Fünf Monate obdachlos In der Not unter der Hubbrücke in Meppen geschlafen

Von Ina Wemhöner


Meppen. Obdachlos, verzweifelt und suchtkrank – für den 33-jährigen Nordhorner Frank waren Menschen, die auf der Straße leben, lange Zeit nichts als „arme Penner“. Erst als er selbst Job und Wohnung verliert, erlebt er am eigenen Leib, was für ein Leben diese Menschen führen. Ein Leben, das er sich nicht mal in seinen schlimmsten Albträumen ausmalen wollte.

„Es war eine verdammt harte Zeit“, erzählt Frank, als er an der Hase-Hubbrücke in Meppen steht und zeigt, wo er übernachtet hat, wenn er nicht gerade ziellos abends herumirrte. Auf hartem Beton ohne Kissen und Decke, mit nur wenig Kleidung, nächtigte er Anfang September in einer kleinen Nische an der Brücke. Seinen richtigen Namen möchte er nicht preisgeben, weil er nun ein neues Leben beginnen möchte und das Leben als Obdachloser hinter sich lassen will.

Der gelernte Schlosser zog mit 27 Jahren bei seinen Eltern aus und bewohnte zuletzt eine Kellerwohnung bei einem Freund. „Die Kellerwohnung war günstig und gefiel mir. Mein Kumpel war geschieden und bewohnte allein die obere Wohnung des Hauses. Einen Mietvertrag gab es nicht“, erinnert sich Frank. Im Mai dieses Jahres bricht für den 33-Jährigen dann seine Welt allmählich zusammen, als er von seinem Chef die Kündigung erhält. „Das war mit das Schlimmste, als ich meinen Job als Schlosser verlor“, so Frank.

Als er dann noch von seinem Freund erfährt, dass dieser ebenfalls seinen Job verliert und beide aus dem Haus ausziehen müssen, steht der Nordhorner von einem Tag auf den anderen auf der Straße: „Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Ein paar Nächte konnte ich zu Freunden, aber dann blieb mir keine Wahl, und ich schlief auf der Straße.“

Zum Amt wollte der 33-Jährige nicht gehen: „Ich wollte es erst mal alleine schaffen und nicht gleich beim Staat die Hand aufhalten.“ Er reiste umher und verrichtete kleine handwerkliche Arbeiten, um zu überleben. „Ich hatte mich geschämt und stand auch noch unter Schock. Das war alles zu viel, und ich war so verzweifelt.“ Freunde machten ihn auf die Wohnungslosenhilfe der Caritas am Domhof in Meppen aufmerksam. „Als ich davon hörte, dachte ich, das ist nichts für mich, sondern für Leute, die wirklich dringend Hilfe brauchen. Bis ich dann realisierte, dass ich aber auch einer davon bin.“

Eine seiner engsten Vertrauten ist jetzt die Caritas-Sozialarbeiterin Ute Grönnige. „Es dauerte ein bisschen, bevor ich mein Schicksal jemandem erzählen konnte“, sagt Frank. In der Einrichtung erhalten die Obdachlosen eine warme Mahlzeit und Kleidung – und die Sozialarbeiter unterstützen die Hilfesuchenden bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. „In der Hans-Hoppe-Straße in Meppen-Nödike gibt es eine Unterkunft für die Obdachlosen. Vier Obdachlose können dort nächtigen“, erzählt Ute Grönnige.

Für Frank kam die Unterkunft aber zunächst nicht infrage. „Ich habe mir das angeguckt, aber mir waren die Leute da nicht geheuer, da habe ich lieber allein unter der Brücke geschlafen. Wobei ich da auch Angst hatte, erwischt oder überfallen zu werden.“

Das Leben der Umherziehenden war für Frank immer so weit weg, und jetzt befand er sich mittendrin. Die Szene der Obdachlosen zeigte ihm ein Bild des Schreckens. „Viele wollen gar keine Wohnung, sind drogenabhängig, gewalttätig und haben keine Perspektive“, sagt Frank.

Einen Freund fand er in der Obdachlosenunterkunft dennoch, und so blieb er dort und hatte für zwei Monate ein Dach über dem Kopf. Es ging so langsam wieder aufwärts. Mit Ute Grönnige erarbeitete er eine Bewerbung und sucht noch immer eine Arbeitsstelle.

Eine Wohnung hat er aber bereits gefunden. Mit dem Projekt „Wohnung statt Parkbank“ tritt der Caritasverband als Mieter auf, der die Wohnungen dann untervermietet. So kam auch Frank an seine 40-Quadratmeter-Wohnung in Haselünne. „Das ist ein tolles Gefühl wieder eine eigene Wohnung zu haben“, freut er sich.

„Es ist sehr schwierig, an Wohnungen zu kommen“, erzählt Grönnige. „Die Vermieter wollen ungern ihre Wohnung an Obdachlose vermieten, weil sie von suchtkranken Menschen ausgehen.“ Bevor die Caritas jedoch die Obdachlosen in diesen Wohnungen unterbringen kann, muss der Landkreis den Antrag bewilligen, und der Betroffene muss mindestens drei Monate obdachlos gewesen sein. „Bei der Haushaltsführung unterstützen wir sie das ganze erste Jahr, danach sollten sie auf eigenen Beinen stehen können und den Mietvertrag übernehmen“, erklärt die Sozialarbeiterin.

Im Jahr 2013 betreute das fünfköpfige Beratungsteam der Wohnungslosenhilfe 250 Obdachlose. Davon waren 82 Prozent Männer, und 24 Prozent waren junge Leute unter 25 Jahren. „Oft sind es Menschen, die eine Trennung oder den Tod des Partners hinter sich haben. Einige sind suchtkrank, und andere sind plötzlich arbeitslos geworden“, erzählt Grönnige. „Die Geschichte von Frank zeigt, dass es jedem passieren kann, obdachlos zu werden.“, so die Sozialpädagogin.

Wie es sich anfühlt, auf der Straße zu schlafen, können Bürger selbst miterleben, denn die Wohnungslosenhilfe des Caritasverbands für den Landkreis Emsland veranstaltet heute ab 17 Uhr auf dem Domhof in Meppen eine Übernachtungsaktion – mit Straßenfrühstück am Samstag ab 10 Uhr. Übernachtet wird in einem Mehrpersonenzelt. Matratzen und Schlafsäcke sollten die Teilnehmer selbst mitbringen. Anmeldung unter Telefon 05931/984213. Außerdem ist die Ausstellung „Ausweg Straße!?“ ab sofort in der MEP zu besichtigen.