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Abordnung und ihre Folgen Unruhe an emsländischen Gymnasien durch Lehrermangel

Von Carola Alge, Tobias Böckermann, Julia Mausch und Maike Plaggenborg

An welche Schule geht es vorübergehend? Das Lehrerpuzzle ist im Emsland in vollem Gange. Symbolfoto: Julian Stratenschulte/dpaAn welche Schule geht es vorübergehend? Das Lehrerpuzzle ist im Emsland in vollem Gange. Symbolfoto: Julian Stratenschulte/dpa

Meppen. Stundenpläne zu erstellen, ist eine langwierige Puzzle-Aufgabe. Jetzt müssen sie an vielen Gymnasien neu geschrieben werden. Auch an emsländischen. Der Grund: eine Abordnungsanordnung des Landes. Mit ihr soll der Lehrermangel an Grund-, Haupt-, Real- und Oberschulen gelindert werden. Was sagen die Leiter der betroffenen Gymnasien? Wir haben nachgefragt.

Die Abordnungswelle erfasst zunächst vor allem die Stundenplaner mit starkem Sog. An den betroffenen Einrichtungen – abgebenden Gymnasien wie aufnehmenden Schulen – müssen nun viele Pläne mit heißer Nadel verändert werden.

Das Gymnasium Haren hat ebenfalls zwei Lehrer abstellen müssen, allerdings ist das hier nicht so holprig verlaufen, wie an anderen Schulen. Weil an der benachbarten Oberschule Französisch-Lehrer fehlten, unterrichteten nun zwei Kollegen dort – einer mit vier und einer mit acht Stunden, berichtet Michael Heuking, Schulleiter am Gymnasium Haren. „Wir wussten das bereits Monate vor den Ferien und konnten uns vorbereiten.“

“Ein systemimmanentes Problem“

Dass es anderen Schulen deutlich schlechter ergangen ist, hat Heuking in verschiedenen Gesprächen mit Kollegen erfahren. Er hält das nicht für ein kurzfristig und plötzlich auftauchendes Ereignis, sondern für „ein systemimmanentes Problem“

Keine Stellungnahme aus Haselünne

Das Kreisgymnasium St.Ursula in Haselünne wollte auf Anfrage keine Stellungnahme abgeben. Nach Informationen unserer Redaktion sind dort 54 Fehlstunden aufzufangen, die durch die Abordnung von Lehrern entstehen.

45 Stunden muss das Windthorstgymnasium Meppen abordnen. Die Unterrichtsversorgung dort sei dadurch nicht gefährdet, so Direktorin Daniela Brüsse-Haustein. Bedauerlich findet sie den kurzfristigen Zeitpunkt der Abordnungsanordnung. „Eine frühere Information wäre für unsere Planung wünschenswert gewesen“.

Das Gymnasium Marianum Meppen ist nach Auskunft von Schulleiter Leo Pott nicht betroffen, da es sich nicht um eine staatliche Schule, sondern eine in kirchlicher Trägerschaft handelt. Das ist auch beim Lingener Franziskusgymnasium sowie dem Gymnasium Leoninum in Handrup der Fall. „Wir sind eine freie Schule, wir müssen uns mit Lehrkräften selbst versorgen“, sagt Handrups Schulleiter Franz-Josef Hanneken.

Anders sieht es am knapp 24 Kilometer entfernten Gymnasium Georgianum in Lingen aus. Schulleiter Manfred Heuer wurde vergangene Woche kurzfristig informiert, dass er mehrere Lehrer stundenweise abstellen muss – unter anderem an die Grundschule Lohne in Wietmarschen sowie an die Gauerbach-Grundschule in Lingen. Wie viele Stunden genau, das könne er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Das Thema Lehrerabordnungen ist nicht neu, sagt der Schulleiter. Schon in der Vergangenheit haben Lehrer in Lingen bei Krankheitsfällen an den Berufsbildenden Schulen (BBS) ausgeholfen – oder dem Georgianum selbst wäre geholfen worden. Dass nun Gymnasiallehrer nicht an weiterführenden Schulen, sondern Grundschulen unterrichten, das ist für Manfred Heuer neu. Seiner Aussage nach, werden Gymnasiallehrer an Grundschulen unterrichten, die bereits jetzt schon fünfte oder sechste Klassen betreuen, da sie Erfahrung mit jungen Schülern haben.

