Sprechen und Schweigen ertragen Vortrag in Meppen über das Erbe der Kriegskinder

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Antworten auf die Fragen der Zuhörer gab Christoph Hutter (rechts). Foto: Manfred FickersAntworten auf die Fragen der Zuhörer gab Christoph Hutter (rechts). Foto: Manfred Fickers

Meppen. Der fast voll besetzte Sitzungssaal des Kreistags in Meppen war eine Bestätigung der These von Christoph Hutter, dass „das Erbe der Kriegskinder“ bis heute aktuell ist, weil es Familien belastet.

Hutter, Leiter der Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung (efle) des Bistums Osnabrück in Lingen, sprach auf Einladung des Seniorenstützpunkts des Landkreises Emsland über seine Beratungserfahrung und die Beschäftigung mit den Generationen, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Ihn beschäftigt die Frage, welche Auswirkungen der Krieg über Generationen hinweg auf das Miteinander der Menschen hat. „Es geht nicht um Schuld, sondern um Verstehen“, stellte er zu Beginn klar.

Der Pädagoge und Theologe beschrieb „den Fluss des deutschen Schweigens“, der aus dem Unvermögen entstanden ist, über das kaum zu Ertragende, das erlebt wurde, zu reden. Die jüngere Generation sei in den Schulen mit großer Wucht mit Faktenwissen zu den Geschehnissen konfrontiert worden, aber eine Beschäftigung mit der eigenen Familie folgte selten darauf. Häufiger sei dagegen eine Strategie des Umerzählens der Familiengeschichte ins Positive.

Die Belastung des Familienlebens durch das Schweigen über das Geschehene habe Folgen bis in die Enkelgeneration, berichtete Hutter aus dem Beratungsalltag. Erscheinungen wie fehlendes Mitgefühl, die Neigung, die Rollen von Täter und Opfern umzukehren, und plötzliche Ausbrüche von Jähzorn und Sadismus führt der Berater darauf zurück. „Je hartnäckiger geschwiegen wird, umso eher wird etwas in die nächste Generation übertragen.“

Nicht zu unterschätzen sei der Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie auf die Kindererziehung, denn Mädchen wurden entsprechend belehrt. Die Folgen schilderte Hutter am Beispiel eines 1934 erschienenen Ratgeberbuchs der Ärztin Johanna Haarer zum Umgang der Eltern mit Säuglingen, das leicht verändert auch nach 1945 weiter veröffentlicht wurde und bis 1987 eine Auflage von 1,2 Millionen erreichte. Die Ratschläge liefen darauf hinaus, die Bindung zwischen Müttern und Kindern so schwach wie möglich zu halten, mit dem erklärten Ziel einer Einordnung der jungen Menschen in die „Volksgemeinschaft“, für die eine zu enge innerfamiliäre Bindung störend war. Eine Folge, die sich in der Beratungspraxis zeige, sei eine tiefe Unsicherheit in zwischenmenschlichen Beziehungen und eine übertriebene Ängstlichkeit.

Mit zunehmendem Alter wachse bei den Menschen, die den Krieg noch erlebt haben, die Bereitschaft zu reden. Wichtig sei es, das Sprechen zu erlauben und geduldig zuzuhören. Aber man sollte innerlich vorbereitet sein, wer sich auf das Zuhören einlässt, muss sich auf Belastendes einstellen. Wenn Fragen nicht beantwortet werden, müsse der Zuhörer auch Schweigen ertragen. Hutter riet dazu, die heutzutage im Internet, in Archiven und in der Literatur vorhandenen Informationen zu nutzen, um die Familiengeschichte einzuordnen. So könne ein besseres Verständnis zwischen den Generationen wachsen.


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