Trompeten aus Schnapsflaschen Emsländer erinnern sich an Weihnachten als Kind



Meppen. Weihnachten als Kind – daran erinnert sich wohl jeder gerne zurück. Unendlich langes Warten bis zur Bescherung, Festessen mit der Familie, das ersehnte Geschenk unter dem geschmückten Tannenbaum. Viel hat sich im Laufe der Jahrzehnte diesbezüglich am Ablauf des Heiligabends in den Familien nicht geändert. Das zeigen Erinnerungen bekannter Personen aus dem mittleren Emsland.

Der Heiligabend verlief im Hause von Harens Bürgermeister Markus Honnigfort „traditionell mit leckerem Essen, gemeinsamem Singen und anschließender Bescherung.“ Sein Vater unternahm mit ihm und den Geschwistern am Nachmittag eine kleine Spritztour mit dem Auto. „Deshalb haben wir immer den Besuch des Christkindes verpasst“, erzählt der Verwaltungschef schmunzelnd.

An ein Geschenk kann er sich noch besonders gut erinnern: eine Lokomotive mit Anhängern und Schienen. „Meine Freude war natürlich riesengroß. Sofort wurde alles ausgepackt und aufgebaut.“ Am ersten Weihnachtstag ging die Familie zur Kirche, später traf sie sich mit der Verwandtschaft.

Mit Weihnachten früher verbindet der Twister Heimathaus -Chef Heiner Reinert die 1950er-Jahre im linksemsischen Moordorf Schöninghsdorf im Dezember. Ihm sind „richtig dunkle Nächte ohne Straßenbeleuchtung, ohne Bürgersteig“ in Erinnerung. Elektrische Weihnachtsbeleuchtung gab es nicht. „Vor den Häusern war es dunkel. In den Häusern brannten die echten Kerzen auf den Adventskränzen. Es war die Zeit, als noch echte Weihnachtsgrußkarten mit der Briefpost verschickt wurden.“

An den Adventssamstagen waren die Jungen zum Adventsblasen unterwegs. „Völlig unorganisiert, keiner regelte den Brauch, und irgendwie wurde das Blasen nicht gerne gehört. Vielleicht gerade deswegen stromerten wir im frühen Dunkel durch die fremden Gärten, standen vor den Häusern oder schlichen zum Jugendheim und bliesen in unsere Trompeten. Ein infernalischer Lärm schreckte die stille Adventsgemeinde auf. Hühner gackerten empört, Kühe wurden unruhig, und die Hunde stimmten mit ein“, erzählt Reinert.

Trompeten waren damals einfache große Schnapsflaschen. Kurz vor dem Boden wurde die Flasche mehrmals mit einem benzingetränkten Wollfaden umwickelt und angezündet. „Nach dem Abbrennen wurde die Flasche schnell in kaltes Wasser gehalten. Mit etwas Glück sprang der Boden ab, und fertig war die Adventstrompete.“ Vier, fünf Jungen fanden sich und haben jeden Samstag „den Himmel aufgeblasen“.

Den Heiligabend erlebte der 67-Jährige als Tag der Familie im kleinen Maler- und Glaserbetrieb seines Vaters Anton Reinert. Als ärgerlich empfand er es schon, wenn an dem Tag „so gegen zwei Uhr nachmittags an der Ladentür ein Kunde klingelte. „Du Anton, wie häbt äine Rute kaputt. Kannst du us nicht noch eine näiee iensätten?“ „Dann koamme ick naoh Wiehnachten.“ „Anton, dätt iss so kohlt. Dätt mott noch fendage wähn“ – so ging das mehrfach an dem Festtag. Reinerts Vater blieb nichts andres übrig, als die Scheibe zu vermessen, zuzuschneiden und einzusetzen, auch wenn es sich bei den kaputten Teilen keineswegs um aktuelle Bruchware handelte.

