Mutter klärt mit Kinderbuch auf Autistin Mia aus Meppen zeigt anderen Kindern ihre Welt

Mia ist vier, spricht nicht viel – Zahlen und Farben, davon kennt sie aber unzählige. Die Meppenerin ist Autistin – und Hauptfigur in einem Kinderbuch ihrer Mutter Dagmar Eiken-Lüchau. Foto: Julia MauschMia ist vier, spricht nicht viel – Zahlen und Farben, davon kennt sie aber unzählige. Die Meppenerin ist Autistin – und Hauptfigur in einem Kinderbuch ihrer Mutter Dagmar Eiken-Lüchau. Foto: Julia Mausch

Meppen. „Welche Farbe ist das?“, fragt Dagmar Eiken-Lüchau ihre Tochter. „Yellow“, antwortet Mia. Die Vierjährige spricht nicht viel, Zahlen und Farben, davon kennt sie unzählige – auf Englisch, obwohl ihr niemand das beigebracht hat. Mia ist Autistin – und Hauptfigur in einem Kinderbuch.

Dass Dagmar Eiken-Lüchau jemals in ihrem Leben Buch herausbringen wird, das in kindlicher Sprache erklärt, was überhaupt Autismus ist, hätte sich die Meppenerin vor knapp fünf Jahren nicht in ihren kühnsten Träumen vorgestellt. Damals war sie im sechsten Monat schwanger – mit Mia. Doch dann erhielten sie und ihr Mann Holger Diagnosen, die ihnen den Boden unter den Füßen wegzogen. Ihr ungeborenes Kind hat Löcher im Herzen, statt zehn Fingern und Zehen hat es zwölf. Es wurden Untersuchungen gemacht, bis es aber ein Ergebnis gab, vergingen mehrere Wochen. „Dieses ständige Warten war schlimm“, erinnert sich die Meppenerin. (Weiterlesen: Wallenhorsterin veröffentlicht Buch über Autismus ihrer Tochter)

Mia redete einfach nicht

Die Diagnose, dass Mia Löcher im Herzen haben wird, wurde relativiert. Ebenso wie Annahmen, dass Mia womöglich das Rett-Syndrom hat, einer Erkrankung des autistischen Spektrums, das mit schweren körperlichen Behinderungen einhergeht. Es folgten mehrere Operationen, dann wurde das Mädchen aus dem Krankenhaus entlassen. Das ungute Gefühl, dass mit ihrer Tochter trotzdem irgendwas nicht stimmt, blieb bei Dagmar Eiken-Lüchau. Wenn Vater Holger abends den Gartenweg entlang ging und sie Mia darauf hinwies, dass „Papa kommt“, reagierte das Mädchen nicht. Stattdessen blickte es verträumt zur Seite und reagierte erst, wenn der Vater bereits vor ihr stand. Während die Kleine bei manchen Geräuschen völlig gelassen blieb, zuckte sie bei andere regelrecht zusammen. Sagen, warum es so ist, konnte sie mit zwei Jahren auch nicht. Mia redete einfach nicht.

„Autismus war keine Schockdiagnose“

Hilfesuchend wandte sich Dagmar Eiken-Lüchau an das Sozial-Pädiatrische Ambulanz- und Therapie-Zentrum (Spatz) in Meppen. Kontakte zu verschiedensten Medizinern wurden hergestellt – dann die Diagnose: Autismus. „Wir waren so erleichtert, wir wussten zwar nicht, was jetzt auf uns zukommt, aber es war keine Schockdiagnose“, sagt Holger Eiken. Welche Art von Autismus Mia hat, ist nicht sicher, vermutlich „frühkindlicher Autismus“, denn er wurde bei ihr vor dem dritten Lebensjahr festegestellt. Dieser führt zu einer vielfältigen Art von Auffälligkeiten, besonders im Bereich der Entwicklung, des Sozialverhaltens, der Wahrnehmung und der Kommunikation. Die kleine Meppenerin blickt selten in die Augen ihres Gegenübers, redet kaum und wenn dann nur einzelne Wörter. Seit drei Wochen benutzt die Vierjährige die zwei Wörter „Mama“ und „Papa“. „Wir haben uns so gefreut“, sagt ihre Mutter. Für sie sind diese Worte etwas besonderes. Denn Mia können nicht, wie bei gesunden Kindern üblich, Wörter einfach beigebracht werden. „Sie sucht sich selbst aus, was sie sagen will und was nicht“, sagt Holger Eiken.

