Hüteseminar nahe Nordhorn Ran ans Schaf: Training mit dem Hund ohne Aus-Knopf

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Das Schaf fest im Blick hat dieser Border Collie beim Hüteseminar in der Grafschaft Bentheim. Die Arbeit mit dem Auge ist eines der Markenzeichen der Hunderasse aus Schottland. Die Arbeit im Netz erleichtert die Ausbildung.Fotos: Tobias BöckermannDas Schaf fest im Blick hat dieser Border Collie beim Hüteseminar in der Grafschaft Bentheim. Die Arbeit mit dem Auge ist eines der Markenzeichen der Hunderasse aus Schottland. Die Arbeit im Netz erleichtert die Ausbildung.Fotos: Tobias Böckermann

Osterwald. Wie macht man aus einer Schafherde, einem Border Collie und seinem Besitzer ein funktionierendes Team? In Osterwald in der Grafschaft Bentheim haben zehn Hundehalter aus Deutschland, den Niederlanden und Belgien an einem Hüteseminar teilgenommen.

Fast alle halten Border Colllies, jene schwarz-weißen Hunde aus dem englisch-schottischen Grenzgebiet, denen man manche Wunderdinge nachsagt. Nichtschäfer kennen sie entweder als Alleskönner „Timmy“ aus den alten Fünf-Freunde-Filmen oder als Superhund Rico, der bei „Wetten, dass..?“ 77 Spielzeuge unterscheiden konnte. Zunehmend auffällig werden Border Collies auch als Experten für den Hundesport Agility oder – im ungünstigen Fall – als Nachbars Lumpie mit Vorliebe für das Hüten von Kindern oder die Jagd auf Briefträger.

Die Hunde lernen leicht, aber eben auch schnell das Falsche, ihre Ausbildung zumindest an der Schafherde ist anspruchsvoll: Border Collies sollen ihren angeborenen, wahrhaft explosiven Jagdtrieb in produktive und lenkbare Schafkontrolle umsetzen. Klingt einfach, ist es aber nicht.

Umgewandelter Jagdtrieb

In Osterwald, einem kleinen Ort in der Nähe von Nordhorn, ist nun also eine Ansammlung von Unwahrscheinlichkeiten zu bestaunen: Denn zum einen befindet sich die Zahl der Schafe in Deutschland seit Jahren im Sinkflug, was ihre Verfügbarkeit zu Trainingszwecken deutlich einschränkt. Und einen Ausbilder für Hütehunde zu finden ist zum anderen ebenfalls nicht einfach – denn es gibt kaum noch Menschen, die den Zweiklang aus Hundeerziehung und notwendigem Schafverstand beherrschen.

Zum Seminar eingeladen haben der in der Grafschaft lebende Schäfer und Hundeausbilder Dirk Gerrits und die Hundetrainerin Anita Hermes. Während Gerrits sich seit einigen Jahren auf Dienstleistungen rund um das Schaf und das Training mit Hütehunden spezialisiert hat, verfügt Hermes über mehr als 25 Jahre Erfahrung mit Border Collies. Die Schäfermeisterin lebt in Großbodungen im Harz und bietet dort und im ganzen Land Hüteseminare an.

Und kaum ein Hund ist dafür von Natur aus so gut geeignet wie der Border Collie. Seit Jahrhunderten ist er darauf trainiert worden, Schafe über große Distanzen einzusammeln und heranzutreiben. Was sich bewegt, fasziniert ihn, das steckt ihm in den Genen. Er will Kontrolle erlangen über die Schafe dieser Welt, wahlweise auch über Rinder oder Ziegen – ganz egal. Er will das Viehzeug zu seinem Besitzer treiben und dabei keines vergessen.

Williger Helfer

Und wenn der Schäfer die Tiere auf den Anhänger verladen, auf eine andere Weide treiben oder in zwei Gruppen aufteilen will, dann, na klar, macht der Border Collie freudig mit. Ein gut trainierter Border Collie könne bis zu zwölf Arbeitskräfte ersetzen, sagt die bundesweit bekannte Border-Collie-Expertin Anne Krüger aus Melle bei Osnabrück.

