Kulturklassiker auf der Bühne Ewig junge „Feuerzangenbowle“ im Meppener Theater


Meppen. Als wahres Feuerwerk spielerischer Freude haben die Meppener Theaterbesucher die ach so vertraute und doch immer wieder herzerfrischende „Feuerzangenbowle“ erlebt und sich Satz für Satz, Pointe für Pointe genießerisch  „auf der Zunge zergehen lassen“.

Die Landesbühne Niedersachsen Nord  stellte ein elfköpfiges hochkarätiges Ensemble auf die Meppener Theaterbühne, dessen Spiellaune nicht zu übertreffen war und dessen quirlig-akkurate Bewegungschoreografie und nuancierte gesangliche Einlagen einfach Freude machten. Das „fachmännische“ Publikum - denn jeder kannte sich im Gegensatz zu „Dr. Johannes Pfeiffer mit drei „f“ aus eigener Erfahrung mit Schule aus - ließ sich keine noch so kleine Geste, noch so angedeutetes Mienenspiel entgehen und schwelgte in den Reminiszenzen an den vertrauten Rühmann-Film, folgte aber ebenso konzentriert den neuen spielerischen Aspekten dieser Inszenierung.

Brillantes Spiel

Simon Ahlborns brillantes Spiel als Hans Pfeiffer verstand es, einerseits Rühmannn bis ins mimische Detail wieder auf die Bühne zu bringen, andererseits der Rolle seine eigene überzeugende  Prägung zu geben. Mit sehr viel Würde und doch mit erfrischender Leichtigkeit leitete Direktor Knauer, genannt „Zeus“, in der Besetzung mit Aom Flury die Geschicke des kleinstädtischen Gymnasiums, an dem der berühmte Schriftsteller Pfeiffer, aus einer Feuerzangenbowle-Laune seiner Freunde heraus als Pennäler verkleidet, versäumte Schulerfahrungen nachholen sollte. Der „kleine Luck“, der in heutigem Jugendslang sicherlich als „Opfertyp“ kategorisiert würde, war mit Philipp Buder  hervorragend besetzt. Nicht aufgebend, sich immer wieder einbringend trotzt Luck den grenzwertigen Attacken seines Mitschülers Rosen und ringt allen schließlich Respekt ab. Julius Ohlemann als Rosen spielte die selbstherrliche Überschätzung, ohne die Figur zum entwicklungsunfähigen Fiesling werden zu lassen.

Zitierende Darstellung

Besonders beeindruckte Buder in seiner zitierenden Darstellung der Johanna von Orléans, vor allem im Kontrast zu den herrlich gelangweilt lesenden Mitschüler in den weiteren Rollen der Unterrichtslektüre. Seine unnachahmliche Wendigkeit in Stimme und Bewegung präsentierte Buder auch noch im weiteren Verlauf des Stückes. Robin Schneider verlieh dem Schüler Knebel Blässe und nervöse Zerbrechlichkeit, ohne diesen zur Witzfigur zu machen, Emanuel Jessel als Husemann und Thomas van Allen als Ackermann vervollständigten mit ihrer hervorragend den individuellen Besonderheiten dieser Rollen nachspürenden Darstellung das Bild einer pubertären, alles austestenden, vor Fantasie und Temperament sprühenden Schülerbande, deren Ziel eigentlich die Reifeprüfung ist.

Lehrer als Zielobjekt

Schulstunde für Schulstunde wurde so zu einem äußerst kurzweiligen Abenteuer von Streichen, deren Zielobjekt selbstverständlich die Lehrer waren. Da ist der sich selbst nicht so ernst nehmende, durchaus Neuem aufgeschlossene Kölsche Prof. Bömmel, dem Johannes Simons Zerstreutheit und weise Gelassenheit gab, da ist Prof. Crey, genannt Schnauz, der nicht aus seinen pädagogischen Urüberzeugungen herausfindet, von Schülern durchschaut, manipuliert und doch respektiert, denn Wissen und die Liebe zum Schüler bleiben spürbar. Helmut Rühl füllte diese Charakterrolle liebenswürdig. Anders als im Filmklassiker trat Pfeiffers Zimmerwirtin nicht mütterlich besorgt in Erscheinung, sondern als mannstolle Witwe, was entsprechende Brisanz im Umgang mit den Pubertierenden auf die Bühne brachte. Ramona Marx zog hier alle Register, überzeugte aber ebenso als leicht verstörte, realitätsferne Oberschulrätin. Auch Johanna Kröner glänzte kontrastreich in zwei Rollen, mondän und überheblich als Dame der Gesellschaft, als Marion, und durchgängig als Eva, die Tochter des Schulleiters, die in der Theaterbearbeitung von Wilfrieds Schröder nicht als Schülerin des städtischen Lyzeums ins Geschehen rückte, sondern als Referendarin für Musik und damit als Schwarm aller Schüler; zunächst altjüngferlich schüchtern erscheinend, entwickelt sie in der Beziehung zu Hans Pfeiffer Selbstbewusstsein.

Vorgetäuschte Trunkenheit

Höhepunkt war selbstverständlich die vorgetäuschte Trunkenheit der Schüler nach „nur aanem wönzigen Schlock“ des Heidelbeerweins als Anschauung der alkoholischen Gärung. Das sich allmählich steigernde, turbulente Spektakulum wurde bis in den Zuschauerraum hinein großartig in Szene gesetzt, ohne zum Klamauk zu werden. Mit spielerischem Esprit, durch tänzerisch choreografierte Umbaurasanz entstehende Perspektivwechsel, mit passender Musik und durch präzise Präsenz der Akteure fegte so ein „altes Schätzchen“ der Literatur völlig unverstaubt mit frischem Wind über die Bühne.


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