„Gesundheitliche Zeitbomben“ Pyrotechniker: So schädlich sind Holi-Farben

Von Carola Alge


Meppen. Holi-Feste sind in. Die nächsten Farb-Partys finden in Meppen-Nödike und am Speichersee in Geeste statt. Welche gesundheitlichen Risiken bringen sie möglicherweise mit sich, was bedeuten sie für die Umwelt – darüber sprachen wir mit dem erfahrenen Meppener Pyrotechniker Dr. Hans Knöchel. Der findet diese Events aus der Ferne betrachtet nett, allerdings seien viele der verwendeten Farbprodukte „gesundheitliche und biologische Zeitbomben“.

Herr Dr. Knöchel, Holi ist zurzeit auf aller Kleidung. Die Farbspektakel erleben einen Boom. Auch bei uns. Was halten Sie generell von der Holi-Welle?

Gar nichts. Für mich nur eine spleenige Eselei von Zeitgenossen, die permanent nach ständig Neuem – möglichst Exotischem – gieren und dabei jegliche Vernunft zur Seite schieben. Was soll daran so toll sein, wenn man – weil das in Indien so üblich ist – sich gegenseitig mit Farben beschmeißt und die Kleidung bzw. die Haare bleibend ruiniert.

Sie sind ein erfahrener Pyrotechniker und haben sich jetzt zwecks Untersuchung handelsübliches Holi-Farbpulver aus Indien und Holi-Pyrotechnik aus Schweden besorgt. Wie ist Ihr erster Eindruck?

In Deutschland darf offensichtlich jeder jeden Dreck verkaufen – und sei er noch so bedenklich oder gefährlich. Je exotischer, desto stärker ist die „Muss-ich-haben-Gier“ mancher Leute, bei denen oft auch das „Muss-ich-mitmachen-Gefühl“ sehr ausgeprägt zu sein scheint.

Gibt es keine Überprüfung und Verkaufsfreigabe durch den Staat?

Schön wär’s. Findet aber nicht statt. Schließlich überprüft der Staat auch nicht die dubiosen Räucherstäbchen auf Gesundheitsunschädlichkeit – auch wenn ich diesbezüglich so meine Zweifel habe.

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Neuester Hit der Holi-Szene sind pyrotechnische Rauchpatronen. Sie setzen ja reines Farbstoff-Aerosol frei ...

Rauchpatronen oder Rauchkörper sind seit über 100 Jahren ein begehrter Bestandteil der zivilen und militärischen Pyrotechnik, um weißen oder farbigen Rauch für Test- und Signalzwecke einzusetzen. So dienen zum Beispiel die bekannten Rauchkörper der Bundeswehr zur optischen Mitteilung von Frontereignissen ins Hinterland, zur Signalgebung an Flugzeuge oder als Seenotrettungssignale für Schiffbrüchige. Allerdings werden alle militärisch verwendeten pyrotechnischen Artikel vor ihrer Einführung sorgsamst auf Gesundheitsschädlichkeit, Umweltrelevanz und sichere Verwendbarkeit überprüft, wie etwa bei der Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition (WTD 91) in Meppen. Warum die gefährlichen Holi-Produkte nicht von der BAM (Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung) geprüft und gegebenenfalls freigegeben werden, ist mir unverständlich. Schließlich prüft man dort auch jeden Artikel des Kinderfeuerwerks Klasse I und gibt ihn mit BAM-Nr. zum Verkauf frei. Auch jedes „Seenot Rauchsignal Orange“ hat ebenso eine BAM-Nummer, wie die beliebten kleinen „Rauchbälle“ des Silvesterfeuerwerks.

Bei Tagesfeuerwerken, von denen Sie in Ihrem Leben viele gezündet haben, steigt der Farbrauch durch entsprechende Konstruktion und Anordnung der Rauchgeneratoren senkrecht in die Höhe und verdünnt sich dort unschädlich. Wie ist das bei den Holi-Rauchpatronen?

In der Pyrotechnik unterscheidet man zwischen kaltem Bodenrauch (für Flächenberauchung oder Tarnung) und heißem Höhenrauch (für optische Zwecke oder zur Signalgebung). Beiden Holi-Farbrauchpatronen ist das jedem wurscht. Hauptsache ist „viel und noch mehr Farbrauch – egal wo und wie“.

Falsch angewendet strömt der Rauch also am Boden aus?

Klar. Die Leute wollen im Rauch „waten“, so wie als Kind im Schlamm. Wenn ein Holi-Festival verregnet, bekommen sie sogar den Farbschlamm gratis und können ihn an den Schuhen, der Kleidung und im Auto heimtragen und -fahren.

Weiterlesen: In Meppen zieht das Holi-Fest nach Nödike

Was bedeutet das für den Benutzer und für die Umwelt?

