Vor 70 Jahren: Die Kanadier kommen 1945: Einmarsch in den Landkreis Meppen

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Meppen. Während um Lingen noch schwere Kämpfe toben, beginnen kanadische Truppen am 5. April mit der Besetzung des Landkreises Meppen.

Ihr größtes Problem ist das Straßennetz, das diesen Namen eigentlich nicht verdient. Es gibt nämlich nur eine befestigte Straße von der Niedergrafschaft, wo sich die 4. Kanadische Panzerdivision versammelt, über Meppen Sögel und Werlte Richtung Oldenburg. Viele Dörfer sind nur über Sandwege erreichbar. Das bedeutet aber auch, dass sich die Kämpfe auf die Orte konzentrieren, die an Knotenpunkten befestigter Straßen liegen.

Auf der befestigten Straße von Emlichheim über Neuringe rollen Panzerspähwagen der Kanadier durch Twist-Bült und Rühlertwist bis Twist-Mitte. Hier sind kurz zuvor die Brücken über den Süd-Nord-Kanal gesprengt oder unbrauchbar gemacht worden. Eine Panzersperre blockiert den direkten Weg nach Meppen. Auf dem Sandweg entlang des Süd-Nord-Kanals fahren die Panzerwagen nach Schöningshdorf. An diesem Tag übernehmen die Kanadier das Lager XI Groß Hesepe und befreien die Lager XV Alexisdorf, XIV Bathorn und XIII Wietmarschen.

Am Freitag, 6. April, erleben die deutschen Soldaten in Meppen eine unangenehme Überraschung. Die kanadischen Pioniere haben den Kanalübergang bei der Kirchbrücke in Schöninghsdorf instand gesetzt, sodass die Panzerspähwagen über die Provinzialstraße nach Klein und Groß Fullen gelangen, wo bei einem Feuergefecht zwei Häuser in Brand geschossen werden, ein deutscher Soldat stirbt. Die Lager Versen und Fullen werden befreit. Die Aufklärungsabteilung der Kanadier unternimmt eine Fahrt bis nach Altharen.

Als die kanadischen Panzerspähwagen auf dem Schullendamm vor der zerstörten Emsbrücke auftauchen, werden sie von deutschen Geschützen unter Feuer genommen, die an der Markstiege und beim Nagelshof stehen. Ein Spähwagen wird zerstört, und es kommt in Esterfeld zu Kämpfen mit den dort von den Kanadiern überraschten deutschen Soldaten. Der damals 14-jährige Friedel Büring sieht aus dem Fenster seines Elternhauses am Schullendamm, wie ein deutscher Soldat beim Nachbarhaus vom Maschinengewehrfeuer erfasst wird und stirbt. Wie er 50 Jahre später erzählt, rettet ihn seine Mutter, indem sie ihn in den Keller zerrt. Am Morgen ist auch die Panzersperre in Twist-Mitte geöffnet worden, so können Kampfpanzer über Rühlermoor, Rühlerfeld und Rühle nach Esterfeld fahren.

Kanadische Panzer auf dem Schullendamm und der Esterfelder Stiege beginnen mit der Beschießung der Meppener Alt- und Neustadt. Vor allem auf die Türme wird geschossen, weil hier offensichtlich Beobachter vermutet werden. Dabei wird die Gustav-Adolf-Kirche zerstört und die Propsteikirche St. Vitus beschädigt, während an der Gymnasialkirche nur leichte Schäden entstehen. Deutsche Soldaten beschießen währenddessen Esterfeld. Unter anderem wird die Sägemühle Esders zerstört.

Großes Durcheinander

In dem Durcheinander werden an der Haselünner Straße zwei deutsche Soldaten von der Militärpolizei festgenommen. Sie stehen unter dem Verdacht, in einem Haus einen Diebstahl begangen zu haben. Ohne gerichtliches Verfahren werden sie an der Ostwand der Overbergschule erschossen, berichten Augenzeugen aus der Clemensstraße.

In Bawinkel bereitet sich die 43. Britische Infanterie-Division „Wessex“ am Abend und in der Nacht auf den Angriff Richtung Haselünne vor. Ein Gegenangriff mit Panzern auf Lingen am 5. April hat die britischen Truppen verunsichert. Weil man aus Richtung Norden Panzergeräusche hört, fährt die Aufklärungsabteilung der Gardepanzerdivision nach Geeste. Das Unternehmen „Tigerjagd“ wird abgebrochen, als die Gardisten merken, dass es die kanadischen Panzer sind, die man aus Richtung Norden gehört hat und keine deutschen „Tiger“.

Johannes Kuhrs, dessen Familie damals „Im Holte“ in Geeste wohnte, hat dies miterlebt. Mittags trafen vier Panzerspähwagen ein. Auf dem Heuboden wurde ein Beobachtungsposten eingerichtet, da man von dort durch eine große Öffnung im Giebel eine gute Aussicht über die Gegend hatte. „Weil das eine oder andere Fahrzeug immer wieder mal wegfuhr, merkten wir erst abends, dass alle Fahrzeuge und Soldaten verschwunden waren und die Funkleitungen zum Heuboden nicht mehr da waren“, erzählte er 2006 den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Geeste.

An diesem Tag wird der Flugplatz Hopsten nach Aufräumarbeiten als Flugplatz B. 112 durch die Royal Air Force genutzt. Squadron 486 (New Zealand) trifft als Erste ein, es folgen die Squadrons 3, 56 und 80 (122nd Wing, Hawker Tempest). Schon am nächsten Tag, den 7. April, bekommen die Meppener zu spüren, was das bedeutet. Britische Jagdbomber greifen die Altstadt an, dabei wird auch die Propsteikirche schwer getroffen.

Im Schutz ihrer Artillerie und Luftwaffe bauen kanadische Pioniere eine Pontonbrücke über die Ems von Esterfeld bis zur Straße Am Haseufer. Am Nachmittag rollen Panzer in Richtung Bokeloh und weiter über Schleper Richtung Klein Berßen. Haren liegt unterdessen unter kanadischem Artilleriebeschuss. Die Emsbrücke wird gesprengt. Auf Anordnung der Wehrmacht muss der Schiffer-Transport-Verein Haren die noch betriebsfähigen Schiffe seiner Mitglieder versenken, was allerdings in seichtem Wasser geschieht.


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