Der Haselünner Bürgermeister Werner Schräer verbindet mit Weihnachten früher „ein ganz besonderes Fest, da nach Wochen der Vorfreude und Spannung auf die eigenen Geschenke auch die Neugierde über die Geschenke meiner Geschwister und Eltern ebenso groß war“. Bereits Ende Oktober fing er als Junge an, seine Wünsche bei seinen Eltern vorzutragen, „wobei sich durchaus von Woche zu Woche Wichtigkeit und Umfang änderten, insbesondere, wenn die Spielzeugkataloge ab November ins Haus kamen“. In denen konnte er stundenlang blättern. An das Christkind glaubte Schräer, bis er die erste oder zweite Schulklasse besuchte.

Das Schönste am Fest war für ihn in den Kindertagen kurz vor der Bescherung „der Ruf meiner Mutter, dass das Christkind da gewesen ist, das Kribbeln beim Singen der Weihnachtslieder, die Geschenke unterm Weihnachtsbaum vor Augen“. Das Warten auf die Bescherung aber sei schlimm gewesen. „Manches Lied wollte einfach nicht enden. Aber dann, wenn es ans Auspacken ging, das war einfach schön, und dann kam das Spielen!“ Gefreut hat sich der Haselünner Verwaltungschef aber auch auf den Vormittag des Heiligen Abends, an dem traditionell der Weihnachtsbaum mit der Krippe zu Hause aufgestellt wurde. Auch heute noch hält er es mit dieser Tradition, erst dann den Baum aufzustellen.

Die Wartezeit in den Wochen vor den Festtagen verbrachte Schräer „vor lauter Neugierde damit, die potenziellen Verstecke für die Geschenke zu erkunden.“ Erfolglos. Trotz des Erkletterns von Schränken, Balken und anderen möglichen Orten gelang es ihm nicht einmal, „im Vorfeld exakt die tatsächlichen Geschenke zu entdecken. Ein einziges Mal habe ich etwas entdeckt, jedoch habe ich dieses Geschenk, für mich nicht erklärlich, dann erst drei Monate später zum Geburtstag bekommen.“

Natürlich hat sich für Schräer das Weihnachtsfest über die Zeit vom Kind zum Jugendlichen bis zum Erwachsenen und heute als Familienvater verändert. Freude und die Ungeduld aufs Fest der eigenen Kinder führen ihm aber sein eigenes Kindsein vor Augen.

Bei Helmut Knurbein hielten der Weihnachtszauber und der Glaube an das Christkind etwa bis in das frühe Grundschulalter an. „Dann musste ich der Tatsache ins Auge blicken, dass meine Eltern die Empfänger meiner wohldurchdachten Wunschzettel waren.“ Das habe seiner kindlichen Weihnachtseuphorie jedoch keinen Abbruch getan. „Jedes Jahr aufs Neue fieberte ich der Bescherung am Heiligen Abend entgegen, und so war es auch der schönste Moment, wenn sich die Stubentür öffnete und gemeinsam mit meinen beiden Geschwistern das bunte Geschenkpapier erblickte“, erinnert sich der neue Meppener Bürgermeister.

Die Stunden vor der Bescherung verbrachte er im Kreise der Familie. „Wir saßen zusammen und wetteiferten um den Sieg in verschiedenen Gesellschaftsspielen. Nach einem traditionellen Weihnachtsessen besuchten wir gemeinsam die Messe; im Anschluss gab es die Bescherung. Traditionell kam die ganze Familie am Heiligen Abend im Elternhaus meiner Mutter zusammen; auch gegenseitige Besuche gehörten zu unserem „Weihnachtsprogramm“.