Nach dem lustigen Motto „Einmal bunt – immer bunt“ wird sicherlich manche auf Sauberkeit bedachte tolerante Hausfrau und Mutter sehr nachdenklich, wenn sie entsetzt feststellt, dass ihre
Holi-begeisterten Kinder auf Haut und Haaren, Schuhen und Kleidung bunte Holi-Andenken mitgebracht und Bettwäsche, Teppiche und Polster dauerhaft bunt eingefärbt haben. Sogar die Handtücher im Bad glänzen dann in allen Holi-Farben . Aber Chlor-Reiniger à la Klorix zerstören bekanntlich jede Farbe, und gegebenenfalls steht draußen die Restmülltonne.

Wenn sich bei einem Holi-Event Regen ins Farbenspiel mischt, werden möglicherweise gefährliche wasserlösliche Farbstoffe in die Erde befördert. Wie bedenklich ist das vor dem Hintergrund, dass Farbstoffmoleküle sehr reaktionsfreudig sind?

Es gibt nur sehr wenige reine Farbstoffe, die nicht umweltgefährdend sind. Textil- und Wollfärbereien haben dauerhaft große Probleme mit ihren farbigen Abwässern, die sie nicht sauber kriegen und die keine Kläranlage verarbeiten kann. Der Boden schafft das schon gar nicht, und letztendlich versickert alles bis ins bodennahe Grundwasser.

In Deutschland gilt auch für Holi-Farben das Produkthaftungsgesetz. Danach hat jeder, der etwas in den Verkehr bringt, für dessen Schädlichkeit zu haften. Was bedeutet das für Veranstalter von Holi-Events?

Etwas für Juristen! Die Hersteller und Vertreiber wissen nach meiner Einschätzung zwar ganz genau, welche gesundheitlichen und biologischen Zeitbomben sie da erzeugen und verkaufen – aber wenn das Geschäft gut läuft und die Aufsichtsbehörden solche Erwachsenenspielchen tolerieren.

Weiterlesen: Was ein Holi-Farben-Hersteller sagt.

Wenn Sie zu der Zielgruppe gehörten: Würden Sie an einem Holi-Event teilnehmen?

Aus der Ferne und mit Fernglas schon. Sehenswert ist das ja. Wenn sich im Zoo die Wildschweine im Schlamm suhlen, weiß der Tierpfleger, dass sie gesund sind und sich des Lebens freuen. Ist doch schön. Aber er wird sich deshalb nicht gleich selbst mit in den Schlamm schmeißen! Ob er allerdings seinen Schutzbefohlenen erlauben würde, sich in Holi-Farbschlamm zu suhlen, ist eine andere Sache.

Holi-Festivals finden oft in der Nähe von Gewässern statt ...

Ein schwedischer Hersteller von pyrotechnischen Holi-Farbrauchpatronen spricht in seinen Sicherheitsdatenblättern ganz offen von „Gefahr von schweren Augenreizungen“ und „schädlichen Langzeiteffekten für wasserlebende Organismen“ sowie „Augenkontakt mit Chemikalien bei diesen Produkten ist bei normaler Verwendung nicht angezeigt“. Am besten nimmt man an einem Holi-Festival also mit Wegwerf-Kleidung, mit einer dichten Badekappe, Ohrstopfen und mit einer Taucherbrille teil. Das sieht zwar blöde aus, aber unter seinesgleichen fällt man nicht auf. Eigentlich müsste man Holi-Festivals in Gewässernähe verbieten.

Die Veranstalter der im mittleren Emsland geplanten Holi-Events haben immer wieder darauf hingewiesen, Holi-Pulver zu verwenden, das in der Hauptsache aus Talkum, Wasser und Lebensmittelfarbe bestehe. Gutachten bestätigten, dass es in Bezug auf Gesundheit und Umweltverträglichkeit ungefährlich und nicht explosionsfähig sei. Das Pulver sei, das belegten Gutachten, absolut unbedenklich, und nach einem kräftigen Schauer oder dem nächsten Rasenmähen sollte auf dem Gelände so gut wie nichts mehr davon zu sehen sein.


Holi ist eines der ältesten Feste Indiens, gefeiert wird der Frühling. Je nach Gegend dauert das Fest zwischen zwei und zehn Tagen. Während des Holi sind alle gesellschaftlichen Unterschiede aufgehoben. Frauen und Männer, Kinder und Alte, Arme und Reiche feiern gemeinsam.

Bekanntester Brauch des Festes sind die Farben. Man besprengt sich gegenseitig mit buntem Pulver („Gulal“) und gefärbtem Wasser. In Westeuropa wird dieser Brauch seit einigen Jahren kopiert.

Entstanden sind die Holi-Festivals. Party-Besucher schmeißen Beutel mit Farbpulver in die Luft, feiern zu House- und Elektromusik und machen Selfies dabei. Ein solches Event forderte in Taiwan ein Todesopfer und mehr als 500 Verletzte.

In Meppen soll es im Industriegebiet Nödike am Baumschulenweg am Samstag, 15. August 2015, ein solches Farbfest geben. Am Speichersee in Geeste soll am Samstag,29. August 2015, ein riesiges Holi-Festival mit bis zu sechs Musikkünstlern auf ein oder zwei Bühnen stattfinden. cw