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Ovationen im Stehen Meppener feiern „42nd Street“-Premiere auf Freilichtbühne

Von Carola Alge


Meppen. Der Esterfelder Forst in Meppen hat geswingt. Und wie. Die fast 1000 Besucher der Premiere des Musicals „42nd Street“ feierten am Samstagabend das Broadway-Musical und seine Akteure mit Ovationen im Stehen und mit Zugabe-Rufen.

Es ist ein bes(ch)wingter Premierenabend, der die Bühne im Esterfelder Forst zu Klein New York macht. Reinhard Wust und der städtische Werkhof schufen als Kulisse ein wunderbares, farbenfroh beleuchtetes Lichtkasten-Bühnenbild, das auf einer Freilichtbühne seinesgleichen sucht. Zentrale Hingucker: ein Flügel, auf dem gesteppt wird, und ein riesiger Tresor, den in einer Shownummer Panzerknacker sprengen.

Einlagen sorgen für Schmunzeln

Es sind viele Einlagen wie die der mit schlagenden Argumenten agierenden Gangster, die für Schmunzeln in einem Musical sorgen, dessen Inhalt, wie bei Broadwaystücken in den 1930er Jahren üblich, unspektakulär ist. Musik und anspruchsvolle (Stepp)Tanzszenen stehen im Vordergrund. Auf die hat sich das mehr als 60-köpfige Ensemble unter der Regie von Iris Limbarth und der musikalischen Leitung von Jason Weaver hervorragend vorbereitet. Das Zusammenspiel eigener Darsteller und der Gastsolisten ist homogen, erfrischend, ansteckend. Die Profis wirken zu keiner Zeit dominierend. Auf die setzt die Meppener Bühne einmal mehr zu Recht. Nichts wäre bei einem Musical wie diesem schlimmer, als gesanglichen Schiffbruch zu erleiden.

Spielfreude

In „42nd Street“ tritt bei der Premiere trotz des immer wieder einsetzenden Regens ein vor Spielfreude strotzendes Ensemble auf, das vor allem für den Nachwuchs viel Platz bietet. Stellvertretend für viele seien Caren de Jong, Brian Lüken und Robert Hüttinger genannt. Zum Nachwuchs der Bühne gehörte einst auch Julia Felthaus („Süchtig nach dir“, „Schattenwalzer“). Die Musicaldarstellerin hat in „42nd Street“ – ungewohnt blond erinnert sie, wohl gewollt, an Marylin Monroe – als Dorothy Brock eine der Hauptrollen. Im letzten Jahr noch die Wirtin Josepha im „Weißen Rössl“ gibt sie herrlich divenhaft und mit viel Getue den alternden Filmstar, der sich mit dem Hier und Jetzt nicht abfinden will: Chapeau! Dorothys künstlerischer Zenit ist, ganz im Gegensatz zu dem ihrer Meppener Darstellerin, längst überschritten.

Vom Land in die Metropole

Ein Fakt, den Nina Links (Junges Staatsmusical Wiesbaden) als Peggy Sawyer durch den Kakao zieht. Vom Land treibt es sie nach New York, um beim Vortanzen für Julian Marshs neue Show teilzunehmen. Sie wittert in der Metropole das große Geld. Zuerst unerfahren und sehr schüchtern im Haifischbecken der Broadway-Casting-Impresarios gewinnt sie mit jeder Szene mehr Selbstbewusstsein. Die Wandlung hin zur am Ende sexy agierenden Künstlerin zeichnet Links herrlich. Und sie brilliert in ihren Gesangsparts wie etwa im Titelsong.

Urkomisch

Urkomisch kommt Sonja Kaßburg als stets Witzchen machende Wuchtbrumme Maggie Jones daher. Mit ihrem Klamauk und Bert Barry an ihrer Seite erntet sie ebenso viele Lacher wie zum Beispiel Oliver Schulte als Sponsor Abner Dillon im Buffulo-Bill-Look, der weniger Interesse an der Show, dafür aber umso mehr an Hauptdarstellerin Dorothy Brock hat.

Leidenschaft und Besessenheit

Leidenschaft und Besessenheit eines Theaterschaffenden vermittelt Ulrich Kaßburg. Die Rolle des zielstrebigen und selbstbewussten, fast bankrotten Regisseurs Julian Marsh ist ihm wie auf den Lein geschrieben. Trotz aller Kaltschnäuzigkeit, die das Metier nun einmal verlangt, weckt er dennoch Sympathie für den kühlen Produzenten, wenn er dessen menschliche Züge aufblitzen lässt. Am Ende des Musicals beweist Kaßburg zudem seine stimmlichen Qualitäten.

Gesanglich brillant

Der in Chile geborene junge Tim Speckhardt (Staatsmusical Wiesbaden) als männlicher Hauptdarsteller Billy Lawlor in Marshs neuer Musical-Produktion „Pretty Lady“ brilliert vor allem in Songs wie „Ich bin bei Kräften“ gesanglich und tänzerisch an der Seite von Nina Links’Peggy. Ob im goldenen Glitzeranzug, in Frack und mit Zylinder oder in Pumphose und Pullunder, man nimmt ihm den Sonnyboy Billy stets ab. Mit seiner Spielpartnerin gibt der Tenor ein gut passendes miteinander harmonierendes Paar ab.

Rasante Tanzeinlagen

Gerade dessen und viele andere temporeiche, oft leicht angejazzte Tanzszenen sind es, die „42nd Street“ so erlebenswert machen. Diese rasanten Einlagen, die dem Ensemble alles abfordern, sind tragende Elemente des Musicals, die das Publikum mitnehmen. Und überaus sehenswerte dazu. Das Team um Kostümbildnerin Heike Korn zauberte Garderobe im Stil der 1930er/1940er Jahre. Üppig kommen die großen Shownummern daher, in denen die Akteure Kostüme mit viel Federn, Glitzer und Pailletten tragen und für manchen Ah-Effekt sorgen. Beim Umziehen im hinteren Bereich der Kulisse müssen sie beinahe so schnell sein wie beim Tanz auf der Bühne: Es werden annähernd 300 Kostüme präsentiert.

Prädikat „Sehenswert“

Schöne Geste am Ende einer Aufführung, die das Prädikat „Sehenswert“ verdient: Viele der hinter den Kulissen helfenden „guten Geister“ werden zum Ensemble und einer strahlenden Regisseurin auf die Bühne geholt, dürfen ein paar Minuten den Beifall des Publikums genießen. Absolut verdienter Beifall für sie und alle Darsteller für eine tolle Show, nach der Songs wie „Forty-Second-Street“ und „Melodie des Broadway“ im Ohr bleiben und einen bes(ch)wingt in die feuchte Nacht entlassen.


Die weiteren Aufführungen:

Freitag, 1. Juli, Samstag, 2. Juli, Freitag, 29. Juli, Samstag, 30. Juli, Freitag, 5. August, Samstag, 6. August, Samstag, 13. August (jeweils 20 Uhr), Sonntag, 14. August, 16 Uhr, Freitag, 19. August, Samstag, 20. August, Freitag, 26. August, Samstag, 27. August, Freitag, 2. September, Samstag, 3. September, jeweils 20 Uhr.

Karten für Erwachsene kosten zwischen zehn und 17,50 Euro.

Nähere Informationen/Reservierung: Tel. 0 1802/881 2188.

Karten für die Aufführungen von „42nd Street“ gibt es auch bei der Meppener Tagespost.cw