Leben in einer Wohngemeinschaft Scherf erzählt in Meppen von seiner Wahlfamilie

Von Heiner Harnack

Henning Scherf konnte viel aus eigener Erfahrung aus einem Mehr-Generationenhaus berichten. Foto:HarnackHenning Scherf konnte viel aus eigener Erfahrung aus einem Mehr-Generationenhaus berichten. Foto:Harnack

Meppen. Eine Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, sucht nach neuen Lösungen im Miteinander zwischen Jung und Alt. Bremens ehemaliger Bürgermeister Henning Scherf referierte und diskutierte mit dem Arbeitskreis Männerarbeit des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Emsland-Bentheim über den Umgang mit dem Älterwerden.

„Ich bin der lange Scherf.“, so begrüßte der ehemalige SPD-Politiker jeden der fast 100 Gäste, die in das Albert-Schweitzer-Haus gekommen waren, persönlich und ging durch die Reihen, die ausschließlich mit männlichen Gästen gefüllt waren.

Nach einer kurzen Begrüßungsrede von Pastor Detlev Stumpe, ging Scherf gleich in die Offensive und erklärte, dass er nicht einfach gekommen sei, um einen Vortrag in Monologform zu halten und bat darum, bei Fragen, ihn sofort zu unterbrechen. Der Sozialdemokrat, Bürgermeister von Bremen in den Jahren 1995 bis 2005, lebt mit seiner Ehefrau Luise, mit der er seit 54 Jahren verheiratet ist, seit 27 Jahren in einer altersübergreifenden Wohngemeinschaf t und erklärte: „Menschen, die ich kenne, wollen länger in der Mitte der Gesellschaft sein!“. Was käme eigentlich, so Scherf, wenn nicht mehr alles so funktioniere wie früher? Was passiere, wenn das eigene Laufen zur Qual und auch das Lenken eines Autos unmöglich geworden sei?

Natürlich könne man in ein Heim gehen, aber falls ein kommerzieller Träger dort tätig sei, stünde im Vordergrund das Geldverdienen. Der Redner fügte aber an, dass es selbstverständlich auch gut geführte Heime gebe. Der heute 76-Jährige fährt nach eigenen Angaben immer noch Rennrad und hält sich mit Hochseesegeln fit. „Wir waren schon als Studenten mit einem Kind unterwegs und in der zweiten Hälfte der 40er Jahre waren unsere drei Kinder aus dem Haus.“ zeigte der Bremer deutlich auf, dass dann die eigenen vier Wände für nur zwei Personen plötzlich zu groß geworden seien.

Vor rund 30 Jahren begann Scherf mit der Planung eines neuen Lebens unter einem neuen Dach. Von ursprünglich 20 Leuten seien am Ende zehn übrig geblieben. Man habe in diesem Kreis von vornherein gesagt, dass die neue Unterkunft mitten im Ort stehen müsse, damit jedes Ziel gut erreichbar bleibe, so Scherf.

Natürlich hätten auch finanzielle Fragen eine große Rolle gespielt, machte er klar, aber man habe bis zum heutigen Tage, trotz manch großer finanzieller Unterschiede bei den Partnern, erreichen können, dass alle gleichberechtigt geblieben seien. Die entstehenden Kosten würden auf die jeweils genutzten Quadratmeter umgelegt und für Heizung, Strom und Wasser müsse jeder selbst aufkommen.

Heute verfügt das ehemalige Bauernhaus über sieben Wohneinheiten, zwischen denen, je nach Bedarf, ohne großen Aufwand die Wände verschoben werden könnten, so der ehemalige Bürgermeister. Man habe auch genug Platz für Gäste und so würden sich heute 50 bis 60 Menschen der WG zugehörig fühlen.

Immer wieder unterbrochen wurde Scherf von Gästen, die die Frage stellten, ob er nicht alles ein wenig zu positiv darstelle und nicht auch kleinere wie größere Probleme auftauchten. Der Reisende in Sachen menschlichem Miteinander bejahte dies ohne Umschweife und erzählte von einem sehr traurigen Beispiel, das schon nach zwei Jahren die Nagelprobe für die Gemeinschaft gewesen sei. Eine Mitbewohnerin sei so schwer erkrankt, dass der Tod nicht mehr weit weg schien. Plötzlich sei eine große, gemeinsame Not entstanden. Man habe aber sehr schnell entschieden, dass keine fremden Pflegekräfte den Job erledigen sollten und, obwohl manch einer noch berufstätig gewesen sei, habe es die Gemeinschaft geschafft, die Freundin zu pflegen und bis zum Tod nie allein zu lassen.

Die WG sei durch diese Zeit noch enger zusammengewachsen. Das Drama sei noch größer geworden, als auch der Sohn der Freundin schwer erkrankte und man sich danach fünf Jahre um diesen gekümmert habe. „Gott sei Dank“ so Scherf, „meldeten sich unsere Kinder zur Unterstützung.“ Ein Moment, in dem man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können. Leider sei auch eine Ehe kaputt gegangen, aber die Gemeinschaft habe auch dieses Problem überwunden. Der Jurist mahnte auch an, dass man die Erbfolge und ein Vorkaufsrecht, der später leerstehende Wohnung, rechtzeitig regeln müsse.