Initiativkreis gedenkt NS-Opfer Stolperstein für Iwan Alexander in Meppen


Meppen. Ein ins Pflaster eingelassener Gedenkstein erinnert jetzt in der Gymnasialstraße an den von den Nationalsozialisten ermordeten Meppener Iwan Alexander. Bei der Verlegung des Stolpersteins durch den Kölner Künstler Gunter Demnig rief der Meppener Initiativkreis Stolpersteine das Schicksal Alexanders wach.

Insgesamt 25 Stolpersteine sind seit 2007 in Meppen verlegt worden. Sie sollen dazu beitragen, dass die Namen der Opfer der NS-Gewaltherrschaft nicht in Vergessenheit geraten. Gesetzt werden die kleinen Gedenktafeln üblicherweise vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der Opfer – oder dort, wo sich diese Häuser einst befanden. So auch im Fall von Iwan Alexander, der 1894 in seinem Elternhaus an der Gymnasialstraße geboren wurde.

Am Ort des nicht mehr existierenden Hauses hatte der Initiativkreis zuvor bereits einen Stolperstein für Iwan Alexanders Schwester Lina verlegt, die 1942 in Auschwitz ermordet worden war. Nun kam daneben ein Stein hinzu.

Verbindung zur Jetztzeit

Im Beisein und unter Mitwirkung von Meppens Bürgermeister Helmut Knurbein sowie Schülern und Lehrern des Windthorst-Gymnasiums und der Anne-Frank-Schule stellte der Initiativkreis eine Verbindung zur Jetztzeit her. „Gedenken ist wertlos, wenn wir es nicht ins Heute setzen“, sagte Initiativkreis-Sprecher Holger Berentzen. Musikalisch untermalt wurde die Veranstaltung von Ziedonis Stutins, der lettische Lieder über Familie, Verlust und Hoffnung darbot.

Stolpern bedeute Innehalten und Nachdenken, erklärten die mitwirkenden Schüler. Wie vor mehr als 80 Jahren gebe es auch heute Probleme, die bei manchen Bürgern Wut ein Gefühl des Übergangenwerdens erzeugten. Die Stolpersteine sollen daran erinnern, „was die Wut der Menschen auslösen kann“. Jedoch sei Wut keine Rechtfertigung für Menschenverachtung. Bürgermeister Knurbein hob hervor: „Die Stolpersteine sollen den Opfern ihre Identität zurückgeben.“ Er mahnte zur Verpflichtung, „die Würde des Menschen zu verteidigen“.

Zwei Gründe der NS-Verfolgung

Für den Initiativkreis erläuterte MT-Redakteur und Historiker Manfred Fickers Erkenntnisse zu Leben und Tod Iwan Alexanders. Dieser wurde aus zwei Gründen zum NS-Opfer: Er war Jude und galt als geisteskrank. Der Leiter der Kanzlei des Führers, Philipp Bouhler, hatte Mitte 1939 zusammen mit dem Arzt Viktor Brach die Zustimmung Hitlers für die massenhafte Tötung von Insassen der Heil- und Pflegeanstalten bekommen. In einer solchen Anstalt in Osnabrück lebte auch Iwan Alexander.

Im Oktober 1939 wurde beschlossen, rund 70.000 Menschen durch Gas zu töten, wobei Kohlenoxid angewandt werden sollte. Im Hof der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt im Alten Zuchthaus in Brandenburg an der Havel wurden eine Gaskammer und ein Krematorium gebaut. (Weiterlesen: Erinnerung an Meppener NS-Opfer Iwan Alexander)

Aktion T4

Nachdem die Mitarbeiter der Aktion T4, benannt nach der Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4, begonnen hatten, jüdische Patienten aus den Anstalten im Gebiet des heutigen Niedersachsens und Bremens in Wunstorf zu sammeln, wurde Iwan Alexander im September 1940 dorthin verlegt. Kurz darauf, am 27. September 1940, wurde er nach Brandenburg gebracht und noch am selben Tag ermordet und eingeäschert.

Die Aktion T4 verlief, trotz Zusicherung der Straffreiheit durch Hitler, unter hoher Geheimhaltung. Die beteiligten Ärzte erhielten Decknamen; in der Meldung des Todes Iwan Alexanders 1941 an das Standesamt Meppen wurde ein falsches Sterbedatum sowie als Sterbeort eine nicht existierende Heilanstalt „Cholm“ angegeben. Trotz der Täuschungsversuche blieben Dokumente erhalten, die Aufschluss über das wahre Schicksal Alexanders geben.

Zunächst freigesprochen

Während Bouhler und zwei der beteiligten Ärzte sich nach Kriegsende das Leben nahmen oder zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden, kamen zwei weitere Mediziner der Aktion T4, Heinrich Bunke und Aquilin Ullrich, 1967 zunächst mit Freispruch davon: Das Landgericht Frankfurt am Main stellte fest, dass ihnen wegen des Hitler-Erlasses die Rechtswidrigkeit ihres Handelns nicht bewusst gewesen sei. Erst 1986 mussten sie sich – nach Aufhebung der Strafen durch den Bundesgerichtshof – erneut vor Gericht verantworten und wurden jeweils wegen Beihilfe zum Mord zu Haftstrafen verurteilt. Beide starben 2001.


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