Das wahre Wesen der Kuttenträger Heavy-Metal-Lesung „Read’EmAll“ im Meppener Jam


Meppen. Persönliche Anekdoten, haarsträubende Geschichten, Weisheiten von echten Koryphäen des Genres und theoretische Abhandlungen: Den Kosmos des Heavy Metal haben die Autoren des Trios „Read ’Em All“ bei ihrer Lesung im Meppener Jam wortgewaltig in Szene gesetzt.

Halb ironisch, halb wehmütig sind sie dem „wahren“ Wesen des kaum erforschten Metallers auf den Grund gegangen. So halfen sie den Kuttenträgern, sich selbst zu verstehen.

Auf dem Sofa und dem Sessel der Bühne im Jugendzentrum Jam in Meppen nehmen drei Männer Platz wie sie scheinbar nicht unterschiedlicher sein könnten, doch die eines eint. Ein Teil des Publikums hat sich nach draußen verdrückt, um nach dem Akustik-Auftritt von Markus Teepker noch eine zu rauchen.

„Wer sagt denn, wann es losgehen soll?“, fragt der mit unfrisierten, hellen Wuschelhaaren im Talco-Shirt. „Ich weiß es nicht“, brummelt der im Metallica-T-Shirt, eine Matte wie der Sänger von Slayer. „Okay, wir fangen an“, entscheidet der Dritte im Bunde, dessen Kopfbehaarung die besten Zeiten hinter sich hat. Ein Thin-Lizzy-Aufdruck prangt auf seiner Brust.

Fünf T-Shirts und drei CDs verkauft

Langsam trippeln die Meppener Metaller wieder rein, während Frank Schäfer sich dem Theorie-Thema Nummer eins des Heavy Metal widmet: Trueness. „Axel trägt Micky-Maus-Unterwäsche. Ist das true? Till trägt gar keine. Ist das true?“, beginnt er seine Abhandlung, eine verschroben-komische Geschichte um die Band Vicious Rumours auf einem Konzert in der Kleinstadt Gifhorn. Vertraglich gesichert war wohl das Bier, nicht aber die Bühne, doch die US-amerikanischen Power-Metaller spielten (wie) im Rausch und verkauften insgesamt fünf T-Shirts und drei CDs. „Absolut erbärmlich und true wie es truer gar nicht mehr geht.“

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Axel Klingenberg nahm die Besucher, die sich inzwischen auf den Bänken festgesessen hatten, mit in die Zeit seiner Jugend. Aus seinem 22-seitigen Bildungsroman – „das ist alles, an was ich mich noch erinnern konnte“ – las er vor, wie er damals zum Metal kam. Der Sänger von AC/DC, Bon Scott, war, kurz bevor Klingenberg ihn für sich entdecken konnte, verstorben. „An seinem Erbrochenem erstickt – was für ein Mann!“, lauteten die anerkennenden Worte des damals Halbstarken.

Konfirmanden im Niemandsland

Ironisch und gleichzeitig nostalgisch beschrieb er die Vereinnahmung dieser Szene von jugendlichen Konfirmanden im Niemandsland der Lüneburger Heide, die, wenn sie schon keine schwarzen Messen feiern konnten, zumindest abends auf den Bänken vor dem Gemeindefriedhof billiges, Kopfschmerzen verursachendes Bier tranken und auf der ersten Scheunenparty der Band, „die aus aknekranken Jugendlichen unseres Landkreises bestand“, ihre Treue schworen. „Was man halt so schwört, wenn man jung ist und von der Welt noch nichts gesehen hat.“

Über Kuriositäten des inzwischen größten Heavy-Metal-Festivals, dem Wacken Open Air, klärte Till Burgwächter auf. Dabei informierte er nicht nur über den Gebrauch des goldgelben Gebräus als „Sexometer“, sondern auch über die tiefsten Abgründe wie Dixi-Klos und allem, was an Fäkalwitz dazu gehört.

Lemmy Kilmisters Ansichten

Doch auch den Ausverkauf des Genres brachte er bitterböse auf den Punkt, wenn er von dem Bandshirt-Wahn sprach und den „Klamottenkapitalisten, die produzierten, was Kinderhände in Bangladesch hergaben“. Die Moral von der Geschicht‘: „Erst Band hören, dann Shirt tragen!“

Die kleine Schar der „truen“ Meppener Metaller war begeistert, gluckste nach jedem zweiten Satz und war nun um einiges schlauer und weiser. Denn: „Ihr wisst es selbst, Metal macht schlau“, witzelte Schäfer mit einem Seitenhieb auf die Kritik der Anfangsjahre, als Metal als dummer Krach bezeichnet wurde und gab die moralischen Ansichten von keinem Geringerem als Frontmann Lemmy von Motörhead zum Besten.


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