Biologiestudenten besuchen Bauernhof „Landwirtschaft wird oft zu Unrecht kritisiert“

Von Tobias Böckermann


Meppen. Dass Theorie und Wirklichkeit nicht immer übereinstimmen, haben 50 Biologiestudenten aus Osnabrück auf dem Bauernhof Schulte in Meppen erfahren. Denn viele Urteile und Vorurteile über Landwirtschaft mussten sie revidieren.

Das jedenfalls ist das Fazit ihres Dozenten Christian Tepe. Seine Studenten wollen später entweder Lehrer werden oder als Biologen in die Forschung gehen. Zu ihrer Ausbildung an der Uni Osnabrück gehört im Bereich Bioethik auch das Seminarfach „Nachhaltigkeit im Tier- und Umweltschutz“. Dort ging es vor einigen Monaten auch um die Landwirtschaft und was in einigen Imagefilmen von Tierschutzorganisationen zu sehen war, kam dem Studenten Gerrit Kalmer merkwürdig vor.

Der 21-Jährige ist der Neffe von Landwirt Johannes Schulte aus Meppen. Auf dessen Hof hatte er eine ganz andere Art von Landwirtschaft gesehen, als sie ihm nun im Ethikseminar vermittelt werden sollte – nicht „Skandalbilder mit düsterer Musik“ kannte er vom Hof seines Onkels, sondern eine intensive, aber am Tierwohl orientierte Produktion. Kalmer, der im Raum Bremen wohnt, berichtete seinem Onkel Johannes und dessen Frau Maria Schulte von seinem Erlebnis und die beiden Meppener boten an, die Studenten zu sich einzuladen.

Denn für Johannes Schulte steht fest: „Ich will niemanden zu nichts bekehren. Jeder soll auf seine Weise glücklich werden – ob als Veganer, Vegetarier oder mit Ökoprodukten. Aber wenn jemand die konventionelle Landwirtschaft ablehnt, dann bitte auf der Grundlage von Fakten und wenn er gesehen hat, wie moderne Betriebe arbeiten.“

30 auf der Warteliste

Neffe Gerrit schlug den Studentenbesuch im Emsland vor – Dozent Christian Tepe nahm das Angebot gerne an und nach Ausschreibung dauerte es nur sechs Stunden, bis alle 50 Plätze besetzt waren. 30 Studierende landeten noch auf einer Warteliste.

Den Betriebsbesuch selbst hatten Johannes und Maria Schulte komplett durchgetaktet. In fünf Kleingruppen lernten die Studenten folgende Bereiche kennen: Ackerbau und Düngeproblematik, Sauenstall, Ferkel und Mastschweine, Biogas und Hähnchenmast. Und weil sie nicht alle Bereiche selbst erklären konnten hatten sie sich ihren Hoftierarzt, eigene Angestellte und Partner aus der landwirtschaftlichen Beratung sowie von der Firma Rothkötter als Futterlieferant und Abnehmer der Hähnchen mit ins Boot geholt.

Jeder Student sah jeden Bereich, konnte Fragen stellen und sich informieren. Tabus gab es keine. „Die Diskussionen waren sehr intensiv“, berichtete Maria Schulte, die dafür sorgte, dass der Zeitplan eingehalten wurde . „Die Studenten waren sehr interessiert und teilweise mussten wir aufs Weitergehen drängen.“ Häufigste Reaktion: „Das wussten wir so ja bislang noch gar nicht.“

„Schwarzweißbild existiert so nicht“

Am Ende konnten natürlich nicht alle Studenten nach ihrer Erfahrung auf dem Hof Schulte befragt werden. Sicher ist: es gab Applaus für alle Beteiligten. Und Lehrbeauftragter Christian Tepe zog einige Lehren aus dem Tag: „Das Schwarzweißbild, das uns oftmals über die Landwirtschaft präsentiert wird und das auch Eingang in die Lehre gefunden hat, existiert so nicht. Ein ganzer Berufsstand wird offensichtlich oftmals zu Unrecht diskreditiert.“

Außerdem sei er überrascht gewesen von der Zukunftszuversicht und vom Fachwissen, das sowohl für den Betrieb eines Bauernhofes notwendig und das auch hier vorhanden sei – ausdrücklich auch, was die Ethik in der Tierhaltung angehe. Nachhaltigkeit gebe es aus seiner Sicht jedenfalls auch in der konventionellen Landwirtschaft. Der Besuch in Meppen werde vermutlich durchaus Auswirkungen auf kommende Lehrveranstaltungen im Fach Ethik haben, sagte Tepe.