Menschenwürde der Straftäter Gesprächsrunde in der Justizvollzugsanstalt Meppen

Von Helmut Diers

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Deutschlandradio Kultur war live zu Gast in der JVA Meppen, um von dort gestern eine Stunde lang über das Projekt „familiensensibler Strafvollzug“ zu berichten. Moderatorin Miriam Rossius hatte unter anderen als Gesprächspartner (v. l.) Fritz-Georg Schnorr, Per Zeller und Ulli Schönrock. Foto: DiersDeutschlandradio Kultur war live zu Gast in der JVA Meppen, um von dort gestern eine Stunde lang über das Projekt „familiensensibler Strafvollzug“ zu berichten. Moderatorin Miriam Rossius hatte unter anderen als Gesprächspartner (v. l.) Fritz-Georg Schnorr, Per Zeller und Ulli Schönrock. Foto: Diers

Meppen. Seit drei Jahren wird in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Meppen der „familiensensible Strafvollzug“ erprobt. „Deutschlandradio Kultur“ mit Sitz in Berlin hat am Sonntagmorgen von 11.05 bis 12 Uhr in der Sendereihe „Deutschlandrundfahrt“ Gesprächspartnern aus der JVA und der Landeshauptstadt Hannover die Frage gestellt: „Wie human kann Strafvollzug sein?“

Rund 100 Zuhörer, Gäste aus der Stadt Meppen, Bedienstete der JVA , Inhaftierte und deren Familienangehörige verfolgten die live ausgestrahlte Radiosendung vor Ort. Die musikalischen Parts der Sendung bestritten die Meppener Band „Meanwhile“ und zwei Inhaftierte.

Wenn Väter ins Gefängnis müssen, leiden vor allem die Kinder. Zu Ängsten, Zweifeln und Scham kommt ein familiäres Umfeld, in der die Situation oft tabuisiert wird. Rund 100000 Jungen und Mädchen seien in Deutschland so von einem Elternteil getrennt, leitete Moderatorin Miriam Rossius die Vorstellungsrunde ein. Initiator und Projektleiter Fritz-Georg Schnorr sprach dabei von einem Paradigmenwechsel in der Gefangenenseelsorge. „Uns war klar, wir müssen raus vor die Mauern und uns auch denen zuwenden, die zu den Inhaftierten als Besucher kommen“. Nur so könne man die durch die lange Trennung später oft erschwerte Resozialisierung humaner und leichter für alle Beteiligten gestalten. Über Befragungen der Besucher habe man deren Bedürfnisse und Anliegen präziser erfahren. „Vater sein hört nicht am Gefängnistor auf“, betonte der evangelische Gefängnisseelsorger Ulli Schönrock, der zudem die Ökumene in allen Frage des familiensensiblen Strafvollzugs in der JVA Meppen unterstrich. Motivation für den familiensensiblen Strafvollzug, der in der Meppener Art noch in keiner anderen Anstalt des Landes Niedersachsen gepflegt wird, sei das Modell eines familiensensiblen Strafvollzugs, das im dänischen Kopenhagen erfolgreich praktiziert werde. Dort werden Strafgefangene in den letzten Monaten vor der Entlassung mit ihren Familien in einer „Pension“ zusammengeführt und auf die Freiheit mit all ihren Haken und Ösen vorbereitet.

Modellprojekt Wartezeit

Für dieses Modell, so hieß es von Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz , würden in Niedersachsen die gesetzlichen Möglichkeiten fehlen. Die Politikerin, die der Sendung live aus Hannover zugeschaltet war, will das Meppener Projekt „Wartezeit“ auf andere Anstalten streuen. In der JVA Meppen ist die Projektphase jetzt beendet. Das Justizministerium hat das Projekt mit einer halben Personalstelle zum 1. März in den Regelvollzug institutionalisiert. Da durch Rückgang der Gefangenenzahlen in der JVA Meppen Personalstellen umgewidmet werden können, teilte die Justizministerin mit, dass 3,75 Stellen in den Ausbau der Besuchsbetreuung überführt würden.

Die öffentliche Zusage aus Hannover nahm vor allem Anstaltsleiter Per Zeller mit freudigem Gesicht auf. Für Niewisch-Lennartz ist das Meppener Modell „ein guter Baustein, den Kontakt zu den Familien der Inhaftierten aufzubauen“. Die Ministerin lobte in diesem Zusammenhang die „gute Zusammenarbeit des Justizvollzugs und der Gefängnisseelsorge“. Aufgabe für die Politik sei es, den Strafvollzug so zu gestalten, dass die Rückfallquote soweit wie möglich gegen Null geht.

Das Umfeld der Strafgefangenen sei durch Personalabbau und die finanzielle Situation der Gefangenen schwieriger geworden, stellte Gertrude Lübbe-Wolff , ehemalige Bundesverfassungsrichterin aus Bielefeld, heraus. Humaner Strafvollzug bedeute, „den Gefangenen als Mensch zu akzeptieren, ihn auf das Leben nach der Gefängnisstrafe ausreichend vorzubereiten“. Den Personalabbau in der Justiz kritisierte Lübbe-Wolff mit Nachdruck.

Auf die Frage. ob denn alle Bediensteten des Hauses gleich Feuer und Flamme beim Projektstart gewesen seien, antwortete Zeller: „Wir gehen beim familiensensiblen Strafvollzug alle gemeinsam auf einem Weg.“ Im Rahmen des familiensensiblen Vollzugs bietet die JVA für die finanziell belasteten Familien der Gefangenen einen Fahrdienst vom Bahnhof Meppen und zurück bei Besuchen an. Ausgedehnt wurden die gesetzlich verpflichtende Besuchszeitgewährung und andere nicht selbstverständliche Angebote.

Zu Wort kamen in der Sendung ein Inhaftierter, dessen Frau und ein achtjähriges Kind eines weiteren Gefangenen. „Ich fand einfach toll, dass ich mit Papa hier kochen durfte“, freute sich das Kind über diese Möglichkeit. „Mit Freunden rede ich nicht über Papa. Da sage ich, Papa ist bei der Arbeit!“ Der inhaftierte Vater schätzte sich glücklich, „dass ich mit meinem Kind hier die Besuchszeit verbringen darf. Das gibt mit Kraft“. Meistens spreche er mit seiner Frau dann über die Sorgen beider im Alltag. Die Frau des Gefangenen sagte, dass in ihrer Familie die Haft ihres Mannes kein Tabuthema sei, sie weiche aber in ihrem Erwerbsleben allen Fragen nach ihrem Mann aus.


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