Einen „Aus-Knopf“, so sagt Dirk Gerrits, gebe es bei diesen Hunden nicht, stattdessen einen ausgeprägten Arbeitstrieb und keine Spur von Faulheit – was es umso schwieriger mache, sie zu halten. Deshalb findet man diese faszinierenden Hunde inzwischen zwar oft beim Hundesport Agility, wo sie Kopf- und Laufarbeit kombinieren können, oder als Rettungshund. Leider landen sie aber auch nicht selten im Tierheim, wo sie von überforderten Familien abgegeben wurden.

Die Teilnehmer des Grafschafter Hüteseminars haben ganz unterschiedliche Beweggründe für ihre Teilnahme. Laura Hoogewerf zum Beispiel betreibt in den Niederlanden nahe Enschede eine Schäferei mit 30 Bentheimer Landschafen . Sie pflegt damit Kleinst- und Kleingrünland oder Heide. Für die Kontrolle der Schafe auf wechselnden Flächen ist ein Hund wie ihr Border Collie Abbey deshalb recht nützlich. Nadine Berling aus Lingen hat ihren Hund Elvis dagegen „aus dritter Hand“. Er soll über das Hüten ruhiger werden.

25 Heidschnucken und ein paar Bentheimer Landschafe hat Dirk Gerrits in Osterwald in vier Gruppen unterteilt. „Wenn alle Schafe den ganzen Tag mit den Hunden trainieren müssten, wäre das nicht gut für sie“, sagt er. „Zu anstrengend.“

Und was er meint, wird schon beim ersten Hund klar. Dana ist eine echte Spätstarterin. Dana ist ein Red Merle, hat also rötlich geschecktes Fell. Erst im Alter von vier Jahren startete Herrchen Jan Stegemann bei Dirk Gerrits die Ausbildung des Hundes – von dessen Hütetalent war bis dahin nichts bekannt. Dana ist hoch motiviert, sofort bei der Herde und treibt sie spielerisch über die Wiese. Aber immer wieder startet sie durch und rennt mitten hinein ins Herz der Schafherde, die sofort in wilder Hast auseinanderdriftet. 20 Minuten lang entwickelt Anita Hermes nun mit Jan Stegemann eine Gegenstrategie, die zu Hause geübt werden soll. Dann ist der nächste Hund an der Reihe.

Border Collies haben einen hohen Grad an Eigenständigkeit entwickelt – in den Grenzgebieten zwischen England und Schottland, den Borders, mussten sie Sorge dafür tragen, dass auch wirklich alle Schafe aus den Bergen ins Tal gebracht wurden. Im Zweifel waren sie dabei kilometerweit vom Schäfer entfernt – um Erlaubnis zu fragen, wenn sie noch einmal umdrehen und nachsehen wollten, war dann schwierig.

Auge zeigen

Die Hunde erfanden zudem eine überragende Arbeitsweise: Sie kontrollieren die Schafe quasi über das Anstarren. „Auge zeigen, statt zu beißen“, könnte das im Englischen schlicht „Eye“ genannte Motto der Hunde frei übersetzt lauten. Und wenn sie in geduckter Haltung mit eingezogener Rute und hoch konzentriert vor einer Schafherde stehen, hat ihr Verhalten nichts mit Angst oder Demut zu tun, es hat eher etwas von Hypnose, mit der der Hund die Schafe davon überzeugt, dass es dort langgeht, wo er will. Freundlich, aber bestimmt sollte der Umgangston zwischen Hund und Schaf sein.

