Feierstunde am 9. November Meppen gedenkt der Reichsprogromnacht vor 76 Jahren

Von Heiner Harnack


Meppen. In der Nacht vom 9. November auf den 10. November 1938 jagten die Nationalsozialisten Menschen durch die Städte, zündeten rund 1400 Synagogen in ganz Deutschland an und zerstörten jüdische Friedhöfe. In einer bewegenden Feierstunde wurde auch in Meppen dieses Datums gedacht.

Rund 100 Meppener Bürger hatten sich auf dem jüdischen Friedhof An der Hütte versammelt, um der verschleppten und ermordeten ehemaligen jüdischen Mitbürger zu gedenken. Pastorin Mirjam Valerius von der evangelischen Bethlehem-Gemeinde erinnerte besonders an die Kinder, die dem Staatsterror zum Opfer fielen. Auch nach 76 Jahren, so Valerius, müsse all diesen Menschen immer noch in Würde gedacht werden.

Holger Berentzen vom Meppener Initiativkreis Stolpersteine erwähnte, dass der jüdische Friedhof das älteste Zeugnis jüdischen Lebens in Meppen sei. Der wohl älteste Grabstein weise auf die Mitte des 19. Jahrhunderts hin, so dass man davon ausgehe, dass die Ruhestätte etwa 1850 oder 1851 angelegt worden sei. Ein jüdischer Friedhof dürfe nie angetastet oder gar aufgelöst werden. Alle Grabsteine hier bestatteter jüdischer Mitbürger sagten etwas über das Leben eines jeden Einzelnen aus. Zusammen mit der Synagoge sei ein Friedhof der wichtigste Ort für Juden überhaupt, so Berentzen. Leider gebe es heute lediglich 22 Grabsteine, da die Nazis den Friedhof fast komplett vernichtet hätten. So sei heute nicht bekannt, wie viele Menschen hier wirklich beigesetzt worden seien.

Berentzen erinnerte an die Umbauarbeiten, bei denen der Eingangsbereich mit der Hilfe von Schülern neu geschaffen worden sei. Auf dem Friedhof erinnert heute eine Glasstele an die jüdischen Meppener Bürger, die zwischen 1938 und 1945 deportiert wurden und an die kein Grabstein mehr erinnert. Berentzen fragte, wer Täter gewesen sei, wer Mitläufer gewesen sei oder wer eventuell wirklich nicht habe helfen können.

Als musikalischer Beitrag durchzog das Lied „Shalom Chaverim“ die Gedenkveranstaltung, die sich vom jüdischen Friedhof bis zur Gedenkstätte an der Johannesschule bewegte. Die Übersetzung lautet: “Friede sei mit Euch, Freunde! Friede, Friede!“. Leandra Willems,Trompete, und Jonah Willems, Saxophon, begleiteten zum von den Bürgern gesungenen Text.

Eine bewegende Zwischenstation wurde an der Hasestraße eingelegt. Wo sich heute ein Kaufhaus befindet, lebte damals die Familie Alexander. Hier erinnern zwei von 25 Stolpersteinen in Meppen an jüdische Mitbürger. Der 16-jährige Sohn Paul wurde in der Nacht von Nazischergen aus dem Haus geholt und mit Schlägen und Prügel quer durch die Stadt bis zum SA-Haus in der Herzogstraße getrieben. Hier knüppelten SA-Männer weiter auf den jungen Mann ein und zwangen ihn, durch Glasscherben zu kriechen. Im Garten des Hauses wurde Paul Alexander gezwungen, ein Grab auszuheben, während sein Vater Äste sägen musste und erniedrigt wurde, Lieder zu singen. Nach einem menschenverachtenden Aufenthalt im KZ Sachsenhausen und Zwangsarbeit auf dem Ulmenhof konnte Paul Alexander dann doch noch mit einem Kindertransport nach England ausreisen. Seine Eltern wurden später in Riga von den Nazis ermordet. Paul Alexander lebt heute in England.

An einer weiteren Zwischenstation vor dem Meppener Stadthaus erinnerte Annette Sievers an die Ausstellung „Auf den Spuren jüdischen Lebens im Emsland“. Sievers und der Fotograf Heinrich Jansen präsentierten auf den Stufen des Stadthauses ein Bild, das ein Ornament zeigt, das in der Mitte einen Davidstern trägt. Das Original, das im Eingangsbereich des jüdischen Friedhofs gefunden worden war, befindet sich heute im Stadtmuseum.

Bevor es zum Abschluss zu den Gedenktafeln an der Johannesschule ging, hielt die Menge noch zu einem kurzen Zwischenhalt an der Adresse Nagelshof 14. Hier befand sich seinerzeit die jüdische Synagoge in Meppen. Unter Lebensgefahr war ein Teil eines Schutzschildes aus den Trümmern gerettet worden und später in die USA gebracht worden.

Vor den Gedenktafeln erinnerte Bürgermeister Helmut Knurbein, dass die verschleppten und ermordeten Menschen ein Teil des Meppener Lebens gewesen seien. Es habe auch in Meppen zu viele Jahre des Schweigens zu diesen abscheulichen Verbrechen gegeben. Knurbein erinnerte daran, dass es auch heute wieder Ressentiments gegen Minderheiten gebe und diesen entschieden entgegengetreten werden müsste. Knurbein wörtlich: „Es passiert nicht einfach, es gibt immer Handelnde und wir sind es den Opfern schuldig, immer wachsam zu bleiben!“