Bernd Brauer vom Kirchenkreis Emsland-Bentheim Herr Superintendent, sind Weihnachtsmärkte unchristlich?

Von Benjamin Havermann


Meppen. In der Adventszeit geht es immer mehr um Kommerz. Mit Besinnlichkeit hat das nicht mehr viel zu tun. Was die wahre Bedeutung der Vorweihnachtszeit ist, sagt Superintendent Bernd Brauer vom Kirchenkreis Emsland-Bentheim im Interview.

Die Adventszeit beginnt und für viele Menschen scheint das vor allem mit Stress verbunden zu sein: Geschenke, Weihnachtsfeiern, Familienstreit. Ist das auch Ihre Beobachtung?

Menschen eine Freude zu bereiten, kann gewiss Stress auslösen. Das ist zum Teil auch hausgemacht. Aber wenn ich an die leuchtenden Augen der Kinder und Enkel denke, ist das ein positiver Stress, den ich gerne in Kauf nehme.

Bei Weihnachtsmärkten geht es vorwiegend um Kommerz. Sind Weihnachtsmärkte unchristlich?

Weihnachtsmärkte können durchaus auch heute noch Seiten zeigen, die nicht nur an den Kommerz denken lassen. Meist sind diese Zeichen aber klein und zurückhaltend. Hier spielt für mich – außer einzelnen Deko-Motiven – die Musik eine ganz wesentliche Rolle. Wenn Kinder auf der Flöte Weihnachtslieder spielen, der eine oder andere Passant stehen bleibt oder gar vorsichtig mitsummt oder gar mitsingt, wie ich das bisweilen gerne tue, oder wenn der Posaunenchor auftritt, ist das für mich auch weihnachtlich.

Und wie sieht es mit dem Adventskranz aus? Gibt es da einen christlichen Bezug?

Der Adventskranz wurde vom evangelischen Pastor Wichern in Hamburg erfunden, um seinen Waisenkindern die Wartezeit auf Weihnachten im Advent etwas anschaulicher zu gestalten. Alles stellt einen Bezug zu Weihnachten her: Immergrüne Tannenzweige als Zeichen der Hoffnung, Kerzen für die Adventssonntage als Zeichen für das Licht, das der Sohn Gottes in die Dunkelheit der Welt brachte und die runde Form des Kranzes: Es geht um die neue Gemeinschaft von Gott und den Menschen beziehungsweise der Menschen untereinander. Auch der Kalender will ja die Zeit der Erwartung bewusst gestalten und den ungeduldigen Kindern etwas versüßen und damit erträglicher machen. Leider ist die Symbolik vielen nicht mehr vertraut und der Adventskranz verkommt zur reinen Stimmungsdekoration.

Worum sollte es denn eigentlich in der Vorweihnachtszeit gehen?

Advent bedeutet „Ankunft“. Für Christen ist das Auskosten und Gestalten von Vorfreude eine eigene Zeit. Es geht um das das Einüben des „nicht gleich schon jetzt für mich, sondern später für alle gemeinsam.“

Was können Menschen davon mitnehmen? Was ist die Botschaft?

Menschen dürfen Hoffnung haben, dass gerade dann, wenn die Welt am dunkelsten scheint, Gott den Menschen ein Licht für das Leben zeigt, wie es die Geburt eines Kindes normalerweise ist.

Warum ist die Adventszeit für Christen so eine wichtige Zeit?

Die großartige Botschaft der Bibel lautet doch: Gott wird wirklich Mensch! Er will nicht fern den Menschen im Himmel thronen, sondern er hält es dort alleine nicht aus. Er kommt uns Menschen entgegen. Nirgends wird die menschliche Seite Gottes deutlicher als in der Geburt und im Sterben von seinem Sohn. Denn bei allen Unterschieden, die Menschen haben: Diese beiden Dinge haben alle gemein.

Wie kann man die wahre Bedeutung der Adventszeit vermitteln?

Advent ist die Zeit, die alten Geschichten zu erzählen und zu hören. Es geht um die Geschichten der Erinnerung an Bewahrung in Gefährdung, um Geschichten der Sehnsucht nach Leben. Diese sollten wir Menschen aller Generationen nicht vorenthalten, damit sie weiter Hoffnung haben. Hoffnung meint nicht, dass alles gut ausgeht, sondern die Erfahrung, das Leben – so kurz und fehlerhaft es im Einzelnen auch sein mag – in den Augen Gottes sinnvoll ist.

Wie kann die Kirche dabei helfen, die Adventszeit wieder besinnlicher wahrzunehmen?

Die Kirchen tun schon sehr viel in dieser Zeit an eigenen Angeboten in ihren Gruppen und Kreisen. Dazu gehören Andachten, Konzerte und besondere Gottesdienste, aber auch der Beginn der jeweiligen Aktionen für Brot für die Welt und Adveniat. Die Sonntage im Advent sollten aber nicht nur als verkaufsoffene Veranstaltungen ausschließlich dem Verkauf gewidmet sein, sondern auch Raum lassen für besinnliche Momente und Zeit für die Familien und Beziehungspflege lassen.

Mit Weihnachten ist die Adventszeit wieder vorbei. Kann man aus dieser Zeit etwas für das ganze Jahr mitnehmen?

Advent ist das Auskosten einer immer seltener werdenden wertvollen Erfahrung: Es ist noch längst nicht alles über das Leben gesagt. Das Entscheidende steht noch aus. Auch das gilt: Das Entscheidende im Leben müssen, ja können, wir nicht einmal selbst tun. Und das besteht in einer Begegnung mit Gott, der uns entgegenkommt, weil er es gut mit uns meint. Ein kleines Stück Weihnachten sollte uns so gesehen das ganze Jahr über begleiten, wie der kleine Engel, den wir „vergessen“ haben, wegzuräumen.


Zur Person

Bernd Brauer ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist geboren in Berlin, hat sein Abitur in Osnabrück und sein Studium in Oberursel und Münster gemacht. Seit Anfang 2011 ist er Superintendent im Kirchenkreis Emsland-Bentheim.

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