Autorin am 7. September in Meppen Sie macht Frauen mit der Diagnose Brustkrebs Mut

Von Carola Alge

Diagnose Brustkrebs: Annette Rexrodt von Fircks wurde sie gestellt, als sie 35 Jahre alt war. In Meppen erzählt sie am 7. September 2017 auch von dieser Zeit. Foto: Karin CostanzoDiagnose Brustkrebs: Annette Rexrodt von Fircks wurde sie gestellt, als sie 35 Jahre alt war. In Meppen erzählt sie am 7. September 2017 auch von dieser Zeit. Foto: Karin Costanzo

Meppen. Krebs! Annette Rexrodt von Fircks war 35 Jahre alt, als ihr die Diagnose gestellt wurde. Im Interview erzählt die Buchautorin von dieser Zeit, über die sie bei einer Veranstaltung in Meppen am 7. September 2017 berichtet.

„Für mich hörte die Erde erst einmal auf, sich zu drehen“, sagt sie von diesem Moment. Niemals hatte sie damit gerechnet, „dass so früh der Tod seine Krallen nach mir ausstrecken wollte“. Ihr wichtigster Wegbegleiter in dieser schweren Zeit: Hoffnung.

Krebs, diese Diagnose bedeutet für viele: Die Welt bricht zusammen. Wie war das bei Ihnen?

An einem frühlingshaften Tag im März 1998 fiel die Diagnose: Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Die Ärzte gaben mir eine Überlebenschance von nur 15 Prozent für die nächsten sechs Monate. Um mich herum wurde alles still, es gab kein oben und kein unten mehr. Für mich hörte die Erde erst einmal auf, sich zu drehen.

Sie waren da 35 Jahre alt, voller Pläne ...

Ja, und ich hatte niemals damit gerechnet, dass so früh der Tod seine Krallen nach mir ausstrecken wollte. Ich stand mittendrin – im Leben. Es war, wie John Lennon einst sagte: „Leben ist, was dir widerfährt, während du andere Pläne schmiedest.“

Sie haben damals, als Sie aus dem Kernspin kamen und erfuhren, wie es um Sie steht, als Erstes nicht mit Ihrer Familie telefoniert, sondern mit Ihrer Psychologin. Warum?

Ich stand unter allergrößtem Schock und wusste, dass meine Familie ebenso völlig paralysiert sein würde. Ich brauchte sofortige, am besten professionelle Hilfe. „Entscheiden Sie sich für das Leben“, schließlich war es dieser schlichte Satz der Psychologin, der mich aus der Erstarrung löste und Platz für die Hoffnung schaffte. Viel mehr hatte sie auch nicht gesagt. Heute bin ich überzeugt, dass die Hoffnung über all die Jahre hinweg mein wichtigster eigener innerer Wegbegleiter war und ist.

In einer Essener Klinik musste Ihnen die rechte Brust abgenommen werden. Zwei Wochen später entschieden Sie sich gemeinsam mit den Ärzten, auch linke amputieren zu lassen. Was ging da Ihnen vor?

Für das Leben war ich bereit, meine Brüste herzugeben. Sie waren schön, ja, und hatten auch gute Dienste geleistet: Drei Kinder hatte ich stillen können und diese erste zarte Mutterzeit genießen dürfen. In den Nächten vor den Amputationen hatte ich mich mit liebevollen Gedanken von der jeweiligen Brust verabschiedet.

Wie reagierte Ihr Mann auf die Amputationen?

Direkt nach der ersten Brustamputation gaben die Ärzte ihm zu verstehen, dass er mich verlieren würde. Krebs war in der gesamten Brust und hatte schon gestreut. So verstand er die Amputationen als völlig sinnlos, als Quälerei, und riet mir, die zweite Brust nicht abnehmen zu lassen. Gleichzeitig versicherte er, dass er und dieKinder auch ohne mich zurechtkommen würden.Mein Mann hatte mich zu diesem Zeitpunkt aufgegeben.

Ihre Gedanken zu der Zeit?

„Wird die Therapie wirken? Darf ich noch erleben, wie meine Kinder groß werden?“, das waren damals meine Herzensfragen, die schier unerträglich schmerzlich waren. Denn niemand konnte sie mir beantworten, kein Arzt, kein Professor, kein Pfarrer … einfach niemand. Ich musste sie aushalten. Häufig habe ich mich in der Situation als sterbenskranke Mutter allein und überfordert gefühlt.

Es folgten hoch dosierte Chemotherapie und Bestrahlungen. Eine Meppener Brustkrebs-Patientin sagte einmal im Gespräch mit unserer Redaktion: „Dieses rote Gift wurde mein bester Freund“ ...

