Todesangst im Elternhaus-Bunker Vor 70 Jahren: 14-jähriger Meppener im Kugelhagel

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Meppen. Theodor Blank hat den Zweiten Weltkrieg als Heranwachsender miterlebt. Trotz seiner erst 14 Jahre war er hart im Nehmen. Der Meppener spielte zusammen mit seinen Freunden mit Gewehren, die überall auf den Straßen verteilt lagen. Einen Abend Anfang April und damit wenige Wochen vor Ende des Krieges 1945 verspürte er aber Todesangst. Zu Recht: Er und seine Familie gerieten in Meppen-Esterfeld in einen Kugelhagel der kanadischen Besatzer. Seine Schwester wurde dabei von einem Durchschuss schwer am Oberschenkel verletzt.

Blank war damals gerade im ersten Lehrjahr in einer Bäckerei in der Meppener Neustadt. Als er hörte, die deutschen Soldaten wollten die Brücken sprengen , hatte er nur noch einen Gedanken: ab zur Familie in die Gorch-Fock-Straße. Dort lebte er gemeinsam mit seinen Eltern und acht weiteren Geschwistern. Er ließ in seinem Ausbildungsbetrieb alles stehen und liegen, rannte zu Fuß durch die Stadt nach Hause. „Ich wusste, dass Sprengladungen an den Brücken über Hase und Ems bereits angebracht waren“, erinnert sich der heute 84-Jährige. Der Donner lauter Schüsse begleitete ihn.

Knallen kam näher

Der Heranwachsende kam unversehrt zu Hause an. Dort flüchtete die Familie in den acht bis zehn Meter langen, eigentlich für vier Familien gedachten Luftschutzbunker im Keller. „Abends kam das Knallen wieder und immer näher. Wir versuchten, uns mucksmäuschenstill zu verhalten, verkrochen uns unter Bänke und Pritschen, die seitlich des Ganges standen.“

Plötzlich polterte es an der Tür des Bunkers. Ein deutscher Soldat stand davor. „Es war Paul Lange. Der wohnte am Ende der Gorch-Fock-Straße Richtung Versener Straße. Er trug Uniform, hatte einen Stahlhelm auf und den Karabiner im Anschlag.“ Der Mann mahnte die Familie: „Ruhe bewahren!“ Dann verschwand er genauso plötzlich, wie er gekommen war, zum hinter dem Haus gelegenen ausgetrockneten Wassergraben.

„Wir wussten nicht, wo er geblieben war. Kanadische Soldaten, die mit ihrem Panzer von der Versener Straße in unsere Straße fuhren, müssen ihn aber gesehen haben. Sie blieben direkt vor unserem Haus stehen, sprangen aus dem schweren Fahrzeug.“ Die Militärs eröffneten das Feuer, schossen durch die Tür des Notausgangs in den Bunker, weil sie dort wohl weitere deutsche Soldaten vermutet hatten.

Innerliche Panik

Innerliche Panik machte sich bei Blanks Familie breit. Jeder versuche, sich still zu verhalten und nicht in den Kugelhagel zu geraten. „Wir kauerten da, machten uns klein. Ich hatte in dem Moment Todesangst“, bekennt der 84-Jährige. Ganz schlimm wurde es, als er realisierte, dass seine siebenjährige Schwester Hildegard von einer Kugel am Oberschenkel getroffen wurde. Während die im ersten Moment vor lauter Schock gar nicht richtig mitbekommen habe, „was da passiert war und nicht einmal weinte“, sah ihr Bruder Blut aus der Durchschusswunde rinnen. Sekunden wurden zur Ewigkeit. Draußen polterten kanadische Soldaten gegen die Tür, riefen „Aufmachen! Hier deutsche Soldat.“

Blanks Mutter öffnete zaghaft, erklärte, dass sich in dem Bunker keine deutschen Soldaten befänden, sondern nur ihre Familie. Die Militärs durchsuchten den Schutzraum, drehten jede Matratze der Pritschen auf links – immer die Waffen im Anschlag haltend. Momente, in denen Blank wieder den Tod vor Augen hatte. Aber er, der wenige Tage später 15 Jahre alt wurde, funktionierte. Irgendwie. Wie die ganze Familie.

Schwester angeschossen

Die Kanadier zogen ab, setzten draußen die Suche nach deutschen Soldaten fort. Einen Teil jener schrecklichen Nacht verbrachten die Blanks, darunter die verletzte Siebenjährige, weiter in dem Bunker. Später trauten sie sich nach oben zurück ins Haus. Die Mutter versorgte die angeschossene Tochter notdürftig.

Sie war es auch, die sich am nächsten Morgen ein Herz fasste, auf die Straße ging und einem Offizier der auf der Straße patrouillierenden kanadischen Soldaten erklärte, die Tochter müsse dringend zum Arzt, sie sei angeschossen. Einer der Besatzer schaute sich die Wunde des Mädchens an. „Schließlich brachte er meine kleine Schwester und meine Mutter in einem Militärjeep in ein von den Kanadiern in Rühle provisorisch eingerichtetes Lazarett.“

Überall war Angst spürbar

Theodor Blank, selbst Vater eines Sohnes und von zwei Zwillingstöchtern, hat diese Szene noch wie gestern vor Augen. Er erzählt ruhig davon, stockt dann aber doch einen Moment. „Wir haben alle so unfassbares Glück gehabt. Das hätte fürchterlich enden können. Und das nur, weil dieser deutsche Soldat plötzlich vor unserem Haus stand.“

Die nächsten Tage verbrachten er und die Familie abwartend nur im Haus. Überall sei Angst spürbar gewesen. Angst, es könnte zu einem weiteren Übergriff kommen. Vor dem blieben die Blanks verschont. Ein Hauch von Normalität kehrte in jenen letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wieder ein. Die Wunde der Siebenjährigen heilte ganz langsam. Einen irreparablen Beinschaden sollte sie nicht davontragen.

Theodor Blank traute sich wieder auf die Straße. Mehr noch. Obwohl er in jenen Tagen aus der Ferne erlebte, wie Kanadier an der Versener Straße ihre Granatwerfer in Stellung brachten, wie sie am 7. April 1945 die Innenstadt befeuerten „und man den brennenden Turm der Propsteikirche sehen konnte“, schnappte er sich mit ein paar Kumpels ein kleines Boot und „schipperte“ über die Ems in Richtung Meppener Zentrum.

Gewehr versenkt

Der 84-Jährige schmunzelt fast verlegen, als der davon erzählt. „In Esterfeld gab es damals keine Lebensmittelläden. Der einzige Bäcker war in der Innenstadt. Und wir mussten ja etwas zu essen haben.“ Brot bekam er dort allerdings nicht. „Das sei den Stammkunden vorbehalten, hat es geheißen.“

Ohne Proviant zogen die Jungen ab. Sie kamen wieder durch Straßen, auf denen überall Waffen lagen. Eine von ihnen nahm Blank auf. „Es war wohl ein Karabinergewehr.“ Das versenkte er später in der Ems. In dieser Handlung sieht der später vom Bäckerhandwerk in den Tief- und Straßenbau gewechselte ehemalige Baggerfahrer heute fast etwas Symbolisches: „Der Krieg ging zu Ende.“


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