Lehrerpräsident referiert Schule vor dem Infarkt? – Diskurs in Meppen

Klaus Eilert, Niedersächsische Landesschulbehörde, Hermann Wilmes, 1. Vorsitzender des Fördervereins Freundeskreis des Studienseminars Meppen, Irmgard Pöling, Josef Kraus, Anne Mecke, stellvertretende Seminarleiterin und Jan Hilbers, Fachleiter für besondere Aufgaben (von links), freuen sich vor der Veranstaltung auf einen konstruktiven Meinungsaustausch. Foto: Gerd MecklenborgKlaus Eilert, Niedersächsische Landesschulbehörde, Hermann Wilmes, 1. Vorsitzender des Fördervereins Freundeskreis des Studienseminars Meppen, Irmgard Pöling, Josef Kraus, Anne Mecke, stellvertretende Seminarleiterin und Jan Hilbers, Fachleiter für besondere Aufgaben (von links), freuen sich vor der Veranstaltung auf einen konstruktiven Meinungsaustausch. Foto: Gerd Mecklenborg

Meppen. Die Frage „Brauchen wir eine andere schulische Bildung?“ hat im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung zu einem neuen Projekt gestanden, das das Studienseminar Meppen gemeinsam mit dem Förderverein Freundeskreis des Studienseminars Meppen durchführt.

Das Projekt möchte sich mit dieser Fragestellung aus verschiedenen Blickwinkeln beschäftigen. Zu der Veranstaltung konnte Irmgard Pöling, Leiterin des Studienseminars Meppen, Josef Kraus, den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes und Leiter eines Gymnasiums in Bayern, begrüßen. Ihr herzliches Willkommen galt neben den Angehörigen des Studienseminars auch den Schulleiterinnen und Schulleitern sowie den Lehrkräften der Gymnasien des Landkreises Emsland, der Grafschaft Bentheim und Löningens. Für die Landesschulbehörde nahm der Dezernent Klaus Eilert, für den Landkreis Emsland der Erste Kreisrat, Martin Gerenkamp, an der Veranstaltung teil.

„Schlagzeilen wie ‚Schule vor dem Infarkt‘ alarmieren die Öffentlichkeit. Die Frage, welche schulische Bildung unsere Kinder am besten auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet, treibt viele Menschen um“, sagte Pöling in ihrer Einführung. Dazu werde gegenwärtig auch in Niedersachsen ein intensiver gesellschaftlicher Diskurs geführt. Mit Josef Kraus habe man zu diesem Themenkomplex einen ausgewiesenen Kenner der Materie und vehementen Verfechter gymnasialer Bildung als Referenten gewinnen können.

Ihm sei aufgefallen, „dass sich niedersächsische Gymnasialpolitik derzeit gleichermaßen dickfellig und dünnhäutig gibt“, sagte Kraus in der Einleitung zu seinem Referat. Als Beispiele nannte er „die Petition zur Erhaltung der schulischen Vielfalt und des Elternrechts auf freie Schulwahl, die trotz 33 000 Unterschriften kalt abgeschmettert worden ist“, die Stundenkürzungen in den Gymnasialfächern Physik und Chemie oder die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung der Gymnasiallehrer.

Das entscheidende Ziel gymnasialer Bildung sei und bleibe „die Vermittlung einer umfassenden Allgemeinbildung“. Kraus kritisierte die inhaltsleere Vermittlung von Kompetenzen. Notwendig sei vielmehr ein breit angelegter Fächerkanon, um Bildungsinhalte mit dem nötigen fachlichen Tiefgang vermitteln zu können. Kraus forderte in diesem Zusammenhang den Erhalt des gymnasialen Lehramtes und wandte sich gegen die Einheitsschule und den Einheitslehrer. Er plädierte für eine soziale Leistungsschule. „Gymnasiale Bildung geht nicht ohne Leistung und Anstrengungsbereitschaft. Gewiss brauchen wir keine freudlosen Paukschulen. Wir brauchen vielmehr Schulen, die den Kindern Freude machen“. Gymnasiale Bildung sei das Erfolgsmodell des deutschen Bildungswesens schlechthin „und muss es bleiben“. Sie brauche Zeit, daher sei die Einführung des G8 ein großer Fehler gewesen, so der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Sein Appell an das emsländische Studienseminar: „Helfen Sie mit, Ihr Schulwesen in Niedersachsen vor dem Infarkt zu bewahren, bieten Sie der Re-Ideologisierung der Schulpolitik die Stirn!“

In der anschließenden Diskussion wurde die Frage gestellt, warum es nicht gelungen sei, die Ausrichtung der Schulpolitik auf die Einheitsschule zu stoppen. „Weite Teile des Bildungsbürgertums haben ihre Stimme einfach nicht erhoben. Es mangelt oft an Mut, unbequeme politische Positionen öffentlich zu vertreten“, lautete die Antwort des Referenten. Ferner setzte sich Kraus für die individuelle Förderung aller Schüler ein, dabei sei es ungerecht, „Ungleiche gleich zu behandeln, Schule ist keine Veranstaltung zur Herstellung von Gleichheit, sondern zur Förderung von Individualität!“

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes übte auch Kritik an der Umsetzung der Inklusion „in der jetzigen Form, da sie in Deutschland falsch ausgelegt wird, die UNO schreibt nicht vor, dass Förderschulen abgeschafft werden sollen“. Weiterhin forderte der Referent eine „110%ige Lehrerversorgung, denn damit können zwei Probleme gelöst werden. Ausfallender Unterricht könnte fachlich vertreten werden, und die überschüssigen Lehrerstunden könnten gezielt in die individuelle Förderung sowohl der schwachen als auch der besonders leistungsstarken Schüler investiert werden“.

Sein abschließender Appell lautete:„Referendare, Lehrer und Schulleiter müssen gemeinsam Multiplikatoren für die Stärkung der gymnasialen Bildung sein“, wofür er viel Applaus erntete.

Irmgard Pöling bedankte sich zum Abschluss der Veranstaltung bei Josef Kraus für einen „äußerst lohnenswerten und gewinnbringenden Nachmittag“ und für den „Rückenwind“, den er dem Studienseminar für die Ausbildung von Gymnasiallehrkräften gegeben habe. Sie überreichte ihm als kleines Dankeschön einen Bildband über das Emsland.