Schnellere Hilfe bei Herzversagen Offizieller Startschuss: „Mobile Retter“ im Emsland unterwegs

Landrat Reinhard Winter (Kreis Emsland), sein Amtskollege Friedrich Kethorn aus der Grafschaft sowie Wolfgang Hagemann als ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes präsentieren das Projekt „Mobile Retter“. Foto: Markus PöhlkingLandrat Reinhard Winter (Kreis Emsland), sein Amtskollege Friedrich Kethorn aus der Grafschaft sowie Wolfgang Hagemann als ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes präsentieren das Projekt „Mobile Retter“. Foto: Markus Pöhlking

Meppen. Das Projekt „Mobile Retter“ ist im Emsland und in der Grafschaft Bentheim offiziell an den Start gegangen. Per Smartphone-App werden geschulte Helfer über medizinische Notfälle in ihrer Umgebung informiert. Damit sollen lebensrettende Maßnahmen schon vor Eintreffen des Rettungsdienstes ermöglicht werden.

Zum Einsatz kommt die App zunächst in Fällen, in denen Symptome auf einen Herz-Kreislaufstillstand hindeuten. Also etwa bei Bewusstlosigkeit und einem Aussetzen von Herzfrequenz und Atmung. Für diese Fälle sei das Potenzial der App besonders gut geeignet, rechnete Wolfgang Hagemann, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes, bei der offiziellen Projektpräsentation vor: Ab etwa vier Minuten nach Eintritt eines Kreislaufstillstandes seien gravierende Hirnschäden zu erwarten. Rettungskräfte seien im Durchschnitt aber erst nach neun Minuten vor Ort. „In der Zwischenzeit könnte bereits ein mobiler Retter am Einsatzort lebensrettende Maßnahmen wie Herzmassage und Beatmung durchführen.“

Damit das Projekt in der Praxis greift, sind in den letzten Monaten im Emsland und in der Grafschaft über 430 ehrenamtliche Retter geschult worden. Weitere 200 stehen aktuell auf der Warteliste. Bedingung für eine Ausbildung zum Retter ist eine einschlägige Tätigkeit aus den Bereichen Medizin und Pflege, zudem können sich auch Feuerwehrleute oder Rettungsschwimmer bewerben. Wird ein Notruf abgesetzt, werden neben den eigentlichen Rettungskräften per Abfrage auch registrierte mobile Retter in der Nähe des Notfallortes alarmiert (siehe „Zur Sache“-Box).

Bislang acht Einsätze

Das Emsland und die Grafschaft Bentheim, deren gemeinsame Rettungsleitstelle in Meppen ist, sind in Niedersachsen die ersten Landkreise, die „Mobile Retter“ nutzen. Seit Oktober liefen die Vorbereitungen, die 2013 ursprünglich für den Kreis Gütersloh entwickelte App zum Einsatz zu bringen. Die ersten Retter sind seit Mitte Dezember im Einsatz. Bei bislang acht dokumentierten Einsätzen wurden zweimal lebenserhaltende Maßnahmen durchgeführt, berichtete Hagemann.

Landrat Reinhard Winter nannte „Mobile Retter“ einen „wichtigen Beitrag für eine qualitativ verbesserte medizinische Hilfe“ und würdigte die hohe ehrenamtliche Bereitschaft, die sich aus den Zahlen bislang registrierter Helfer ableiten lasse. Winter betonte zudem, dass das Projekt als Ergänzung, nicht als Ersatz des Rettungsdienstes konzipiert sei: Es werde ein „echter Mehrwert“ geschaffen, der nicht zulasten der professionellen Notfallhilfe fallen werde.


Das System der Mobilen Retter ist an die eingesetzte Leitstelllensoftware gekoppelt. Nach Registrierung und Ausbildung der Helfer werden diese über eine kostenlos erhältliche App informiert, wenn in der Nähe ein Notfall gemeldet wird, dessen Symptome auf ein Herz-Kreislaufversagen schließen lassen. Der Nutzer kann bei einer Alarmierung entscheiden, ob er den Auftrag annehmen oder ablehnen möchte. Bei Annahme erhält er weitere Daten, um den Notfallort lokalisieren und aufsuchen zu können.

Im Emsland und in der Grafschaft wird für den Zuschnitt, innerhalb dessen registrierte Retter alarmiert werden, mit etwa neun Minuten Fahrtzeit gerechnet. Grundsätzlich ist denkbar, dass mehrere Personen zu einem Notfallort eilen, wobei ab einer gewissen Anzahl an Bestätigungen der Auftrag als erledigt markiert wird. Synergieeffekte erhoffen sich die Verantwortlichen durch die virtuelle Verzeichnung von Defibrillatorstandorten: Künftig könnte der erste Mobile Retter zum Notfallort gelotst werden, um erste Maßnahmen einzuleiten. Währenddessen könnte ein zweiter Helfer den nächst gelegenen Defibrillator ansteuern und damit anschließend den Ersthelfer unterstützen.

Laut Aussage der Entwickler ist die App aus datenschutzrechtlicher Sicht unbedenklich, da weder Notfalldaten noch Standortdaten der registrierten Retter zentral oder dauerhaft gespeichert würden. Wer als Mobiler Retter einen Einsatz nicht wahrnehmen kann oder möchte, kann daher ruhigen Gewissens ablehnen – theoretisch sogar noch dann, wenn er einen Einsatz zuvor bestätigt hat. Gestützt auf bundesweit gesammelte Daten hoffen die hiesigen Verantwortlichen, von den etwa 300 jährlich gemeldeten Herz-Kreislaufstillständen künftig rund 50 Menschen früh genug zu erreichen, um ein Weiterleben unter akzeptablen Bedingungen zu gewährleisten. Aktuell liegt diese Zahl bei 25.

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