Heute nimmt Knurbein die Weihnachtsfeiertage vor allem als eine besinnliche Zeit wahr und genießt die freien Tage im Kreise seiner Familie. „Auch wenn sich unser Weihnachtsfest stellenweise zu einem Konsumfest entwickelt hat, stehen bei uns die Traditionen der vergangenen Tage an oberster Stelle: Weihnachtsessen, Messebesuch, Zusammenkommen mit der ganzen Familie gehören für uns nach wie vor zur Weihnachtszeit.“

Landrat Reinhard Winter, 1953 geboren, verbrachte seine Kindheit in Hessisch Oldendorf in vergleichsweise einfachen Verhältnisse in jenen Nachkriegsjahren. „Die ganze Adventszeit hindurch war die Vorfreude auf den Heiligen Abend darum groß.“ Erst nach dem Gottesdienst am Heiligen Abend durften die Kinder den geschmückten Baum sehen dürfen. Und auch erst dann haben sie mit der Familie zusammen gesessen und Geschenke ausgepackt. „Ich kann mich noch an ein Karl May-Buch erinnern, das ich geschenkt bekam. Mein Freund hatte sich ebenfalls einen Band der Abenteuerromane gewünscht. Somit konnten wir untereinander tauschen und hatten Freude an zwei neuen Büchern.“ Die gesamten Weihnachtsferien hindurch schmökerten die Jungen darin.

Nach dem Gottesdienst am Heiligen Abend hat Winters Familie die Mitternachtsmette besucht. „Auch bei Schnee sind wir zu Fuß zur Kirche gestapft, das war festlich und stimmungsvoll“, erzählt der Kreischef. Nach der Christmette standen allen mit Freunden vor der Kirche zusammen und wünschten sich „Frohe Weihnachten“.

Am Tag vor Heiligabend suchten Margret Berentzen und ihre Geschwister mit ihrem Vater auf ihrem kleinen Waldstück den schönsten Weihnachtsbaum aus, der dann in der „besten Stube“ verschwand. Die war vor Weihnachten immer abgeschlossen. „Es war alles so geheimnisvoll. Meine Mutter war immer wieder im Weihnachtszimmer verschwunden“, erinnert sich die stellvertretende Landrätin.

Auf dem elterlichen Bauernhof gab es viel im Haus und auf dem Hof zu tun, „sodass auch wir Kleinen, so gut wir konnten, mitgeholfen haben, um früh fertig zu sein. Um 17 Uhr waren alle meine sechs Geschwister, meine Eltern und meine Tante am Abendbrottisch versammelt. Es gab jedes Jahr Kartoffelsalat mit Würstchen. Dann konnten wir es kaum noch erwarten. Ich lief nach draußen, um zu schauen, ob der Weihnachtsstern schon über unserem Haus stand, da Papa immer sagte, dann kommt das Christkind. Endlich war es so weit. Das Glöckchen erklang, die Tür des Weihnachtszimmers wurde geöffnet.“

Mit großen Augen betraten die kleine Margret und ihre Geschwister den Raum mit dem geschmückten Weihnachtsbaum „mit brennenden Kerzen, schönen Kugeln, bunten Vögeln, Wunderkerzen, Lametta und einer wunderschöne Baumspitze“. An der Krippe sang die Familie „Zu Bethlehem geboren“ und noch viele andere Weihnachtslieder. Dann bekam jeder einen bunten Teller mit Feigen, Nüssen, Mandarinen und ein paar Süßigkeiten, etwas zum Anziehen, ein kleines Buch und für alle ein Gesellschaftsspiel.

„So haben wir den ganzen Abend zusammengesessen und erzählt und gespielt. Diesen Abend habe ich immer als etwas ganz Besonderes empfunden“, sagt die Haselünnerin. Am ersten Weihnachtstag stapften alle durch den dicken Schnee zur Kirche. Mittags gab es ein großes Festessen. Am zweiten Weihnachtstag bastelten die Kinder Tunscheren, um sie Silvester zu den Nachbarn zu bringen. Das war ein alter Brauch auf dem Hümmling.

Auch heute ist Weihnachten für Margret Berentzen „nach wie vor das Fest der Familie“. Sie freut sich mit ihrem Mann, dass zu dieser Zeit die ganze Familie aus allen Himmelsrichtungen zusammenkommt „und wir alle viel Zeit miteinander verbringen dürfen“. Wenn Berentzen dann das erwartungsvolle Warten der Enkel auf die Bescherung erlebt, fühlt sie sich an ihre Kindheit erinnert, an die Zeit voller Vorfreude.


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