Gelb heißt einfach „yellow“

Zahlen und Wörter, die wollte Mia unbedingt kennen. Ob vorwärts oder rückwärts, sie kann die Zahlen von eins bis zehn aufsagen und das nicht erst seit gestern. Bereits mit zwei Jahren konnte sie das – auf englisch. Die Eikens kommen aber nicht aus England oder einem anderen Land, wo die Muttersprache Englisch ist. Auch werden in dem Haus an der Koppelschleuse am Mittagstisch keine Fremdsprachen ausprobiert. „Mia liebt die Videoplattform Youtube“, erklärt Dagmar Eiken-Lüchau. Gibt man ihr ein Tablet oder ein Smartphone in die Hand, findet sie die App nach kurzer Zeit und dann auch Lieder, die sie gerne mag. Während es zeitweise russischsprachige Songs waren, sind es jetzt englische, die laut ihrer Mutter einfach „peppiger“ sind als deutsche Lieder. Das führt dazu, dass gelbe Gummibärchen nun halt die Farbe „yellow“ haben.

Eine Inselbegabung kommt bei drei Prozent aller Autisten vor

Obwohl Mia etwas englisch kann und auch Zahlen- und Buchstabenreihenfolgen, ist sie nicht mit einer besonderen Begabung gesegnet, wie häufig in Filmen gezeigt wird, wenn das Thema Autismus aufgegriffen wird. Mia kann nicht, wie der US-Künstler Stephen Wiltshire, ebenfalls Autist, ein Bild nach einmaligem Betrachten detailgetreu und perspektivisch korrekt nachzeichnen. Sie kann auch keine 111 Sprachen oder Musikstücke aus dem Gedächtnis auf dem Klavier nachspielen. „Diese Inselbegabungen kommen bei etwa drei Prozent aller Autisten vor“, klärt ihre Mutter auf. Wiederum seien etwa 50 Prozent aller Autisten auch geistig behindert.

Während die einen Autisten sehr gut sprechen können, lernen es andere nie. Sie werden nie in der Lage sein, unabhängig zu leben oder selbstständig zu arbeiten.

Sie weint, schreit, setzt sich auf den Boden

Sie alle verbinden aber zwei Dinge: Einerseits reagieren sie sehr sensibel auf die Umwelt, nehmen Geräusche stärker wahr und können durch Lärm und Hektik überfordert werden. Außerdem sieht man ihnen die Behinderung auf den ersten Blick nicht an. Genau das führte in der Vergangenheit schon zu einigen unschönen Situationen, sagt Dagmar Eiken-Lüchau. Ist sie mit ihrer Tochter einkaufen, kann es sein, dass Mia die Situation zu viel wird. Sie weint, schreit, setzt sich auf den Boden. „Andere Mütter schauen mich dann unverständlich an, denken, ich habe mein Kind schlecht erzogen.“ Autisten zu erziehen, ist aber nicht einfach. Mia ist nicht das erste Kind von Dagmar Eiken-Lüchau. Mia hat vier weitere Geschwister – ihre Mutter weiß also, wie der Hase läuft. Aber Mia hat in ihrer eigenen Welt ihre eigenen Regeln – und ihre Eltern haben nicht immer die Kraft, es mit der klassischen Erziehung zu versuchen.

Liebstes Hobby: im Auto mitfahren

Hat die Vierjährige morgens Hunger und will Erbsen essen – ihr derzeitiges Lieblingsessen –, haben die Eikens zwei Möglichkeiten. Stundenlanges Gebrüll ihrer Tochter, wenn sie ihr den Wunsch verwehren, oder es zulassen. Möchte Mia gerne mit ihrem Vater im Auto mitfahren, beginnt das Abwiegen zwischen Schreien und Nachgeben erneut. Mia zu erklären, dass morgens keine Erbsen gegessen werden, funktioniert nicht. „Sie sieht, dass die Erbsen im Schrank stehen. Für sie ist es dann unlogisch, dass sie die nicht essen kann.“ Laut Dagmar Eiken-Lüchau sind Autisten die größten Egozentriker der Welt. Erscheint ihnen etwas unlogisch, wird man sie nicht zum Umdenken bewegen können.

Bilderbuch über Mia erscheint im Neufeld-Verlag

Damit andere Kinder erkennen, warum Mia gerne alleine spielt, selten redet, sich anders verhält als gleichaltrige Kinder und einfach in ihrer eigenen Welt lebt, hat ihre Mutter bereits vor anderthalb Jahren ein Buch geschrieben, dass auf kindliche Weise das Verhalten von Autisten erläutert. Ein Bilderbuch für Kinder, damit die anderen Kinder zwischen drei und sechs Jahren verstehen können, was mit Mia los ist. Das Buch, das verschenkt wurde, und mit dem Spenden für die Delfin-Therapie der Vierjährigen gesammelt wurden, kam so gut an, dass es nun auch im großen Stil produziert wird. (Weiterlesen: Autistin aus Rulle macht Fortschritte dank Delfintherapie)

Ab dem 10. Oktober – womöglich auch ein paar Tage später – erscheint es im Neufeld-Verlag und ist dann auch in den Buchhandlungen in Meppen erhältlich. Später womöglich auch in anderen Buchhandlungen im Emsland und Umgebung. Es wird 14,90 Euro kosten. Das Buch kann auch über die Internetseite des Verlags bestellt werden sowie auf der Internetseite „Lockenkopf Mia“ , auf der über das Leben der kleinen Meppenerin erzählt wird.


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