„Déjà-vu? – Schon mal gesehen?“ Pantomimen zeigen in Meppen Momente des Alltags

Meine Nachrichten

Um das Thema Meppen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Verdecken weckt Vorstellungskraft: Wolfram von Bodecker (links) und Alexander Neander bei ihrem Auftritt in Meppen. Foto: Petra HeidemannVerdecken weckt Vorstellungskraft: Wolfram von Bodecker (links) und Alexander Neander bei ihrem Auftritt in Meppen. Foto: Petra Heidemann

Meppen. Mit der Kunst der Pantomime haben „Bodecker & Neander“ das Meppener Theaterpublikum mit feinsinnigem Humor und magischer Körpersprache Momente des Alltags „Weiß auf Schwarz“ als etwas bezaubernd Neues entdecken lassen.

Seit über 15 Jahren präsentieren der aus Schwerin stammende Wolfram von Bodecker und der in Paris geborene Alexander Neander ihr, wie sie es nennen, „Visual Theater“. Ihre profunde Ausbildung umschließt professionelle Zauberkunst wie „Commedia dell’arte“. Beide sind diplomierte Absolventen der „École Internationale de Mimodrame de Paris, Marcel Marceau“ – ein Titel, den nur wenige führen.

Marcel Marceau engagierte beide umgehend. Über zehn Jahre auf Welttournee, bis zum letzten Vorhang des Meisters, sind sie Teil seiner Compagnie, und so reicht ihr Repertoire von Clownerie und Slapstick über Körpertheater und Tanz bis zu Elementen der „Laterna Magica“ und des „Schwarzen Theaters“. Ihr Start als Duo erfolgte 1996 auf einem Luxusliner.

Zwei Gestalten erscheinen

Unvermittelt lassen Klopfsignale aus dem Off das Raunen des erwartungsvollen Publikums verstummen, leise orchestrale Musik mit Trompetensolo weckt die Aufmerksamkeit der Sinne, erst dann verdunkelt sich der Raum, und das Augenmerk richtet sich auf das tiefe Schwarz, das der sich öffnende Theatervorhang freigibt. Zwei Gestalten erscheinen und kämpfen sich, in den vermeintlichen Sturmwind gelegt, mühsam im Gleichtakt ihrer Körper durch hörbaren Gewitterregen, um schließlich mit unsichtbaren Instrumenten, Akkordeon und Bassgeige, ein Straßenkonzert in Pariser Milieu „erklingen“ zu lassen, bis der Regen die Oberhand behält.

Weiterlesen: Porträt des aus Meppen stammenden Pantomimen Michael Aufenfehn

Vom Füttern und Anlocken imaginärer kleiner Vögel lassen sie sich verzaubern, um deren Gunst sie in Streit geraten, dass es das durch flatternde Hände dargestellte Tier nicht überlebt. Bei phantasievollen Wiederbelebungsversuchen finden sie wieder zu einander, das Spiel beginnt von vorn, bis die Anzahl der Vögel nicht mehr zu handhaben ist.

Sensibles Theater

Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ erleben ihre Interpretation als Rose in der Hand des sehnsüchtig Liebenden – sensibles Theater großer Gefühle von Ungeduld, Enttäuschung, Erstarrung, wieder Aufkeimen bis zur Erfüllung im Tanz. Eine einfache Damenperücke über dem Mantelrand in den Armen Bodeckers reicht für die perfekte Illusion.

Fasziniert verfolgt der Besucher die Übungen eines „Zauberlehrlings“, dessen Kunststücke offensichtlich ein Eigenleben entwickeln, bestaunt die klassisch gleitenden Treppenauf- und abgänge hinter halbhoher Wand im „Pariser Kaffeehaus“, amüsiert sich über einen selbstverliebten Sänger, der vor herrlich überzeichneten Starallüren nicht zum Singen kommt, tollpatschig auf die Geige seines Begleiters tritt und schließlich „O sole mio“ und den Donauwalzer per Schluckauf zum Besten gibt.

Wie bei Munchs „Schrei“

Ruft ein mit „oho“ aus dem Publikum begrüßter „Lehrer“ zunächst belächelndes Mitgefühl mit diesem gutmütigen, mit einem steifen Bein Gehandicapten hervor, so erstarrt der Besucher, wenn das Träumen durch einen Papierflieger in der Hand des im Alltagstrott Gefangenen zum Albtraum-Déjà-vu von Fliegerangriffen wird – analog zu Munchs „Schrei“ –, bis dieser alles auf imaginärer Tafel auslöscht und alle Zettelkritzeleien liebe- und respektvoll in die Schülerhefte zurücklegt.

Im musikalisch-mimischen Zeitraffer entströmt einer alten zerbeulten Filmrollendose Filmgeschichte, bis die Dosenhälften zu Micky-Maus-Ohren werden. Der Entstehungsprozess eines Aquarell verregnet, das Spiel mit Regentropfen assoziiert Glockenspielmusik, das Regenballett verwandelt sich in irischen Stepdance.

So erfahren Emotionen ihre stille, aber ausdrucks- und damit eindrucksstarke Verwandlung ins Sichtbare, wird verborgenes Mikro-Erleben zum Hauptthema gezoomt, bekommt die Mimik als Spiegel der Seele „Hand und Fuß“. Zwei Stunden Körper-Sprache vom Feinsten, die keiner Worte bedarf, und die Frage „Déjà-vu? – Schon mal gesehen?“ erfährt im mehr als verdienten Applaus die Bestätigung „Déjà-vécu“ – schon mal erlebt.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN