Lehrer, Arzt, Ingenieur, Student Draufsänger – ungewöhnliches Ensemble in Meppen


Meppen. Nicht enden wollender Applaus, etliche Zugaben, Mitsingen vom ersten Ton an – so hat sich das Publikum einfangen lassen von dem, was die „Draufsänger“ auf die Meppener Theaterbühne brachten. Draufsänger – das sind sechs hochkarätigen Sänger eines A-Capellla-Ensembles, das aus drei Lehrern, einem Arzt, einem Ingenieur und einem Student besteht.

Doch nur mit Stimmpotential allein ist diese präzise choreografierte Vokalkunst nicht über Jahre auf so hohem Niveau zu erreichen. Es gehört ungeheurer Einsatz jedes Einzelnen dazu, eine solch ausgewogene Ensemble-Leistung zu präsentieren. Kreativität, Musikalität, akribische Probendisziplin und grenzenloses Engagement – für den stimmlich brillant strahlenden Tenor Benedikt Steinfeld bedeutet das 400 Kilometer Fahrt zu den Proben – sind für eine perfekte Performance unerlässliche Voraussetzung.

Leicht und mitreißend moderierte Tenor und Kontratenor Joachim Bodde mit Akzente setzender Rhetorik. Er managt die Band, organisiert und schreibt Songs; und wenn der Jüngste und einzig Hauptberuflicher in der Runde, Bassist Martin Kleine, von seinen eigenen Arrangements für das Ensemble sagt, das eine oder andere sei eigentlich nicht singbar, dann ist das für Bodde kein Hindernis. Kleine, von den Kollegen „Ohlsen“ genannt, bildet nicht nur stimmlich den sonoren Kontrapunkt, sondern strahlt balancierende Gemütlichkeit aus in das vor Esprit sprühende Bühnengeschehen.

Echte Popstimme

Zu diesem trägt maßgeblich Bariton Heiko Brune mit echter Popstimme und tänzerischer Kreativität bei. Aus seiner Feder stammen unzählige der einfallsreichen Texte, und er ist beatboxender Arrangeur. Seine Mouthpercussion ist ebenso faszinierend wie die des Bassisten Martin Schneider, Perfektionist und Improvisationstalent, der ganz in der Musik aufgeht und dessen Moves das Zwerchfell der Zuschauer angreifen. Mit „Zum-gern-haben-Ausstrahlung“, tänzerischem Humor und der feinen mimischen Ironie, die auch Schneider auszeichnet, rundet Uwe Winninghoff mit seinem Tenor und Kontratenor die Harmonie der Klangfarben perfekt ab.

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„Na, auch hier?“ – einzeln und in Gruppen auf die individuellen Gründe des Kommens singend angesprochen, fühlte sich das Publikum bei der Eröffnung, als sei es einer privaten Einladung gefolgt. Das Konzept ging auf, Nähe zum Publikum von der ersten Sekunde an. Das herumwirbelnde Taschenlampen-“Spotlicht“ (so der Name ihres aktuellen Programms) als Markenzeichen soll „den alltäglichen Wahnsinn“ beleuchten und auf das ach so menschelnde Miteinander fokussieren.

Wohlwollendes Schmunzeln

Winninghoffs „Only you“ berührte ohne jede Sentimentalität, zumal Schneider und Brune mit „Boombastic“ kontrastierten. Thematisch folgend, schloss sich als „Lesung“ Peter Gabriels träumerisches „The Book of Love“ verzaubernd, aber unverbraucht frisch an. Kleines Zappa-Zitate wurden jedoch als jugendschädigend unterbrochen, das Steinfeld-Solo prangerte in „Melodie“ fehlende „FSK“-Verantwortung der Radiosender und dem „Ohrwurm“ zum Opfer fallende Sprachverletzung an. Das Geplänkel um weibliche und männliche Auffassungen endete versöhnlich in „Solange Du da bist“ und generierte wohlwollendes Schmunzeln für das musikalische Flehen jedes Mannes nach Anerkennung für sein Bemühen im „Lob mich“.

Beim Blick in den Terminkalender stellten Winninghoff und Brune fest, dass das Arbeitsleben die eigentliche Entspannung sei, die all die Wochenendaktivitäten nötig machten. Entsprechend schwungvoll ertönte „Wochenend und Sonnenschein“, gesanglich kommentiert durch Schnarchen, genussvolle Mimik und den amüsant eingestreuten ruhelosen Bauern Karl-Hinirch (Carell, „Goethe war gut“).

Zwischen Familien- und Berufsalltag

Die Turbulenzen zwischen Familien- und Berufsalltag bejahend, bekannte sich Bodde zu seinem „Leben im Fortissimo“; „Pianissimo-Typ“ Brune entzog sich „Schamlos in Damlos“ den Fängen seiner „Ex“, und Schneider hasste Netzbekanntschaften als „Menschen zu Hauf im Ausverkauf“. Winninghoff und Brune strapazierten die Lachmuskeln mit ihrer Persiflage „Es war Sommer“, bevor sich Brune mit „Fairtrade Flatrate“ der digitalen Diktatur entzog, um die Welt mit seinem Biosiegel-Tattoo zu retten.

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Mit „Minnie the Moocher“ und ihrem „We will rock you“-Medley riss das Ensemble das Publikum von den Sitzen und übertraf sich sächselnd, mit Rap, als Udo Lindenberg und als Louis Armstrong faszinierend, in der Performance der Zugaben.


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