Kampf um Rückkehr Hemsener wütend über Abschiebung von Flüchtling Sami


Meppen. Der SV Hemsen und Freunde des Flüchtlings sind immer noch tief bestürzt über die Abschiebung von Sami Moringa (Nachname von der Redaktion geändert). Vereins-Vorsitzender Klaus Bandowski empfindet „eine Mischung aus Trauer, großer Enttäuschung, ganz viel Sorge um Sami und auch einer Portion Wut“.

Wie berichtet war der 21-jährige Flüchtling am Montag von der Polizei aus seiner Wohnung in Meppen-Hemsen abgeholt worden, um ihn nach Italien zu überführen. Der Mann aus Eritrea wurde dorthin geschickt, weil es das Land ist, in dem er bei seiner Flucht den ersten Fingerabdruck hinterlassen hat. Er war mit einem Schlepperschiff nach Libyen und von da nach Italien geflohen. Auf dem Schiff ließ er von der Polizei einen Fingerabdruck nehmen.

BAMF ordnete Überstellung an

Es greift das Dubliner Abkommen , wonach der Staat, in den der Asylbewerber nachweislich zuerst eingereist ist, das Asylverfahren durchführen muss. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ordnete deshalb an, den Flüchtling nach Italien zu überstellen.

Die Art und Weise, wie schnell an jenem Morgen alles ging, kritisieren Nachbarn und Freunde heftig. „Wir sind alle ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig und erwarten einfach mehr Unterstützung von den Behörden.“ Vom Landkreis Emsland habe man sich mehr Entgegenkommen erhofft.

Um 5.30 Uhr abgeholt

„Der Landkreis und das BAMF haben uns keine Gelegenheit gegeben, dass wir uns von unserem Freund verabschieden können.“ Sami sei einfach abgeholt worden. Nach Informationen der Hemsener stand die Polizei an jenem Montagmorgen um 5.30 Uhr vor der Tür des Hauses, in dem Sami mit drei anderen Flüchtlingen wohnte. Schnell hätte er seine Sachen packen müssen. Knapp 15 bis 20 Minuten habe er dafür Zeit gehabt. „Er konnte gerade mal seine Zähne putzen und ein paar Dinge greifen, die er in einem kleinen Täschchen mitnahm“, erzählt Christian Bandowski. Erst auf die Frage des Flüchtlings an die Beamten, wo denn ein entsprechender Brief in Sachen Abschiebung sei, hätten die ein Schreiben aus dem Auto geholt und es ihm gegeben.“

Sich wie Schwerverbrecher gefühlt

Sehen dürfen hätte der junge Mann aus Eritrea niemanden mehr. Er habe sich in dem Moment „wie ein Schwerverbrecher, wie ein Terrorist“ gefühlt, schreibt Sami ein paar Tage später per SMS aus Italien. Vermutlich aus Mailand. Wo er wirklich sei, wisse er nicht. Niemand kümmere sich um ihn, sei dort für ihn zuständig, teilte er den Hemsenern mit. Kontakt bekamen sie bis dahin nicht zu ihm.

Viel Persönliches zurückgelassen

Was in dem Flüchtling in jenen Momenten seines Abholens und in den Tagen danach vorging, mag sich der Vorsitzende des SV Hemsen , in dessen Haus Sami ein und aus ging, nicht vorstellen. So plötzlich, ohne rechtzeitige Vorab-Mitteilung eines Datums aus einem Umfeld herausgerissen zu werden, das für ihn schon zur neuen Heimat geworden sei, sei einfach schlimm. Er bewahrt zurzeit in seinem Haus all das auf, was der Flüchtling nicht mitnehmen konnte: Bankkarte, ihm wichtige Halsketten mit Kreuz, seine Bibel, Handyladegerät, deutsche Unterlagen. Auch Fußballschuhe, eine alte Gitarre und andere Dinge blieben zurück.

