Liebenswerter Biedermann auf der Bühne Sternstunde für das Meppener Theater

Von Petra Heidemann

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MEPPEN.   Kurzweilig, komödiantisch leicht und doch mit unaufdringlicher, authentischer Tiefe hat der aus der ZDF-„Heute-Show“ bekannte Schauspieler Hans-Joachim Heist als Josef Bieder das Meppener Theaterpublikum begeistert.

„Wer hat Sie denn hier hereingelassen?“, erschrickt Requisiteur Bieder vor der „unvermuteten“ Anwesenheit des Publikums, es stünde doch gar keine Aufführung auf seinem Plan. So beginnt das Ein-Mann-Theaterstück, das doch, wie zufällig sich ergebend, die Größen der Bühnenwelt aus Schauspiel, Ballett und klassischer Musik parodierend auf die Bühne bringt.

Durch sein lebendiges und dabei sparsam pointiertes Mienenspiel und seine präzise Körpersprache mit dem Mut zum dezenten, aber wirkungsvollen Innehalten gelang es Heist nicht nur, den Spannungsbogen 90 Minuten lang perfekt aufrechtzuerhalten, sondern auch die Gratwanderung, zum Lachen zu bringen, ohne in seiner „bieder“en Naivität sich selbst oder die Parodierten lächerlich zu machen. Fast unmerklich spiegelt er damit dem Zuschauer auch alle Typen der Gesellschaft wider. „Der glaubt, nur weil er ständig telefoniert, wäre er schon was!“, charakterisiert er seinen Chef und damit so manchen Wichtigtuer schlechthin. Und „Schuster, bleib bei Deinem Leisten!“, gelte nicht nur für Hans Sachs („Meistersinger von Nürnberg“).

Seele mit Feingefühl

Da ein Josef Bieder keine Entscheidungsbefugnis habe, fühle er sich verantwortlich, die, die nun mal im Theater sitzen, zu unterhalten, bis die Entscheidung von oben „herabschwebe“. So plaudert Bieder aus dem Nähkästchen und klärt das Publikum über die streng abgegrenzten Zuständigkeitsbereiche der Verantwortlichen hinter den Kulissen auf - ins Absurde übersteigert, ein Beispiel geradezu spießbürgerlich anmutender Hierarchie, die Konflikte geradezu herausfordert und am Handeln hindert.

Ob Einweihung in die geheimen Tricks eines mit Leib und Seele engagierten Requisiteurs, der aus Bananen in einer 1/8-Notenpause schluckbare Bratwurst zaubert und dessen „heiliger Tag“ der Tag der Sperrmüllabfuhr ist, ob das Ausleben seiner geheimen Wünsche, selbst Schauspieler oder Sänger zu sein – Heist öffnete Bieders Seele mit Feingefühl. Er ließ Reich-Ranicki ebenso hinreißend lebendig werden wie Theo Lingen, Heinz Rühmann oder Hans Moser.

Aktelanger Tod

Anekdotisch lernten die Zuschauer die Marotten der großen Dirigenten kennen, deren wichtigster Moment der „Auftakt“ als „Defloration der Stille“ sei. Heist erteilte geradezu ein Seminar zur bewussten Wahrnehmung typischer Verhaltensweisen beim Gehen und Verbeugen (nicht nur) von Schauspielercharakteren, machte das Publikum vertraut mit eigenartigen Gesangstechniken, mit der Kunst, Szenenapplaus zu provozieren, und klärte auf, warum in Opern besonders eindrücklich, da aktelang gestorben werde.

Stets band Heist das Publikum in dieses Nicht-Theaterstück mit ein, kontrollierte Tickets, stellte Fragen, bezog sich auf Meppen, nutzte die aktuelle Meppener Tagespost als Requisite, sprach die Rezensentin direkt an - Kritiker seien ja immer in der Zwickmühle, ob das Stück denn auch gefallen dürfe. Schließlich musste eine Lampenschirmumhüllung als Tutu herhalten, um als Galina Ulanowa den sterbenden Schwan zu geben, und die Veranschaulichung der Wirkweise eines Bühnendolches wurde regelrecht zur Herzenssache.

Was Heist in der Inszenierung von Gerhard Henrich hier auf die Meppener Bühne brachte, stand jedenfalls der Uraufführung dieses schauspielerischen Filetstückchens aus der Feder von Otto Schenk (Schauspieler, Regisseur, Kabarettist) und Eberhard Streul (Dramaturg, Librettist, Regisseur) 1992 mit dem unvergesslichen Otto Schenk selbst in nichts nach - eben eine „Sternstunde“ für Stück, Darsteller und das Meppener Publikum.


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