Trend oder Strohfeuer? Vegetarische Wurst für Flexitarier

Von Matthias Engelken

Immer bewusster ernähren sich die Kunden in Deutschland. Deshalb bieten Fleischproduzenten Alternativen an, die geschmacklich nah am Original sind.Immer bewusster ernähren sich die Kunden in Deutschland. Deshalb bieten Fleischproduzenten Alternativen an, die geschmacklich nah am Original sind.

Meppen. Weil immer mehr Menschen auf Fleisch verzichten, machen sich Landwirte Sorgen. Denn ihre eigentlichen Abnehmer bieten plötzlich dem Verbraucher vegetarische Alternativen an. Ein Verdrängungswettbewerb?

Keineswegs, wie Ingo Stryck vom Geflügelspezialisten Wiesenhof jetzt verdeutlicht hat. Er war auf Einladung des Vereins der landwirtschaftlichen Fachschulabsolventen Meppen und der Landwirtschaftskammer ins Landgasthaus Eppe in Meppen-Teglingen gekommen. Stryck ist Geschäftsführer Marketing beim Unternehmen Wiesenhof. Er berichtete vor gut 100 Landwirten über ein Dilemma, zumindest für sein Unternehmen: „Überall Veggie-Kochbücher, Veggie-Restaurants erobern die Großstädte, immer mehr Veggie-Produkte erscheinen im Handel und werden in Großküchen verwendet“, erläuterte der promovierte Ernährungswissenschaftler.

Deshalb sei auch Wiesenhof den Schritt hin zu eigenen vegetarischen Produkten gegangen. Ziel sei das Angebot eines Komplettsortiments gerade auch für die Systemgastronomie. Einer Einschätzung des Vegetarier Bundes (VEBU) zufolge leben mittlerweile fast zehn Prozent der Deutschen vegetarisch. Rund acht Millionen Menschen verzichten demnach auf Fleisch, rund eine Million leben vegan, verzichten also auch auf andere tierische Produkte.

Die Zahlen steigen seit Jahren, während die Wurst-Nachfrage laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) stagniert. „Wichtig für uns sind weniger die Veganer oder Vegetarier, sondern vielmehr die Flexitarier“, sagte Stryck. Damit meint er Konsumenten, die vermehrt auf täglichen Fleischverzehr verzichten, sich bewusster ernähren und zumindest manchmal eine Fleischalternative benötigen.

Dies habe das Unternehmen Rügenwalder Mühle frühzeitig erkannt. Stryck sparte nicht mit Lob für den Mitbewerber aus Bad Zwischenahn. Denn die Verkaufszahlen sprächen für sich. Wiesenhof selbst produziert unter anderem eine „vegetarische Fleischwurst“ als klassische und als Paprika-Variante. Und dies ganz ohne tierische Zutaten, basierend auf Soja- und Erbseneiweiß-Basis und nicht auf basierend auf Hühnerei wie bei anderen Herstellern.

Das habe zwei Gründe: Einerseits ist die Wiesenhofvariante auch für Veganer geeignet, andererseits bräuchten Vegetarier, die aus ethischen Gründen auf Fleisch verzichteten, sich erst gar nicht die Frage nach Herkunft und Haltungsform der verwendeten Eier zu stellen.

In die gleiche Kerbe schlug Wiesenhof-Vorstand Peter Wesjohann. „Wenn schon vegetarisch, dann konsequent“, warb er für seine Produkte. Dabei verhehlte er nicht, dass es sich bei dem Angebot lediglich um einen weiteren Zweig im Unternehmen handelt, der zwar auf Dauer größer sein werde als der Biotrend, aber nicht das bislang gut laufende Geschäft in Sachen Geflügelfleisch bedränge.

Ganz im Gegenteil. Wesjohann sieht noch Zuwächse. So seien im Gegensatz zum stagnierenden Schweinfleischkonsum weiterhin Anstiege im Geflügelfleischkonsum zu verzeichnen. Ein Grund: Die vermehrt bewusste Ernährung vieler Menschen und der Fokus auf fettarme Produkte wie eben Geflügel.

Doch trotz dieser eher guten Nachricht blicken die Landwirte durchaus skeptisch auf den Veggie-Trend. Ein Kritikpunkt ist die Bezeichnung eines fleischlosen Produktes als „Wurst“. Immerhin stehe der Begriff „Wurst“ doch für ein traditionelles Fleischprodukt. „Mitnichten“, bekräftigte der Firmenchef mit Blick auf die rechtliche Seite. Zwar würden erste Versuche unternommen, den Begriff „Wurst“ zu schützen, doch solange dies nicht gesetzlich geregelt sei, werde so nah am Original produziert, wie es nur gehe, um den Absatz zu fördern. „Letztlich ist es eine sinnvolle Ergänzung unserer Produktpalette, die unser Unternehmen mit stabilisiert und somit auch den Fleischproduzenten zu Gute kommt“, bekräftigte er. Im Sommer komme ein neues Produkt auf den Markt: die fleischlose Bruzzzlerwurst.


Die Marke Wiesenhof gehört zu der PHW-Gruppe mit Sitz in Rechterfeld im Landkreis Vechta. Vorstandsvorsitzender der Gruppe mit mehr als 6700 Mitarbeitern verteilt auf 40 angeschlossene Unternehmen ist in dritter Generation Peter Wesjohann. Der Gesamtumsatz betrug im Geschäftsjahr 2014/2015 rund 2,38 Milliarden Euro. Der Absatz von Hähnchen-, Puten- und Entenfleisch liegt bei mehr als 500.000 Tonnen im Jahr.