„Es kommt immer auf die Persönlichkeit an“

Neben der Grundschule Gauerbach werden die Lehrer des Georgianum an der Grundschule Lohne unterrichten. Acht Stunden werden an die Grundschule in Wietmarschen abgegeben, sagt Schulleiterin Beate Breitenbach-Jost, die in der Vergangenheit Engpässe hatte, weil Kollegen in Elternzeit waren oder sind. Nun bekommen sie Unterstützung von einem Kollegen einer weiterführenden Schule, der womöglich im Umgang mit Sechs- oder Siebenjährigen nicht geschult ist. „Es kommt immer auf die Persönlichkeit an“, sagt Breitenbach-Jost. In der Vergangenheit wurde die Grundschule schon von einem Kollegen des benachbarten Schulzentrums unterstützt. „Das hat super geklappt.“

Schulen im nördlichen Emsland unterschiedlich stark betroffen

Im nördlichen Emsland stark betroffen von der Abgabe an Stunden ist das Gymnasium Papenburg. „Wir müssen 75 Stunden abordnen“, sagt Josef Simbeck, stellvertretender Schulleiter auf Anfrage und wertet das als „massiven Eingriff in die Unterrichtsverteilung“, denn der Bescheid sei gekommen, nachdem der Unterricht für das Schuljahr 2017/2018 bereits begonnen habe. Je 25 Stunden sollen an die Grundschule in Rhede, die Amandusschule in Aschendorf und die Michaelgrundschule gehen. Im Gegensatz dazu sind die Beruflichen Gymnasien aus den Bereichen Wirtschaft, Gesundheit und Technik der Berufsbildenen Schulen gar nicht betroffen. „Wir haben solche Abordnungsbescheide nicht bekommen“, sagt Schulleiter Peter Peters und verweist auf eine ohnehin zu geringe Unterrichtsversorgung, ebenso wie das Gymnasium Werlte. Leiter Heinz Joseph Thöle sagte, dass diese dort nicht bei 100 Prozent liege und damit unterhalb dessen, wo die Abordnung greife. Das Mariengymnasium Papenburg, das sich in privater Trägerschaft befindet, konnte bis Redaktionsschluss keine Angaben machen.

„Wir versuchen, das in Unaufgeregtheit zu tun“

„Wir versuchen, das in Unaufgeregtheit zu tun“, sagt Thea Wathal, Leiterin des Gymnasiums Dörpen über die 26 Stunden, die sie an die Grundschule in Dörpen abgeben muss. Von Chaos möchte sie bei der nun fälligen Organisation nicht sprechen. Allerdings fragt sie sich, was Gymnasiallehrer an Grundschulen sollen. Diese seien dafür nicht ausgebildet.

Chaos soll es auch am Hümmling-Gymnasium in Sögel nicht geben. „Das unterbinden wir“, widerspricht Schulleiter Manfred Rojahn auf Anfrage. Das Gymnasium muss Stunden an die Oberschule Sögel und an die Grundschule in Walchum, die nicht im Einzugsgebiet liegt, abgeben. Rojahn bemängelt den Zeitpunkt der Anordnung und bezeichnete die jetzigen Umstände als „in höchstem Maße ärgerlich“. Rojahn, der Vorsitzender der Regionalgruppe Emsland/Grafschaft Bentheim der Niedersächsischen Direktorenvereinigung ist, beziffert die Gesamtanzahl der abzugebenden Stunden in dem Bezirk auf 350.

Philologen verurteilen Politik auf das Schärfste

Auch der Philologenverband im Bezirk Emsland und Grafschaft Bentheim verurteilt die aktuelle Schulpolitik des Landes Niedersachsen auf das Schärfste. „Die immer deutlicher werdenden Probleme mit der Lehrerversorgung an allen Schulformen sorgen seit Längerem für viel Unruhe. Es ist dringend geboten, dafür zu sorgen, dass genügend Lehrkräfte eingestellt werden, die fundiert auf die Anforderungen der jeweiligen Schulform vorbereitet sind“, heißt es in einer Presseerklärung. Stattdessen versuche die Ministerin in erster Linie, die gesamte Misere schönzureden.

Nicht hinnehmbar

Insbesondere die landesweit von oben dekretierten Abordnungen von Gymnasiallehrkräften seien nicht hinnehmbar. „Oftmals trotz einer bereits unter 100 Prozent liegenden eigenen Unterrichtsversorgung sind Gymnasien angewiesen worden, Lehrerstunden an Grundschulen, aber auch Haupt- oder Oberschulen abzugeben, um dort bestehende Lücken zu schließen“, bemängeln die Philologen. Eine solche Maßnahme könne man letztlich nur als „dilettantische Flickschusterei bezeichnen“.

Fehlleistungen des Landes

Was in dem Zusammenhang in der Grafschaft Bentheim und im Emsland geschehe, übertreffe „die bisherigen Fehlleistungen des Landes noch einmal“, so der Bezirksvorsitzende Ingo van Verth. An den Schulen in diesen beiden Landkreisen habe man weder vor noch während der Sommerferien irgendetwas von konkret geplanten Personalverschiebungen gehört. Nachdem alle Vorbereitungen für das Schuljahr 2017/18 abgeschlossen seien, die Stundenpläne ständen und Schüler sowie die Lehrkräfte die ersten Schultage hinter sich brachten, sei an vielen Gymnasien überwiegend erst am Freitagnachmittag die telefonische Nachricht wie „eine Bombe eingeschlagen“, dass nun doch in deutlich spürbarem Umfang Stunden an andere Schulen abgegeben werden müssten.