Ja, und das ist eine sehr gute Entscheidung. Auch ich ging diesen Weg, betrachtete die Chemotherapie nicht als Gift, sondern als meinen besten Verbündeten und hieß sie willkommen. Ich gab ihr sogar einen Namen. Dadurch spürte ich die Zügel des Lebens weiterhin in meinen Händen. Ich fühlte mich unter der Behandlung nicht als Opfer der Geschehnisse, sondern konnte mitgestalten. So suchte ich mir beispielsweise Rat und Hilfe, wenn Nebenwirkungen eintraten, und mir ist es häufig gelungen, diese abzumildern. Mein großer Wunsch war es, Leben zu leben – auch während der monatelangen Behandlungszeit. Sehr schnell war mir damals klar, dass der Augenblick wohl das Einzige ist, was wir Menschen alle wirklich „nur“ haben. Zeit ist so kostbar, wir können sie nicht zurückholen und auch nicht vermehren.

Sie haben, als Ihnen die Haare ausfielen, keine Perücke getragen ...

Als ich erkannte, dass ich mich unter der Perücke verstecken wollte, weil ich mich mit Glatze gar nicht mochte und liebenswert empfand, erschrak ich. Würde ich einem meiner Kinder eine Perücke überziehen, weil ich es mit Glatze nicht mehr lieb haben könnte, fragte ich mich. Jemals? … Nein, doch niemals! Das war der Grund für mich, keine Perücke zu tragen. Und das war der Moment in meinem Leben, als ich begann, mich selbst lieb zu haben.

Aus der Zeit gibt es von Ihnen das Zitat: „Wer schön sterben will, sollte jung sterben“. War Ihnen das Äußere da schlagartig nicht mehr wichtig?

Oh doch, aber da war nicht mehr diese übertriebene Eitelkeit. Von heute auf morgen stand ich plötzlich mitten im Chaos, es gab keine Maske und keine Schminke mehr, ich verlor beide Brüste und meine Haare. Plötzlich hieß es nur noch: Leben oder Sterben. Nichts passte mehr, der Spiegel zerbrach. Wer war ich, und was ist Leben?

Was war Leben für Sie in dem Moment?

Ist es nicht so, dass wir häufig äußeren Werten hinterherjagen, möglichst perfekt sein wollen? Ewige Schönheit, Antifaltencremes, Liftings, bloß nicht älter werden! Eigentlich ist das doch eine Farce und nicht zeitgerecht. Unser Leben ist unglaublich zerbrechlich. Heute denke ich, dass eine fürsorglich gepflegte Seele in Freundschaft mit dem Körper den Menschen im Älterwerden erstrahlen lässt.

In einer Essener Tumorklinik sind Sie vielen Krebskranken begegnet, haben Ihnen Mut gemacht. Woher haben Sie die Kraft dazu genommen?

Ich hatte im Tumorzentrum so unglaublich viel Elend gesehen und erlebt. Inmitten meiner Behandlungszeit war ich überzeugt, dass man es immer nur mit einer eigenen inneren kleinen „grünen“ Insel betreten sollte. Daher wuchs in mir das Bedürfnis, anderen Betroffenen meine positiven Erfahrungen mitzuteilen und die Botschaft zu übermitteln, dass jeder eine Chance hat, in dieser großen Krise einen guten Weg für sich zu finden. Jeder Mensch verfügt über eigene innere heilsame Kraftquellen.

In dieser Zeit schrieben Sie einen Brief: „Entscheiden Sie sich für das Leben“. Darin erzählen Sie nicht nur Ihre Geschichte, sondern berichten vom „Prinzip der positiven Programmierung“ ...

Unsere Gedanken sind mächtig, und wir sollten sie achtsam denken, liebevoll behüten und aufmerksam beobachten, damit sie nicht wie eine Horde herrenloser Hunde in alle Richtungen laufen, sondern an unserer Leine in die von uns gewünschte Richtung. Gedanken bestimmen maßgeblich unseren zukünftigen Weg mit. Wenn ich denke, also mir vorstelle, wie mein Körper sich repariert und ich dadurch wieder gesund werde, schicke ich ihm positive Botschaften. Es werden durch sogenannte Neurotransmitter gesundheitsfordernde Bahnen gelegt. Fast von allein und unmerklich ändert sich mein Verhalten, ich gehe schließlich besser mit mir selbst um.

Darauf entstand Ihr Buch „ ... und flüstere mir vom Leben“. Als die Autobiografie erschien, lagen Sie in einer Reha-Klinik, in der bei einer Vorsorgeuntersuchung eine Veränderung des Knochenmarks im Schienbein diagnostiziert wurde. Was ging da in Ihnen vor?

Angst – ich hatte große Angst. Da wurden die Schatten wieder größer und die Laute leiser. Ausnahmezustand Leben.

Wie groß war und ist die Angst, dass der Krebs zurückkommt?

Die Angst ist auch heute noch da. Ich gelte nicht als geheilt. Aber sie hat auch etwas Positives, sie ist ein steter Antreiber, die Zeit – meine Lebenszeit im Hier und Jetzt – zu schätzen und bewusst zu nutzen.

2005 haben Sie die Rexrodt von Fircks Stiftung für krebskranke Mütter und ihre Kinder gegründet. Warum ist es Ihnen wichtig, die Kinder Erkrankter einzubeziehen?