„Keine Chance gegeben“

Bandowski und alle anderen, die sich seit Monaten für Sami eingesetzt haben, macht die Vorgehensweise der Behörden fast wütend. Aber nicht nur das. Die derzeitigen Regelungen hätten Sami einfach keine Chance gegeben. Das sei mehr als schlimm und demotivierend. „Da bringen wir Menschlichkeit rein, helfen alle, engagieren uns – und es wird so unmenschlich vorgegangen“, klagen sie. Von Anfang an habe sich der 21-Jährige, der seit Frühjahr 2015 im Meppener Ortsteil Hemsen lebte, bemüht, Teil unserer Gesellschaft und unseres Landes zu werden. „Er hat Deutsch gelernt , er gehört fest mit zu unserem Verein, er hat sich ehrenamtlich für andere Menschen engagiert. Ja, er hätte sogar Aussicht auf einen Job gehabt. Dass dann ein so liebenswerter Mensch nicht bleiben darf, kann eigentlich nicht sein. Das ist doch ein Fehler im System“, sagt Bandowski im Gespräch mit unserer Redaktion. Er ist sauer. Richtig sauer, „weil die Sportvereine ja aufgefordert worden sind, Flüchtlinge aufzunehmen. Wenn sich dann jemand wie Sami richtig integriert, muss er zurück.“ Kopfschütteln.

Von Anfang an um Integration bemüht

Doch nicht nur Bandowski ist wütend. Viele versuchten im Hintergrund eine Menge, um dem Flüchtling aus Eritrea ein Bleiben zu ermöglichen. Sie schalteten unter anderem die Härtefallkommission des Landes ein, wiesen ihr gegenüber auf die höchst problematische, ja gefährliche Situation Moringas in der Heimat hin. Aus der floh der 21-Jährige, ein orthodoxer Christ, aus religiösen Gründen. In Hemsen habe er sich von Anfang an um schnelle Integration bemüht, die deutsche Sprache gelernt, Freundschaften geschlossen, sich in Vereinen ehrenamtlich engagiert und sich gut in die Nachbarschaft eingefügt. Nachdem er zum Beispiel bei einem Willkommenstag für Flüchtlinge das jam in Meppen kennenlernte, half er auch dort regelmäßig mit, interessierte andere Asylbewerber für die Arbeit im SV Hemsen.

Willkommenstag im jam

Felix Münchow lernte Sami Moringa bei eben jenem Willkommenstag im jam kennen. Die beiden jungen Männer freundeten sich an. Mehr noch. Der Flüchtling hatte viel Kontakt zu der Familie Münchow. Man kochte zusammen, feierte gemeinsam den 80. Geburtstag der Oma des Groß Hesepers, verbrachte zusammen den Heiligabend. Der Gedanke, Sami verloren zu haben, erschreckt die Familie. „Die Vorstellung, wie er sich in dem Moment des Abschieds ohne wirklichen Abschied von uns allen fühlte, macht mich zutiefst traurig“, sagt Petra Diek-Münchow.

Sie und die anderen sind enttäuscht. Enttäuscht von dem Land, auf das Sami seine ganze Hoffnung gesetzt hat.“ Nun sei er in Italien, niemand kümmere sich richtig um ihn. „Kann das alles richtig sein?“, fragt die Runde und blickt auf einen Stapel von Schriftsätzen, die sie im Fall Sami an die Behörden geschickt hat, auf Fotos, die an gemeinsame Stunden erinnern. Einige starteten sogar Versuche, dem Flüchtling Kirchenasyl zu gewähren. Erfolglos.

Freunde geben nicht auf

Aufgeben wollen Sami Moringas hiesige Freunde allerdings nicht. „Wir werden ihn weiter unterstützen, ihm Tipps geben, dass er vor Ort klarkommt und nicht auf der Straße landet, werden versuchen, ihn seelisch aufzubauen.“ Und die Runde hat, wie sie andeutet, „eine Option, die seine Rückkehr vielleicht doch ermöglicht“. Am Ball bleiben wollen seine Freunde auf jeden Fall, damit Sami irgendwann in Zukunft vielleicht doch auch wieder für den SV Hemsen kicken kann.


Meppens Bürgermeister Helmut Knurbein kann das Bedauern über die Rückführung Sami Moringas nach Italien „nur zu gut verstehen.“ Die Rechtslage habe das leider so verlangt, sagte er auf Anfrage. Natürlich müsse man hinter dem Prozess den Menschen sehen, der in den vergangenen Jahren und während seiner Flucht „Schreckliches durchlebt und trotz dieser Erfahrungen großes Engagement in unserer örtlichen Gemeinschaft gezeigt hat“. Der Verwaltungschef habe den 21-Jährigen bei der Präsentation der Stadt-Internetseite „Willkommen in Meppen“, an deren Gestaltung er aktiv mitgewirkt hat, kennengelernt – und sei von ihm beeindruckt gewesen.

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