„Verschweigen hilft keinem“ Infoveranstaltung zum Kindesmissbrauch in Meppen

Von Heiner Harnack

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Meppen. Die Zahlen sind erschreckend: In ganz Deutschland werden pro Jahr mehr als 3500 Anzeigen wegen Kindesmisshandlung und über 12400 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern bei der Polizei gestellt. Das Krankenhaus Ludmillenstift hat eine Fortbildungsveranstaltung durchgeführt, damit Auffälligkeiten besser beurteilt werden können.

Jan-Gerd Blanke, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin , war überwältigt von der großen Teilnehmerzahl. Rund 150 Zuhörer, unter anderem aus den Berufsgruppen der Ärzte, Hebammen, Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Erzieher, hatten sich in der Johannesschule eingefunden, um den Ausführungen von Anette Solveig Debertin, Leiterin der Kinderschutzambulanz des Instituts für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), zu folgen.

Der Chefarzt bedauerte, dass das Problem viel zu häufig sehr spät erkannt werde und es zwar Hinweise gebe, aber häufig keine Fakten. „Verschweigen hilft keinem weiter.“

Anette Solveig Debertin betonte, dass sie mit ihrem Vortrag versuchen wolle, den Beteiligten mehr Handlungssicherheit zu geben. An der Medizinischen Hochschule Hannover sei mit dem „Projekt Kinderschutz“ eine Institution gegründet worden, die den Ärzten vor Ort bei Verdachtsfällen von Kindesmisshandlung und -missbrauch zur Seite stehe.

Allerdings müsse man sehr genau hinschauen, ob es sich um ein Verbrechen handele, um falsche Verdächtigungen zu vermeiden. Leider liege die Dunkelziffer sehr hoch. Rund 65000 Kinder lebten heute bei Pflegefamilien und Kleinkinder seien am häufigsten Opfer.

Debertin erinnerte daran, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung hätten. Körperliche Bestrafungen, entwürdigende Maßnahmen und auch seelische Verletzungen seien unzulässig. Im Jahre 2012 habe aber eine Umfrage des Forsa-Instituts ergeben, dass immer noch rund die Hälfte aller Eltern zuschlage. Auch sei die Wiederholungsgefahr sehr groß und die Intensität der Misshandlung nehme zu.

Viele Ausreden

Ärzte stünden häufig vor dem Problem, die Fälle richtig einzuordnen, da dieses schwierige Thema kaum Bestandteil von Weiterbildungen sei. Eine umfassende Verbesserung sei durch das 2012 neu geschaffene Bundeskinderschutzgesetz eingetreten, sagte Debertin. Dieses stärke allen Beteiligten den Rücken, sich rechtzeitig für das Wohl des Kindes einzusetzen.

Debertin zeigte, welche Ausreden häufig benutzt würden, um von der Misshandlung abzulenken. Da sei das Baby durch eine Ablenkung von Mutter oder Vater plötzlich vom Wickeltisch gefallen, die Schwere der Verletzungen deute aber eindeutig auf Gewalteinwirkung hin. Zudem verwickelten sich die Erziehungsberechtigten in Widersprüche und neigten zum Bagatellisieren der Vorkommnisse.

Dazu komme das Aufsuchen medizinischer Hilfe mit einer großen zeitlichen Verzögerung. Außerdem werde der behandelnde Arzt gewechselt, um das Unrecht zu verschleiern. Um Beweise sichern zu können, müsse eine Ganzkörperuntersuchung des Kindes mit aller Vorsicht erfolgen. Typisch für Gewalteinwirkungen auf einen wehrlosen Körper seien Verletzungen am Oberkopf, am Rücken, an den Augen, Wangen, am Gesäß oder auch an der Mundschleimhaut.

Zu welch menschlichen Abartigkeiten Erwachsene fähig sein können, zeigte die MHH-Dozentin am sexuellen Missbrauch von Kindern auf. Debertin forderte, dass jede Diagnose auf absolut sichere Füße gestellt werden müsse.


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