Inklusion in Meppen Erstmalig im Emsland: Gymnasiastin mit Down-Syndrom

Das Windthorst-Gymnasium in Meppen nimmt als erstes Gymnasium im Emsland und der Grafschaft Bentheim im kommenden Schuljahr ein Kind mit Down-Syndrom auf. Symbolfoto: dpaDas Windthorst-Gymnasium in Meppen nimmt als erstes Gymnasium im Emsland und der Grafschaft Bentheim im kommenden Schuljahr ein Kind mit Down-Syndrom auf. Symbolfoto: dpa

Meppen. Sarah* ist zehn Jahre alt und kommt aus Meppen. Die Grundschülerin hat das Down-Syndrom. Das hindert sie aber nicht, im kommenden Schuljahr auf das Windthorst-Gymnasium in Meppen zu gehen – als erste Schülerin mit einer geistigen Behinderung im Emsland und der Grafschaft Bentheim. Aber: Einen Abschluss wird sie nie machen.

Aufgeweckt, fröhlich, aufgeschlossen – so beschreibt Michael Schmitt die zehnjährige Sarah*. Der kommisarische Leiter des Windthorst-Gymnasiums (WGM) hat das Mädchen bereits kennengelernt. Ab kommenden Sommer wird er das Mädchen mit Trisomie 21, besser bekannt als das Down-Syndrom, beinahe täglich sehen, denn dann ist Sarah* offiziell Gymnasiastin. Und nicht nur das: Die Meppenerin ist dann die erste Gymnasiastin mit dieser geistigen Behinderung im Emsland.

Gymnasium in Jever unterstützt Meppen

Allein dieser Punkt sorgte neben der Vorfreude bei Michael Schmitt in den vergangenen Monaten auch für ein paar Sorgenfalten. „Das ist das erste Mal, dass wir ein Kind mit solcher Behinderung aufnehmen“, sagt er. Es war Anfang des Jahres, als Sarahs* Eltern die Anfrage gestellt hatten, ob ihre Tochter ab August das Gymnasium besuchen kann. „Ich habe keine Ahnung gehabt, was ein Downsyndrom-Kind braucht und aufnimmt“, erinnert sich Schmitt. Er sprach mit dem Kollegium am MVG, fand Zuspruch und kontaktierte anschließend Kollegen vom Mariengymnasium in Jever. Dort werden derzeit zwei Kinder mit dem Syndrom in einer Klasse unterrichtet.

Sie kann bis zehn zählen

Michael Schmitt wollte „prüfen“, welche Anforderungen Sarah* mit ihrer Erkrankung erfüllen muss, um überhaupt am Gymnasium am Unterricht teilnehmen zu können. Er bekam Antworten. „Sie müssen lesen und schreiben können, selbstständig und sozial integriert sein“, sagt der Schulleiter. Anforderungen, die Sarah* alle erfüllt. Sie ist vernetzt in Meppen, sie kann lesen und schreiben – aber auf einem anderen Niveau. Es sind keine Bücher mit komplexen Sachverhalten, es sind bunte Geschichten, wie sie Kinder in der Vorschule lesen. Ähnlich sieht es beim Rechnen aus. Sarah* kennt die Zahlen von eins bis zehn, bis Hundert kann sie nicht zählen, noch nicht. „Vielleicht können wir es ihr ja beibringen“, hofft Michael Schmitt und baut dabei auf seine Kollegin Stephanie Rüther. Sie unterrichtet Musik und Deutsch und wird künftig Sarahs* Klassenlehrerin sein.

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Ihr zur Seite steht ebenfalls eine Schulbegleiterin. In der neueingerichteten „Inklusionsklasse“ wird es also am Windthorst-Gymnasium ab August eine Doppelbesetzung aus Lehrer und Sonderpädagoge geben – so wie es auch schon an der Grundschule gehandhabt wird, die Sarah derzeit besucht. Dort absolvieren die WGM-Lehrer derzeit auch Hospitanzen, um zu erlernen, wie ein Unterricht mit Down-Syndrom-Kindern funktioniert, sagt Gabi Oehm, Koordinatorin der fünften und sechsten Jahrgänge.

Sarah* wird ab August normal am Unterricht teilnehmen und auch wie jedes andere Kind Klassenarbeiten schreiben. Die Besonderheit: Mit speziellen Fördermaterial wird Sarah* auf die Klausuren vorbereitet, außerdem wird ihre „Begleiterin“ sie unterstützen. Eine Note bekommt die Zehnjährige für ihre Leistung nicht, ebenso kein Zeugnis. „Wir werden sie dennoch bewerten“, sagt Rüther. Laut Birgit Schulz, Beratungslehrerin am WGM, gehe es um eine positive Bestärkung, Sarah* solle in ihrer Entwicklung vorangetrieben werden.

Es geht nicht um das Abitur

Die Lehrer sind sich sicher: Sarah* wird dem Unterricht nicht immer folgen, wird aber auch nicht „sitzen bleiben“ können. Aber darum geht es nicht. Es geht um kein Lernziel, nicht um das Abitur. Es geht um die Integration in die Gesellschaft. Und das hat Sarah* bisher mit Bravour gemeistert. In den vergangenen vier Jahren besuchte sie bereits eine Grundschule in Meppen, freundete sich dort mit ihren Mitschülern an. So sehr, dass viele Kinder, die künftig das Windthorst-Gymnasium besuchen werden, den Wunsch geäußert haben, mit Sarah* in einer Klasse zu sein, sagt Gabi Oehm.

Klassenraum ist keine Garantie für Freundschaften

So traurig es ist, eines steht jedoch fest: Ein gemeinsamer Klassenraum und die Unterstützung am WGM durch spezielle Klassenpaten ist keine Garantie für Freundschaften, erst recht nicht, wenn die Kinder irgendwann in die Pubertät kommen. Wird Sarah* im schlimmsten Fall irgendwann ausgegrenzt, oder fühlt sich einfach nicht mehr wohl an dem Gymnasium in Meppen, setzt Schmitt die Hoffnung in Sarahs* Eltern. „Wir setzen auf ein Vertrauensverhältnis, um so zusammen eine Lösung dann zu finden.“

*Name von der Redaktion geändert


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