Eine der schwierigsten Aufgaben in der Bewältigung meiner Erkrankung war es, den guten Mittelweg zu finden, den Kindern die Wahrheit zu sagen, authentisch zu sein, ohne sie aber ihrer Kindheit zu berauben. Ich habe mich häufig überfordert und allein gefühlt. Meine eigene Erfahrung und das Wissen, dass jährlich in Deutschland 250000 Kinder neu betroffenen sind mit einem Elternteil, das an Krebs erkrankt ist, und dass die Hälfte von ihnen Verhaltensauffälligkeiten entwickelt, waren der Antreiber für die Stiftungsgründung im Sommer 2005. Ich wollte dazu beitragen, diese schmerzliche Wunde in unserer Gesellschaft zu schließen.

Ein Jahr später startete Ihr Projekt „gemeinsam gesund werden“. Es galt da als innovativ ...

Es läuft seit elf Jahren in der Klinik Ostseedeich in Grömitz an der Ostsee, und es ist einzigartig, weil die Mütter gemeinsam mit ihren Kindern in dieser Rehabilitationsmaßnahme neue Kräfte schöpfen. Zusätzlich zu den Anwendungen einer klassischen onkologischen Reha wird die Mutter in der Mutterrolle gefestigt, und das Kind erhält während der dreiwöchigen stationären Maßnahme ebenso ein eigenes Behandlungsprogramm. Aus „gemeinsam gesund werden“ konnten wir weitere Projekte entwickeln und umsetzen – wie Schwerpunktkuren für Mütter mit anderen Krebserkrankungen. Bislang haben wir über 6000 Familien in unseren Projekten behandelt.

Welche weiteren Projekte plant Ihre Stiftung?

Meine Vision ist es, unsere bereits bestehenden Projekte langfristig zu sichern, und meine Herzensangelegenheit, eine Schwerpunktkur für Mütter mit einer chronischen Krebserkrankung (wenn die Erkrankung metastasiert ist) umzusetzen und anzubieten. Aber dafür muss ich noch die Sterne vom Himmel holen. Wir sind auf Spenden angewiesen, um helfen zu können.

Mittlerweile haben Sie mehrere Bücher geschrieben und viele Broschüren als eine Art erster Wegweiser zur Genesung geschrieben. Was ist das Wichtigste auf dem Weg zur Genesung?

Leider gibt es nicht den einen allgemeingültigen Rat. Hoffnung, Glaube, Wissen, Selbstakzeptanz und Selbstliebe, Fürsorglichkeit, Familie, Freunde, erfahrene und menschliche Ärzte … das sind ineinandergreifende wichtige Faktoren, die sicherlich eine große Rolle spielen im Prozess, wieder stark zu werden und auch zu genesen.

Nach Meppen kommen Sie am 7. September. Was erwartet die Teilnehmer?

Ich werde das Leben in den Mittelpunkt stellen. Mehr möchte ich jetzt nicht verraten.

Am 7. September 2017 ist Annette Rexrodt von Fircks um 18 Uhr zu Gast im Theater des Meppener Windthorstgymnasiums. „Diagnose Krebs“ ist der Abend überschrieben, zu dem der Krebsfonds Meppen einlädt. Eintritt: acht Euro an der Abendkasse/im Vorverkauf, Betroffene zahlen fünf Euro. Karten gibt es unter anderem im Krankenhaus Meppen, unter Tel. 05931/ 1524503 und per E-Mail alltagslotse@ludmillenstift.de.


„Untersuchungen zur Früherkennung wichtig“

Je früher eine Krebserkrankung entdeckt und behandelt wird, desto größer sind die Heilungschancen. Uta Fahl, Leitende Ärztin der Gynäkologie am Meppener Krankenhaus Ludmillenstift, hält deshalb Krebsfrüherkennungsuntersuchungen für immens wichtig.

Brustkrebs gehört bei Frauen zur häufigsten Krebserkrankung. Jede zehnte Frau erhält im Laufe ihres Lebens diese Diagnose. Die meisten sind dabei älter als 50 Jahre. Als Risikofaktoren nennt die Medizinerin zu wenig Bewegung, regelmäßigen Alkoholkonsum und Rauchen. In seltenen Fällen könne eine erbliche Belastung für Brustkrebs vorliegen.

Zu den Vorsorgeuntersuchungen zählen regelmäßige Tastuntersuchungen der Brust sowie das Mammografie-Screening. Von 1000 Frauen, die am Mammografie-Screening teilnehmen, erhielten 970 die Nachricht, dass ihr Befund unauffällig sei. 30 Frauen würden weitere Untersuchungen angeboten. Bei 24 dieser 30 Frauen stelle sich heraus, „dass der Verdacht falsch gewesen ist“- Sechs der Frauen erhielten die Diagnose Brustkrebs.

Zertifizierte Brustzentren wie das im Meppener Krankenhaus Ludmillenstift, haben sich darauf spezialisiert, Frauen mit Brustkrebs nach hohen Qualitätsmaßstäben zu behandeln. Hier arbeiten Spezialisten der Fachgebiete Gynäkologie, Pathologie, plastische Chirurgie, Onkologie, Radiologie, Strahlentherapie und Psychoonkologie eng zusammen, um Frauen mit einer Brustkrebserkrankung in ihrer persönlichen Situation optimal zu unterstützen. -cw-