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Pascal Hartmann-Boll über Homosexualität Haben es Schwule im Emsland schwerer als in der Großstadt?

Von Nico Buchholz


Meppen. Homosexualität ist in der westlichen Gesellschaft längst kein Tabuthema mehr. Doch können Schwule und Lesben in einer ländlich geprägten Region wie dem Emsland genauso frei und offen leben, wie in großen Städten? Der Sexualpädagoge Pascal Hartmann-Boll aus Geeste meint ja – wenn auch mit Einschränkungen.

Rechtlich sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Deutschland bereits seit 2001 anerkannt. Zu dem Zeitpunkt trat das Lebenspartnerschaftsgesetz in Kraft. Auch in den Köpfen der Menschen hat sich seitdem viel getan, wie Pascal Hartmann-Boll feststellt. „Ich habe hier immer wieder Menschen getroffen, die offen und tolerant mit dem Thema Homosexualität umgehen.“ Der 23-Jährige weiß, wovon er spricht. Er hilft als Sexualpädagoge unter anderem Menschen bei dem Umgang mit ihrer Homosexualität und leitet die Jugendgruppe „Peergroup 8“, bei der sich junge Schwule und Lesben regelmäßig im Jugendzentrum Jam in Meppen treffen. Und er spricht aus eigener Erfahrung: Hartmann-Boll selbst ist mit einem Mann verheiratet.

Er hat aber auch schon gemerkt, dass die Toleranz an Grenzen stoßen kann. „Es gibt natürlich Dörfer im Emsland, in denen sehr traditionelle Strukturen herrschen.“ In so einem konservativen Umfeld sei der Umgang mit der Homosexualität schwieriger. Dennoch ist Hartmann-Boll überzeugt: „Schwule haben es im Emsland nicht schwerer als in Berlin.“ Lediglich die Beratungsangebote seien in Ballungszentren zahlreicher. „Im Emsland sind die Möglichkeiten nicht so umfangreich. Trotzdem gibt es auch hier gut ausgebildete Experten.“

In den Köpfen der Menschen hat sich in den vergangenen Jahren bereits einiges bewegt. „Dennoch braucht man noch immer ein dickes Fell“, sagt Hartmann-Boll. Das erlebe der studierte Sozialarbeiter auch immer wieder bei den Menschen, die die Jugendgruppe „Peergroup 8“ in Meppen besuchen.

Coming out ist der Knackpunkt

„Das Coming out ist für viele ein Knackpunkt – nicht nur im Emsland, sondern überall in Deutschland.“ Gerade in der eigenen Familie sei dies ein schwerer Schnitt. Die Generation, die sich heute oute, sei in einer freien Gesellschaft aufgewachsen. „Die Eltern sind aber teilweise in einer Zeit aufgewachsen, in der Homosexualität noch verboten war. Sie haben viele Fantasien und Sorgen zu dem Thema.“

Komplikationen könne es auch im Berufsleben geben. „Wenn der Arbeitgeber die Kirche ist, zum Beispiel in der Pflege oder im Kindergarten, kann ein homosexueller Arbeitnehmer vor Probleme gestellt werden.“ Auch in konservativen Berufsfeldern wie dem Handwerk könnten Schwule und Lesben auf unangenehme Situationen treffen. „Man wird selten einen Bauarbeiter finden, der vollkommen offen zu seiner Homosexualität steht.“

Homophobie teilweise akzeptiert

Dieses Problem erlebe er auch immer wieder in der Jugendgruppe. „Es haben sich nicht alle Teilnehmer geoutet. Die haben teilweise noch Angst vor dem Schritt.“ Schließlich gebe es auch Einzelfälle, in denen Menschen mit Spott oder sogar Anfeindungen reagierten. „Ausländerfeindlichkeit wird in unserer Gesellschaft kaum noch geduldet. Homophobie hingegen ist teilweise noch akzeptiert.“ Hier bedürfe es einer umfassenden Aufklärung. Insgesamt sehe Pascal Hartmann-Boll die Entwicklung in Deutschland aber mit Zufriedenheit. „Da kann es bei Urlauben im Ausland schon schwieriger sein. Hier können teilweise sogar rechtliche Konsequenzen folgen.“

Um die Aufklärung und Vertrautheit mit dem Thema Homosexualität voranzutreiben, plädiert Hartmann-Boll dafür, Kinder bereits im Schulunterricht darüber aufzuklären. Statistisch gesehen würden in jeder Schulklasse zwei bis drei Schüler sitzen, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen. „Ich finde es wichtig, den Schülern zu erklären, dass es das gibt und dass es in Ordnung ist.“ Schließlich würden die Kinder heute in einer stark sexualisierten Gesellschaft aufwachsen. „Wir sollten ihnen eine reale Aufklärung bieten. Nicht durch Pornos, sondern durch Fachleute.“


Die Jugendgruppe „Peergroup 8“ trifft sich jeden Dienstag um 18.30 Uhr im Jugendzentrum Jam an der Königstraße 8 in Meppen. Pascal Hartmann-Boll leitet sie zusammen mit einer Kollegin. „Wir sind regelmäßig 12 bis 14 Leute, die sich austauschen.“ In erster Linie sind es Menschen, die homo- oder transsexuell sind. „Es sind aber auch Heterosexuelle willkommen, die mitdiskutieren wollen.“ Die Teilnehmer an der Runde sind meistens junge Männer im Alter von 14 bis 24 Jahren. „Wir würden uns wünschen, dass noch mehr Frauen vorbeikommen“, sagt Hartmann-Boll.