Interview mit Moritz Becker Medienpädagoge spricht in Meppen über Jugend und soziale Netzwerke

Von Tim Gallandi


Meppen. Whatsapp mag einer Mehrheit der Erwachsenen geläufig sein, bei Instagram und Snapchat hört es für viele auf – im Gegensatz zu ihrem Nachwuchs. Um die Nutzung sozialer Medien des Internets durch Kinder und Jugendliche und mögliche Risiken, die damit verbunden sind, geht es bei einem Themenabend für Eltern am Mittwoch, 17. Mai 2017, im Meppener Jam. Referent und Sozialpädagoge Moritz Becker hat unserer Redaktion vorab Rede und Antwort gestanden.

Herr Becker, warum sind soziale Medien gerade für Kinder und Jugendliche so faszinierend?

Kinder und Jugendliche haben, anders als viele Erwachsene, sehr viele soziale Kontakte. Sie treffen sich jeden Tag in der Schule mit vielen Menschen, haben häufig auch mehr regelmäßige Vereinsaktivitäten, etwa in Sportvereinen oder bei der Freiwilligen Feuerwehr, als viele Erwachsene. Da ist es wenig überraschend, dass sie sich viel reger mit all diesen Menschen austauschen. Und dafür bieten sich soziale Medien eben an.

Sie sagen, Kinder und Jugendliche suchen in sozialen Medien nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Was können da Eltern und Erwachsene allgemein tun, um dazu beizutragen?

Generell ist die Pubertät ein Lebensabschnitt, in dem einem sehr wichtig ist, wie man wirkt und was andere von einem halten. Schon entwicklungspsychologisch ist es Kindern wichtig, ein Feedback zu bekommen, im Sinne von „Du siehst gut aus“ oder „Du hast einen tollen Musikgeschmack“. Das passiert auch in sozialen Medien und ist auch nicht per se schlecht. Wenn aber ein Kind beispielsweise das Gefühl hat, in der Schule keine Anerkennung zu bekommen, vielleicht auch, sich mit den Eltern nur zu streiten und auch nicht die Freundschaften hat wie andere, ist es viel empfänglicher für die „Gefällt mir“-Kultur sozialer Netzwerke oder auch für die Belohnungssysteme in Computerspielen. Sobald das aus dem Gleichgewicht gerät, sind Eltern gefragt, zu schauen, warum ihr Kind so unglücklich oder unzufrieden ist. (Weiterlesen: Neues Meppener Jugendzentrum Jam fertiggestellt)

Ab welchem Alter sollten Kinder ein Smartphone besitzen?

Das weiß ich nicht. Ich glaube, Alter ist nicht die Kategorie, in der man da argumentieren kann.

Sondern?

Im Grunde setzt ein Smartphone genau wie alle anderen Werkzeuge Fähigkeiten voraus, kein Alter. Bei einem Obstmesser etwa kann mir keiner sagen, ab wie viel Jahren man es benutzen kann. Aber man weiß, dass es fahrlässig ist, das Messer einem Kind, das damit nicht umgehen kann, zum Picknick mitzugeben. Ein Kind, das über keine Erfahrung mit einem Smartphone oder digitalen Medien verfügt, ist unter Umständen viel mehr gefährdet, in problematischen Situationen falsch zu reagieren, vielleicht auch mehr Angriffsfläche zu bieten, als andere, die damit schon mehr Erfahrung haben. Wie bei allem ist es dann Aufgabe von Eltern und Schule, Kinder an digitale Medien so heranzuführen, wie man es mit anderen Sachen auch macht. Den Straßenverkehr lernt man spielerisch kennen, indem man erst Bobbycar fährt, dann Fahrrad mit Stützrädern, dann irgendwann ohne Stützräder auf der Straße, und so weiter. Das muss man versuchen, auf das Smartphone oder das Internet generell zu übertragen. (Weiterlesen: Über 300 Leute hören Medienpädagogen in Papenburg zu)

Braucht es ein Schulfach Soziale Medien?

