KIM-Vortragsreihe Islam-Theologe stellt Säulen der Religion in Meppen vor

Von Lorena Dreusicke

Was ist der Islam und wo kommt er her? Islamwissenschaftler Bacem Dziri erklärte in seinem Vortrag die Grundlagen der Weltreligion. Foto: Lorena DreusickeWas ist der Islam und wo kommt er her? Islamwissenschaftler Bacem Dziri erklärte in seinem Vortrag die Grundlagen der Weltreligion. Foto: Lorena Dreusicke

Meppen. Was den Glauben des Islams ausmacht, welche Praktiken es gibt und welche Motive Islamisten haben, darüber hat Islamwissenschaftler Bacem Dziri im Theater Meppen referiert.

Die Gastvorlesung war der Auftakt einer Vortragsreihe des Bistumsprojekts „KIM Kirche in Meppen“. Gemeindereferent Stephan Wendt sagte einführend, der Vortrag solle das Grundwissen zu einer Religion vermitteln, die in Deutschland noch weitgehend unbekannt, aus aktuellem Anlass aber Schwerpunktthema geworden sei. Bacem Dziri arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für islamische Theologie an der Universität Osnabrück und ist Doktorand an der Universität in Bonn. Er ist gläubiger Muslim, wie fast zwei Milliarden Menschen weltweit.

Koran als „Update“

Zu Beginn stellte er klar, dass der Islam an sich keine Kultur sei, sondern ein Glaube und eine Praxis. „Islam bedeutet Glaube an Gott – oder Allah – an das Jenseits, die Propheten, die Schriften, Engel und das Schicksal.“ Vieles davon gleiche dem christlichen Glauben. Zumal sich der Islam nicht als einzig gültige Religion sehe, sondern andere Religionen in seinen Schriften bestätige. „Der Koran ist keine Verfassung, keine neue Botschaft, sondern eine Art Update“, sagte Dziri.

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Die Glaubenspraxis sei bekannt als die fünf Säulen: das Glaubenszeugnis, Beten in einem bestimmten Ritus und die Entrichtung des Zakats – eine Pflichtabgabe an einen festgelegten Begünstigten. Zudem werde im Ramadan-Monat gefastet. „Ich kenne mehr Muslime, die fasten als beten“, sagte Dziri. „Denn das Fasten ist an Soziales geknüpft, man lädt Gaste zum Abendessen ein und isst besondere Gerichte.“

Die fünfte Säule sei für jeden Muslim die Hadsch – die Pilgerfahrt nach Mekka. Als „Vorwegnahme des kosmischen Geschehens der Auferstehung“ können dort Riten durchlaufen werden, die den Menschen von seinen Sünden befreien. Ob alle Muslime diese Praktiken ausüben, sei zu bezweifeln, „aber dass sie zum Glauben gehören, ist Konsens“.

Kirchturm als Vorbild für Minarett

Dziri nutzte Bilder von islamischen Gebäuden, um auf weitere Eigenschaften des Islams einzugehen. So sei die Stadt Medina, ebenfalls in Saudi-Arabien, genauso heilig wie Mekka. Denn dort liege der Prophet Mohammed begraben. Als drittheiligste Stadt gelte Jerusalem.

Das erste Minarett gab es laut Dziri in Damaskus. „Es ist dem Kirchturm entlehnt, zur Religion gehört das an und für sich nicht.“ Es folgten weitere besondere Moscheen und Gebäude, darunter beliebte Touristenziele wie der Taj Mahal in Indien und die Alhambra in Spanien. Eine besondere Stätte sei auch die größte Lehmbau-Moschee der Welt in Timbuktu, die von den Stadtbewohnern jährlich mit Schlamm restauriert werde. Grundsätzlich seien die verschiedenen Bauweisen laut Dziri ein Indiz dafür, dass der Islam auch verschieden gelebt wird.

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Als deutsches Beispiel zeigte er ein Bild der „Roten Moschee“ in Schwetzingen, die baulich an das zugehörige kurfürstliche Schloss angepasst ist. „Ich finde, das muss der Islam hier leisten: Er muss sich ins kulturelle Umfeld einbetten“, sagte Dziri. „Es muss ein deutscher Islam entstehen, der architektonisch und mental in unser Land passt.“

Der Islam und Gewalt

Aus seinem Abriss zur Geschichte des Islams geht hervor, dass die momentan auftretenden islamistischen Gruppierungen womöglich eine Reaktion auf die erfolglosen Reformbewegungen im 19. Jahrhundert sind. „Der IS will den Islam islamisieren, ihm mit dem ‚Kampf gegen Ungläubige’ noch eine Säule hinzufügen. Für sie ist der Koran eine Verfassung.“ Handlungen wie die des IS finde man nicht in der Historie des Islams. „Sie berufen sich darauf, aber es ist etwas Neues, eine Karikatur, noch grässlicher.“ Die Islamisten instrumentalisierten den Islam für politische Zwecke. Dziri: „Und da sage ich provokant, man muss kein Muslim sein, um Islamist zu sein.“

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Ähnlich provokant fielen die Nachfragen aus dem Publikum aus. Ein Zuhörer fragte Dziri nach Mohammeds Grausamkeiten gegenüber Nichtmuslimen, über die er in einem Buch gelesen habe, was Dziri abstritt. Wann mit einer Säkularisierung in den islamisch geprägten Ländern zu rechnen sei, wollte ein anderer Zuhörer wissen. Diese gebe es „de facto in den meisten Ländern“, antwortete der Wissenschaftler. Für weitergehende Diskussionen blieb keine Zeit, Gastgeber Stephan Wendt kündigte jedoch Folgeveranstaltungen an.


Islamische Weltgeschichte vs. westliche Weltgeschichte:

Zur Geschichte des Islams sagte Bacem Dziri, die Religion habe sich unmittelbar nach dem Ableben des Propheten Mohammed ausdifferenziert in Sunniten (die meinten, der Beste soll Kalif, also Herrscher sein) und Schiiten (die meinten, einer der Propheten soll Kalif sein).

Faktisch gab es dann laut Dziri im 3. Jahrhundert eine erste Form der Säkularisierung: Nicht der Kalif, sondern der Sultan hatte die Macht.

Während die westliche Welt Mittelalter, Aufklärung und Revolutionen erlebte, gab es in der islamischen Welt die sogenannten zwei Katastrophen: Mongolenstürme aus dem Osten und Kreuzzüge aus dem Westen. Als „Wiedergeburt“ ist unter anderem das Osmanische Reich zu verstehen.

An den kolonialen Imperialismus des Westens schlossen sich im islamischen Bereich Reformbewegungen im 19. Jahrhundert an. „Das entstand aus dem Komplex, verloren zu haben und den Westen als so fortschrittlich zu sehen.“ Die Frage, wie der Islam und die internationale Entwicklung vereinbart werden können, sei vielerorts noch offen.

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