen von Weltreligionen über Literaten bis zu politischen Epochen zu spannen, und dabei die Grenzen kleinräumigen Lupendenkens global aufzubrechen. Wie ein „Schachtelteufel“ sprang Hitler als Handpuppe aus seiner Urne und musste hinnehmen, dass man das letzte Wahlergebnis auch als „immerhin haben 73 Prozent [in Sachsen, Anm. d. Red.] die AfD nicht gewählt“ interpretieren könne. Nur dem, der ein Tabu breche, höre man noch zu.

Ein pointierter Rap warnte vor Dschungelcamp und Trash, denn „je verblödeter ein Volk, desto besser zu lenken“. Internet-Foren seien noch keine Schwarm-Intelligenz. Jeder Angler müsse seine Befähigung mit einem Schein nachweisen, aber wählen dürfe jeder. Kein Wunder, wenn sich Wahlen als Legitimation für spätere Entscheidungen gegen die Wähler herausstellten. „Jamaika-Koalition“ sei eine Art „Ehe für alle“, diese sei als Steuern sparendes Modell auch für heterogene Geschäftspartner interessant.

„Kalinka“ wird Jodler

„German Angst“ – ob Vogelgrippe, ob Lebensmittelskandale – sei ein wirksames Instrument. Vor einem furchtsamen Volk brauche sich die Regierung nicht zu fürchten und könne Computer ruhig überwachen. „Wir verteidigen Freiheit und Demokratie, bis wir sie besiegt haben!“

Mit Sirenengeheul zeichneten die drei ein Kehrbild von Willkommenskultur: Verlagerten sich militärische Krisen – wären dann Tausende Europäerinnen im Burkini auf der Flucht über das Mittelmeer nach Afrika, würden „Frauen im Viererpack“ an arabische Männer verteilt und müssten Arabisch lernen? Jeder Krieg habe einen Lerneffekt, aber nur für die Überlebenden. Besser seien kreative Ideen zur Verständigung, demonstrierte Birgit Schaller stimmgewaltig und bravourös, indem sie „Kalinka“ zum bayrischen Edeljodler und die Arie der Olympia („Hoffmanns Erzählungen“) zum „Highway To Hell“ verwandelte.

Das „Käufer-unser“

Es gelte, Gemeinsamkeiten zu suchen – aber ob „Chrislam“ ein Weg sei? Allein vom In-die-Kirche-Gehen werde man ebenso wenig schon zum Christ wie vom Stehen in der Garage zum Auto. 300 Tonnen Plastikmüll, die stündlich in den Ozeanen landen, sprächen eine deutliche Sprache über uns als Konsumwachstumsgläubige. Das „Käufer-unser“ bat um tägliche Bonuspunkte bei der Versuchung durch Sonderangebote und im Wahn „gluten- und laktosefreier Tofuhähnchen“.

Wäre es Abtreibung, wenn eine 19-Jährige eine Anti-Aging-Creme benutzte, die eine Verjüngung um 20 Jahre verspräche? Brillierten die drei Künstler immer wieder mit Witz, Esprit und hinreißenden musikalischen Darbietungen, so sezierten sie doch skalpellscharf geschichtliche wie aktuelle Politiker-Aussagen aus aller Welt und ließen ob deren Widersprüchlichkeit und aktuelle Brisanz in analytischer Zusammenschau erschreckt aufhorchen. Demokratie brauche Vielfalt, Wutbürger seien noch lange keine Hassbürger, und Waffengeschäfte handelten nicht mit Friedenstauben, schlossen sie den gedanklichen Kreis gegen rechts und gaben mit einer eigenen Version des Brechtschen Friedensliedes dem Publikum ihre persönliche Friedensbotschaft mit auf den Nachhauseweg.