Nein, weil man in den bestehenden Schulfächern überall Situationen hat, in denen man das Internet und gerade soziale Medien konstruktiv einbringen kann. Wenn es im Religions- oder Ethikunterricht darum geht, wie Menschen miteinander umgehen, gehört mit hinein, wie Menschen online miteinander umgehen. Wenn ich im Deutschunterricht über Quellenkritik spreche und überlege, auf welche Weise die Süddeutsche Zeitung etwas darstellt und warum es in der Bild-Zeitung anders beschrieben wird, kann man auch darüber diskutieren, warum es bei Facebook Aussagen gibt, die in eine bestimmte Richtung gehen. Wenn man die Fächer modern gestaltet, kommt man an sozialen Medien ohnehin nicht vorbei.

Wie können Eltern ihren Nachwuchs vor gewalttätigen oder pornografischen Inhalten im Netz schützen?

Gar nicht. Weil es eben passieren kann, dass ein Zwölfjähriger in einem Whatsapp-Chat von irgendjemandem einen brutalen Clip oder ein brutales Foto geschickt bekommt. Die einzige Chance, sein Kind zu schützen, wäre eine 100-Prozent-Abstinenz. Was man wirklich braucht, ist, dass man dem Kind sagt: Egal was passiert, was dir zugeschickt wird oder was du bewusst angeguckt hast, wir reißen dir nicht den Kopf ab, sondern wir werden dir erklären, was du da gesehen hast. Oder: Wir werden dich auffangen und kriegen es hin, dass du wieder schlafen kannst, wenn es sehr schockierend war.

Zum Thema soziale Netzwerke: Schon vor vier bis fünf Jahren hieß es, Facebook sei bei Jugendlichen out. Auf breiter Ebene ist das bis heute nicht festzustellen, weil viele immer noch ein aktives Profil haben. Wie sehen Sie das?

Wir besuchen jedes Jahr etwa 1100 Schulklassen der Jahrgangsstufen 6 bis 8. Dort spielt Facebook annähernd keine Rolle mehr. Wenn Jugendliche älter werden und etwa mit 16 bis 18 Jahren anfangen, sich in Vereinen und Verbänden zu organisieren, in Freiwilligen Feuerwehren oder Sportvereinen, spielt Facebook unter Umständen dort aus organisatorischen Gründen eine Rolle. Manche haben einen Facebook-Account, weil man dadurch Vorteile in Smartphone-Spielen bekommt. Aber generell kann man sagen, dass Facebook eigentlich Erwachsenen-Kultur ist. (Weiterlesen: Quartalszahlen-Desaster für Snapchat-Firma)

Kann es auch sein, dass sich die Nutzung insofern ändert, als dass Jugendliche in mehr Kanälen angemeldet sind, aber jeden Kanal kürzer nutzen?

Den Eindruck hat man manchmal. Wenn man dann in die Diskussion geht, stellt man fest, dass sich manche zwar überall anmelden – sie haben also Twitter, Facebook und so weiter. Aber sie nutzen Facebook und Twitter so gut wie gar nicht. Zurzeit sind Whatsapp (auch wenn es kein soziales Netzwerk ist), Snapchat und Instagram die drei sozialen Plattformen, die auf dem Smartphone am intensivsten genutzt werden. Instagram war nach unserem Eindruck in den letzten drei Jahren das wichtigste soziale Netzwerk. Es hat Facebook ein Stück weit abgelöst, dort ist jetzt Snapchat im Kommen, sodass zum Teil in manchen Klassen Snapchat schon intensiver genutzt wird als Instagram.


Moritz Becker ist Diplom-Sozialarbeiter und -Sozialpädagoge bei Smiley e. V., einem in Hannover ansässigen Verein zur Förderung der Medienkompetenz. Außerdem ist er Dozent der Landesmedienanstalt (NLM), Lehrbeauftragter der Uni Hannover und zertifizierter Eltern-Medien-Trainer. Zu den Schwerpunkten des 40-Jährigen zählen die Arbeit mit Schulklassen sowie Vorträge zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen.

Der Infoabend im Meppener Jam am Mittwoch, 17. Mai 2017, beginnt um 19 Uhr. Tickets sind für zwei Euro bei TIM in Meppen, im Jam und an der Abendkasse erhältlich.