100 Jahre Elisabeth Schlicht Ein Emslandleben für die Archäologie



Meppen. Im November 2014 wäre die Archäologin Elisabeth Schlicht 100 Jahre alt geworden. Ihr jahrzehntelanger Einsatz für die Geschichte und die kulturelle Entwicklung des Emslandes wirkt bis heute nach. Der Emsländische Heimatbund und der Landkreis Emsland haben deshalb einen Tag lang mit mehreren Vorträgen an das Leben der Wissenschaftlerin erinnert.

Nicht alles, was in der Meppener Koppelschleuse vor gut 30 Zuhörern aus dem Leben Schlichts berichtet wurde, kann an dieser Stelle wiedergegeben werden. Zu vielfältig waren die Interessen der gebürtigen Sögelerin, geradezu unfassbar groß ihr Arbeitspensum. Ihrem Wissenschaftlerleben gerecht zu werden war schon in den 1950er- und 1960er-Jahren offensichtlich schwierig – damals verließ sie das Emsland im Groll. Fehlende Anerkennung ihrer Arbeit war einer der Gründe.

Eine, die sie mit am besten kannte, hielt in der Koppelschleuse gleich zwei Vorträge: Andrea Kaltofen hat Elisabeth Schlicht als Kreisarchäologin mit zeitlichem Abstand beerbt, sie vor einigen Jahrzehnten kennengelernt und nach Schlichts Tod den Nachlass übernommen und jahrelang verwaltet.

Kaltofen skizzierte Schlichts Leben. Diese war 1914 als Tochter des Sögeler Rechtsanwalts Friedrich Schlicht zur Welt gekommen und hatte noch mehrere Geschwister. Vater Schlicht legte seiner Tochter das Interesse für alles Alte und für Traditionen in die Wiege, der Archäologe Ernst Sprockhoff war in den 1920er-Jahren oft zu Gast in der Villa Schlicht, weil er im Emsland die Großsteingräber vermaß. Vater Schlicht hatte selbst bedeutende bronzezeitliche Funde im Wartezimmer seiner Anwaltskanzlei ausgestellt, die er als unbare Bezahlung für anwaltliche Dienste erhalten hatte. Diese Funde aus Werpeloh, darunter Bronzeschwerter, gingen als der „Typ Sögel“ in die Forschungsgeschichte ein.

Vater Schlicht interessierte sich auch für den Erhalt alter Gebäude und der bäuerlichen Kulturlandschaft – wäre nicht der Erste Weltkrieg ausgebrochen und in seiner Folge die Inflation, hätte er seine weit gediehenen Planungen für ein Freilichtmuseum am Theikenmeer bei Werlte noch umgesetzt.

Elisabeth Schlicht wuchs also in einem geschichtsbewussten Umfeld auf und legte 1934 in Cloppenburg das Abitur ab. Kurz darauf half sie beim Aufbau eines ersten Heimatmuseums in Sögel und begann 1935 an der Uni Göttingen ein Studium der Ur- und Frühgeschichte, Volkskunde und Geschichte. Sie wechselte nach Marburg, München und Kiel. 1939 kehrte sie ins Emsland zurück und untersuchte zahlreiche Gräber auf dem Hümmling, die Ergebnisse flossen in ihre Dissertation „Die Vorgeschichte des Hümmlings“ ein.

Schlicht trat 1937 der NSDAP bei. Ihre Rolle in der Nazizeit ist nicht vollkommen klar – einige Jahre später wurde ihr in Sögel eingerichtetes Heimatmuseum auf Anordnung der NSDAP aufgelöst, weil der Platz benötigt wurde. Und spätere Wegbegleiter aus Polen sagten, Schlicht sei keine „Nazisse“ gewesen. Die vielen Funde der Kriegs- und Vorkriegszeit gelangten in den Marstall Clemenswerth, gingen dort aber 1945 endgültig unter.

Schlicht verlor durch den Einmarsch der Kanadier auch die Ergebnisse einer Forschungstätigkeit 1943/ 1943 in Posen. 1945 wurde auch die Villa Schlicht zerstört, weitere umfangreiche Forschungsergebnisse wurden zu Asche. Auch kam ihr Verlobter in den Nachkriegstagen zu Tode – Elisabeth Schlicht blieb unverheiratet und von Rückschlägen gezeichnet.

Ab 1950 war sie dann Kreisheimatpflegerin in Aschendorf-Hümmling, wurde Geschäftsführerin des Kreisheimatvereins, dann Selbiges im neuen Emsländischen Heimatbund. Sie begleitete die intensiven Kultivierungsmaßnahmen im Zuge des Emslandplanes und legte Grabhügel um Grabhügel, Großsteingrab um Großsteingrab frei. Der Aufbau der Bibliothek des Heimatbundes, die Herausgabe des bis heute bestehenden Jahrbuches und die Arbeit am Aufbau eines Museums trieben sie jahrelang um.

