Eintrittswelle Schulz-Effekt: SPD Emsland gehen die Parteibücher aus

Nachbestellt: Die Eintrittswelle hat dazu geführt, dass Carsten Primke von der Meppener SPD-Geschäftsstelle keine Parteibücher mehr hatte und neue bestellen musste. Foto: Benjamin HavermannNachbestellt: Die Eintrittswelle hat dazu geführt, dass Carsten Primke von der Meppener SPD-Geschäftsstelle keine Parteibücher mehr hatte und neue bestellen musste. Foto: Benjamin Havermann

Meppen. Die SPD kann in Umfragen immer mehr zulegen, auch die Mitgliederzahlen steigen kräftig. In der Meppener Geschäftsstelle der SPD Emsland sind sogar schon die Parteibücher ausgegangen. Man versteht dort die Eintrittswelle auch als Reaktion auf die erstarkten Rechten. Ein Besuch.

Carsten Primke sieht man seine Freude nicht gleich an. Sein Gesicht zeigt kaum eine Regung, seine Gestik ist zurückhaltend. Nüchtern referiert er in seinem olivgrünen Kapuzenpulli die neuesten Zahlen zu den SPD-Neumitgliedern. Und diese würden zu Luftsprüngen und Sekt in rauen Mengen berechtigen.
Seit dem 24. Januar, als Martin Schulz als Kanzlerkandidat vorgestellt wurde, gab es 37 Neueintritte in die SPD Emsland. 2016 verzeichnete man 64 neue Mitglieder. Hält der Trend an, wird man diese Zahl wohl locker übertreffen. Mit jeweils sechs neuen Mitgliedern haben die Ortsvereine Meppen und Salzbergen am stärksten zugelegt, zeigt eine Liste des Geschäftsstellenleiters. Selbst die Parteibücher sind der Geschäftsstelle in Meppen schon ausgegangen. Primke musste 100 neue bestellen. Er geht davon aus, dass auch sie für dieses Jahr nicht ausreichen.
Grafik: NOZ/Benjamin Havermann
 
„Schon am Tag der Bekanntmachung gab es mehr Eintritte als sonst“, sagt der Geschäftsstellenleiter und Kreistagsabgeordnete. Der große Schub kam aber mit seiner Vorstellungsrede Ende Januar im Berliner Willy-Brandt-Haus. Er hat sich darin für die „hart arbeitenden Menschen“ stark gemacht und mehr soziale Gerechtigkeit gefordert.
Lange Zeit war die SPD im Dornröschenschlaf, dümpelte zwischen 20 und 25 Prozent in den Umfragen. Nun wurde sie von Martin Schulz wachgeküsst. Der Mann aus Würselen hat der ältesten Partei Deutschlands wieder neues Leben eingehaucht, was sich auch in aktuellen Meinungsumfragen widerspiegelt. So hat die SPD sogar die Union überholt – das erste Mal seit zehn Jahren.
 
Martin Schulz hat die SPD aus ihrem Dornröschenschlaf wachgeküsst.
Und offenbar findet Schulz in allen Alters- und Berufsgruppen Anklang. Es sind nämlich nicht nur die bekannten Gesichter, die jetzt in die SPD eintreten. Laut Primke sind die emsländischen SPD-Neulinge zwischen 16 und 88 Jahren alt. Das Durchschnittsalter der SPD-Mitglieder liegt normalerweise bei 60 Jahren. Bei den Neumitgliedern liegt es bei nur 50 Jahren. Neben Schülern und Studenten sind darunter auch einige junge Berufstätige zu finden.

Bei den Berufen gibt es zudem eine große Vielfalt. Es sind nicht die Rentner und Beamte, die sonst immer die Mitgliederlisten dominieren. Stattdessen gibt es Briefträger, Krankenschwestern, Hausfrauen, Mathematiker, Polizisten und sogar Bankkaufmänner und Pastoren unter den neuen SPD-Mitgliedern im Emsland.

Foto: Benjamin Havermann
 
 
Langsam hellt sich bei Primke das Gesicht auf. „Das ist schon toll“, sagt er, „auch wenn die derzeitige Eintrittswelle längst nicht mit der zu Willy Brandt vergleichbar ist“. Der aktuelle Trend ist jedoch schon etwas älter. Bereits nach der Kommunalwahl im vergangenen Jahr gab es eine spürbare Zunahme der Mitgliederzahl. Primke sieht die Eintrittswelle deshalb nicht allein in Martin Schulz begründet.
„Die SPD wird als Bollwerk gegen Rechts angesehen“, sagt der Geschäftsstellenleiter. Das Erstarken der rechtspopulistischen AfD und die zunehmende Spaltung in der Gesellschaft bereiten laut Primke vielen Neumitgliedern große Sorge. Die aggressive Rhetorik der Rechten sei im Emsland angekommen, gerade beim Kommunalwahlkampf sei das besonders deutlich geworden. Aber auch überregionale Ereignisse, wie der „Brexit“ oder die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten, hätten einen Einfluss gehabt.
Foto: Benjamin Havermann
 
„Viele Menschen, mit denen ich spreche, haben Angst um unsere Demokratie“, sagt Primke. Gerade Ältere hätten die Befürchtung, dass es so werde wie 1933. Mit ihrem Eintritt würden sie daher ein Zeichen setzen wollen. Martin Schulz sei somit nur der Anstoß gewesen, diesem Wunsch Ausdruck zu verleihen. „Die schweigende Mehrheit hört jetzt auf zu schweigen.“
Wichtig ist für Primke vor allem die Bundestagswahl im Herbst. „Wir müssen diesen Trend nutzen , um die Regierung führen zu können“, so der SPD-Mann. Dafür dürfe man die Erwartungshaltung der Neumitglieder jetzt nicht ignorieren. Ein linkes Programm sei angesagt. Aber es müsse auch zum Kandidaten passen, damit nicht der gleiche Fehler wie 2013 gemacht werde. Eine vorsichtige Freude ist ihm nun doch anzumerken.


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