Bente Scheller zu Gast bei VHS Nahostexpertin referiert in Meppen über syrischen Bürgerkrieg

Von Tim Gallandi


Meppen. Nach mehr als fünf Jahren Bürgerkrieg ist Syrien weiter denn je vom Frieden entfernt. Welche Zukunft hat das Land, mit oder ohne Machthaber Baschar al-Assad? Und wie lässt sich die Flüchtlingskrise lösen? Zu diesen Fragen referierte und diskutierte die Nahostexpertin Bente Scheller auf Einladung der Volkshochschule (VHS) Meppen.

Scheller leitet seit 2012 das Middle East Office der Heinrich-Böll-Stiftung in Libanons Hauptstadt Beirut, wo sie mit Nichtregierungsorganisationen und Aktivisten in Syrien und anderen Nahoststaaten zusammenarbeitet. Die promovierte Politikwissenschaftlerin war zuvor unter anderem Leiterin des Afghanistan-Büros der Stiftung.

Die Referentin lenkte den Blick der rund 40 Zuhörer in der VHS zunächst auf die Lage im Libanon. In das kleine Land, halb so groß wie Hessen, mit etwa viereinhalb Millionen Einwohnern, sind nach Schätzungen mehr als eine Million Syrer geflohen. Laut Scheller blockiert die libanesische Regierung weitgehend die Flüchtlingshilfe: „Sie will es ihnen nicht zu gemütlich machen.“ Dies wurzele in der Vergangenheit, als Syrien Besatzungsmacht im Libanon war, und in den Erfahrungen mit den palästinensischen Flüchtlingen, auch im eigenen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Beirut befürchte die Entstehung eines Staats im Staate.

Schlechte Versorgung

Jobs gebe es für die Geflüchteten nur auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Qualifizierte erhielten keine Arbeitserlaubnis; nur etwa zehn Prozent der syrischen Kinder könnten im Libanon zur Schule gehen. Die Versorgung in den Camps sei schlecht.

Syrien selbst ist nach mehr als fünf Jahren Bürgerkrieg in vier Teile gespalten, so Scheller. Während das Assad-Regime die Küstenregionen und weite Bereiche um die Hauptstadt Damaskus beherrscht, stehen die Rebellen in Teilen der einstigen Wirtschaftsmetropole Aleppo vor der Niederlage. Den Norden des Landes kontrollieren die Kurden; im Osten, entlang der Ölgebiete in der Euphratregion, herrscht die Terrormiliz IS .

Meiste Opfer durch Luftangriffe

Das Syrien der Gegenwart sei geprägt durch zerstörte Städte und entvölkerte Landstriche. „Das ist der Grund, warum es für viele Flüchtlinge nichts gibt, wohin sie zurückkehren könnten.“ Die meisten Opfer gefordert hätten nicht etwa die IS-Terrorakte, sondern die Luftangriffe des Assad-Regimes mit Einsatz von Fassbomben und Chlorgas.

(Weiterlesen: Syrien – Das Blutvergießen wird weitergehen)

Die Anhängerschaft Assads bestehe aus Leuten in seinen Machtkreisen, aus Alawiten, Sunniten, Christen, aus Profiteuren des Kriegs. „Assad gilt ihnen als Garant der Stabilität und Sicherheit.“ Seine Armee wiederum, erläuterte Scheller, rekrutiere sich überwiegend aus Iranern, Afghanen, libanesischen Hisbollah-Kämpfern. Syrer seien kaum noch unter den Soldaten des Regimes.

Ziviles Engagement

„Die Welt schaut zu, wie sich der Massenmord in jedem Jahr maßloser ereignet“, lautete das bittere Resümee der Referentin. Dennoch sieht Scheller einige wenige Lichtblicke. Als Beispiel nannte sie die Syria Civil Defence. „Ich habe noch nirgends so viel ziviles Engagement gesehen wie in Syrien.“

In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Fragen, wie sich an die gescheiterten Genfer Friedensverhandlungen anknüpfen ließe – oder ob eine Intervention des Westens der bessere Weg gewesen wäre. Die pazifistisch gemeinten, fortwährenden Ankündigungen einer „roten Linie“, die es nicht zu überschreiten gelte, haben den Krieg nach Schellers Auffassung erst vorangetrieben und Assad in seiner Brutalität bestärkt .

Druck zu früh heruntergefahren

Anders als in Libyen 2011 griff der Westen militärisch nicht ein. Zwar sei auch der nordafrikanische Staat seither in zwei Machtsphären geteilt; der dortige Krieg habe schätzungsweise 40.000 Tote gefordert. Syrien aber, gab Scheller zu bedenken, sei schon jetzt noch stärker gespalten – und mehr als 400.000 Menschen kamen bislang uns Leben. Die USA und Westeuropa hätten den Druck auf Assad zu früh heruntergefahren und diplomatische Spielräume nicht genutzt. Auch seien beispielsweise Sanktionen gegen staatliche russische Waffenhersteller nicht erfolgt.

Wie geht es weiter? Scheller skizzierte ein düsteres Szenario: „Wir werden live mitverfolgen, wie das Regime seine Rache an der Bevölkerung ausübt. Und wenn Assad bleibt, haben wir die Garantie, dass ISIS bleibt. So lange sie Damaskus nicht zu nahe kommen, kann er sehr gut mit ISIS leben.“