Aber der Arbeit war wie zuvor kein Glück beschieden. Die Decken der ehemaligen Landwirtschaftsschule Meppen stürzten auf Tausende mühsam sortierte archäologischer Scherben und vernichteten monatelange Puzzelei. Andere Ausstellungsräume im heutigen Windthorst-Gymnasium musste Schlicht nach nur drei Jahren 1961 wieder aufgeben.

Das von ihr erhoffte zentrale Emslandmuseum wurde nicht eingerichtet, erst 1972, als der Landkreis das Schloss Clemenswerth ankaufte, gelangte ein Teil der archäologischen Funde dorthin. Daran war Schlicht schon nicht mehr beteiligt. Die Schriftleitung für das Jahrbuch hatte sie im Streit abgegeben und das Emsland 1963 mit Ziel Hannover verlassen.

Im dortigen Landesmuseum arbeitete sie bis 1974. In ihrer Zeit im Emsland war sie stets als engagiert und willensstark wahrgenommen worden. Bekannt wurde sie auch durch ihre zahllosen Führungen an historische Orte – Geschichte zu vermitteln war ihr Lebensanliegen.

Ihren Lebensabend verbrachte sie in ihrem neuen Haus im Emsland, in Fresenburg. Dorthin brachte man ihre Grabungsfunde und Akten. Hunderte Kisten bildeten den „Nachlass Schlicht“, für dessen Inventarisierung Andrea Kaltofen 1989 nach dem Tod der Archäologin sieben Monate benötigte. Schlichts Vermächtnis bildete den Grundstock für das 1996 eröffnete Emsland Archäologie Museum Meppen, 2013 wurde der schriftliche Nachlass an den Heimatbund übergeben.

„Bedeutende Arbeit“

Für Andrea Kaltofen stellt sich Schlichts Leben durchaus als in Teilen tragisch dar. „Ihre Hoffnung auf ein Museum wurde mehrfach enttäuscht, ihr Lebenswerk mehrfach zumindest in Teilen zerstört, die Anerkennung im Emsland erst sehr spät gewährt“, sagte Kaltofen. Dennoch sei Schlichts Arbeit aus heutiger Sicht zweifellos bedeutend für das Emsland gewesen.

Josef Grave, Geschäftsführer des Emsländischen Heimatbundes, würdigte abschließend die Arbeit Schlichts. Die Gründung des Jahrbuches und der Bibliothek oder die vielen Forschungen hätten bleibende Wirkung entfaltet. Dennoch sei Elisabeth Schlicht vielleicht am rechten Ort zur falschen Zeit gewesen. „Die Strukturen für eine gewinnbringende Arbeit wurden ihr nicht geschaffen. Die Gründe dafür bleiben ein Rätsel.“


Der Nachlass Schlicht bietet seit einigen Wochen ganz neue Forschungsmöglichkeiten. Der Historiker Martin Koers vom Geschichtsbüro „Heureka“ hat den umfangreichen Bestand im Auftrag des Heimatbundes digitalisiert.

18 Monate hat Koers mit Dutzenden von Kisten und Kartons verbracht, die das schriftliche und fotografische Werk Elisabeth Schlichts ab 1936 enthalten. Was zuvor entstanden war, ist im Laufe des Krieges zerstört worden. „Aber auch das, was danach kam, war „ein Wahnsinn“, sagt Koers. „Sie hat selbst Urlaubsanträge und Briefumschläge archiviert.“

Allerdings sei der Nachlass Schlicht bis auf eben jene Briefumschläge komplett von Bedeutung und bilde eine wahre Fundgrube für Heimatforscher. „Ich konnte praktisch nichts wegschmeißen“, sagt Koers, der in seiner Arbeit durch den Verwaltungsangestellten Holger Stricker unterstützt wurde.

Der Nachlass enthält Materialien zur archäologischen, regionalhistorischen und volkskundlichen Tätigkeit Schlichts, vor allem teilweise unveröffentlichte Manuskripte und Materialsammlungen zu einzelnen Themenbereichen, Briefe und Protokolle, Schulchroniken, Hofakten, literarische Teil-Nachlässe, Presseveröffentlichungen und 5000 Fotos. Außerdem enthalten sind alte Sammlungsbestände, die teils bis in das 18. Jahrhundert zurückreichen.

30 laufende Meter

„Elisabeth Schlicht hat über Jahrzehnte alles gesammelt, was ihr historisch relevant erschien“, sagt Koers. Der erfasste Nachlass umfasse 30 laufende Meter beziehungsweise 200 Archivkartons. Er liegt als gekennzeichneter Sonderbestand im Archiv des Emsländischen Heimatbundes in Meppen vor und kann per schriftlichem oder digitalem Findbuch von Interessierten eingesehen werden.

„Das Material bildet vor allem, aber nicht nur das nördliche und mittlere Emsland ab“, berichtet Koers.

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