„Stil“ nennt man diese Körperhaltung, die Ausdruck eines umgewandelten starken Jagdtriebes ist. Manche Hunde zittern dabei vor Anspannung, einige ducken sich so tief auf den Boden, dass sie fast zu schleichen scheinen. In den schottischen Bergen war das von Vorteil: Die Schafe werden nicht vom Hund erschreckt und stürzen nicht unbedachten Schrittes eine Klippe hinab. Geht der stilsichere Hund auf Geheiß seines Herrchens einen Schritt voran, weichen die Schafe diesen einen Schritt zurück – immer fest im Visier des Hundes.

Hier die Balance zu finden aus passender Geschwindigkeit und rechtzeitigem Stopp, aus nicht zu kleinem und nicht zu großem Abstand zur Herde, die Laufrichtung der Schafe schon möglichst vor der Herde selbst zu ahnen – das ist die große Kunst eines guten Koppelgebrauchshundes.

Eine komplette Grundausbildung dauert deshalb auch vier Jahre: „Für jedes Bein ein Jahr“, sagt Gerrits. Und nur Hunde mit guter Veranlagung haben das Zeug zum Herdenarbeiter. Es gibt auch Collies, die haben einfach keine Lust zum Schafehüten. Wie der Job am Ende in Perfektion aussehen kann, demonstriert Anita Hermes mit ihrem gut fünf Jahre alten Rüden Mitch. Er hat es bei internationalen Hütewettbewerben, den Trials, schon zu Ruhm gebracht, und in Osterwald unterstützt er so wie Dirk Gerrits Hunde Maddy und Chief als Beihund die Ausbildung der Anfänger. Wenn die Herde außer Kontrolle gerät – und das passiert häufiger mal –, dann sind die alten Recken zur Stelle.

Mitch ist „vielsprachig“ erzogen – er reagiert auf Kommandos wie „lie down“ oder „come by“ ebenso wie auf das virtuose Pfeifen seiner Chefin. Seine Aufgabe: Er muss zehn Schafe aus einem Pferch auf die Mitte der Weide treiben, weil dort Astrid Tschorn mit ihrem Hund Mae als Nächste an der Reihe ist.

Ein weiter Weg

Ein pfeifenloser Pfiff – und Mitch pendelt mit geducktem Körper nach links, um den Schafen einen Weg vom Zaun weg zu öffnen. Die Tiere laufen ein paar Meter über die Weide und drehen dann schnell zur Seite ab – Schafe mögen die offene Weite nicht. Ein anderes Pfeifsignal ertönt, und unmittelbar dreht Mitch ab, stoppt die Schafe und überredet sie ohne Körperkontakt, nur durch Bewegung und Blick, nun doch auf die Wiese zu traben. 30 Sekunden dauert das, dann ist der richtige Platz erreicht.

Für Hunde wie Dana oder Abbey ist es bis zur Klasse eines Mitch noch ein weiter Weg, und nicht alle Hunde können und sollen so weit ausgebildet werden. Den meisten Besitzern reicht es, wenn sie bei der täglichen Arbeit mit der Herde verlässliche Helfer auf vier Pfoten dabeihaben.

Zwei Tage Hüteseminar zeigen dann aber durchaus Wirkung. Am Ende haben alle Teams etwas dazugelernt, und Dirk Gerrits ist zufrieden mit seiner Premiere als Veranstalter eines Hüteseminars.


Border Collies werden seit Jahrhunderten im Grenzgebiet zwischen England und Schottland zum Hüten des Viehs verwendet. Erstmals schriftlich erwähnt wurden sie 1570.

Den Bauern waren äußere Merkmale nie so wichtig wie Gehorsam und Hüteintelligenz, weshalb es heute mehr als 50 Farbvarianten dieser Hunde gibt.

Ihren offiziellen Namen erhielt die Rasse erst 1910, aber als Collie wurde sie wohl schon immer bezeichnet. Das alte gälische Wort bedeutet nämlich einfach nur „nützlich“ und beschrieb damit die wichtigste Eigenschaft dieser Hunde.

Border Collies gelten einer Studie zufolge als die intelligentesten aller Hunde.

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