„Erbärmliches Loch“ Brief von 1801 schildert Meppen aus Sicht eines Franzosen

Von Horst Bechtluft


Meppen Es ist kein besonders angenehmes Zeugnis, das ein französischer Zollbeamter der Stadt Meppen ausstellte: „Es ist ein erbärmliches Loch“, klagte der unbekannte Verfasser eines Briefes, der kürzlich wiederentdeckt und ins Deutsche übersetzt wurde.

215 Jahre lang schlummerte der Brief im Verborgenen. Der jetzt ans Tageslicht gekommene Brief enthält wenig Schmeichelhaftes. „Es ist ein erbärmliches Loch, im Vergleich dazu ist Osnabrück ein Paradies. Ich langweile mich hier zu Tode“, heißt es über die kleine Ackerbürgerstadt Meppen im Jahr 1801. Das Urteil muss bei Jemandem, der Paris kannte, nicht verwundern.

Absender unbekannt

Der Name des Absenders ist nicht bekannt, wohl aber seine Funktion. Der Mann war als französischer Douanier (Zöllner), wahrscheinlich als Offizier, in Meppen an der Ems tätig. Am 6. Tag des Monats Thermidor im Jahr 9 – so die offizielle Zählweise nach der Französischen Revolution, die hier dem 25. Juli 1801 entspricht – schrieb er an seinen Bruder Alexandre. Der war ebenfalls Zollbeamter, und zwar in Köln. Es ist anzunehmen, dass es sich bei beiden um junge Leute aus guter Familie handelte. Der in Meppen stationierte Bruder immerhin war beim Bürgermeister untergebracht. Wir wissen nicht, ob beim „Ersten Bürgermeister“, Fortunatus Dalor, oder beim „Zweiten Bürgermeister“, Johann Heinrich Frye.

Mehr Handel auf der Ems

Einiges spricht dafür, dass Frye, ein erfolgreicher Meppener Kaufmann, den französischen Zollbeamten unter seine Fittiche genommen hatte. Die Zeiten waren politisch mehr als unsicher, da konnten Verbindungen zu den Machthabern nur gut sein. Es war die Zeit, als Meppen im politischen Niemandsland lag. Die europäischen Großmächte gingen schon seit Jahren über die Interessen des Fürstbistums Münster, wozu das Emsland gehörte, hinweg. An der Ems trafen bereits seit 1795 mit dem Friedensschluss von Basel die Interessen der Großmächte Preußen und Frankreich aufeinander. Der Handel auf dem Fluss war neutralisiert, was für die Kaufleute ein Vorteil war. Das französische Zollkommando in Meppen unterstand laut Briefstempel der Armee der Franzosen in den Niederlanden. Es war mit einem Kommissar, mit dem Briefschreiber und einer nicht erwähnten Zahl von Mitarbeitern besetzt, die den Warenstrom kontrollieren sollten. „Ich bin vielleicht der Einzige, der dank des Schutzes des Generals und des Kommissars aktiv ist.“ Und weiter: „Die Anderen machen nichts, ich mache nicht viel“, schreibt der Mann.

„Eher Kauderwelsch„

Weiter berichtet er seinem Bruder: „Ich beginne mehr schlecht als recht Deutsch zu sprechen. Das ist eher Kauderwelsch, besonders in dieser Region, wo der Dialekt grässlich ist. Ich kann weder ein Grammatikbuch noch einen Lehrer finden. Ich habe nur die Hilfe einer Mademoiselle, die ganz nett ist. Sie ist die Tochter des Bürgermeisters, bei dem ich wohne. Sie versteht gut Französisch, spricht es aber nicht. Sie antwortet mir auf Deutsch, was ich kaum verstehe, das ergibt schöne Gespräche“, heißt es in dem Brief. „Ich lerne wie ein Papagei Wörter, die ich weder lesen noch schreiben kann. Monsieur [...] hatte mir ein Grammatikheft gegeben, aber es ist auf Niederländisch, und ich verstehe rein gar nichts.“

Hoffnung auf Italien

Kein Wunder, dass es den Schreiber aus dem „erbärmlichen“ Meppen in den warmen Süden zog. Er hoffte auf eine Tätigkeit im damals ebenfalls von Frankreich beherrschten Süditalien und sparte schon Geld für die Reise nach Neapel. Offenbar sollte ein im Brief erwähnter Daugé, mutmaßlich Inhaber eines französischen Generalsranges, zu dem Verbindungen bestehen, bei einer Versetzung helfen. So jedenfalls klingt es im Brief von 1801 an.