Zugvögel jenseits des Polarkreises Spuren eines Meppener Lappland-Abenteuers


Meppen. „Elf Pfadfinder jenseits des Polarkreises – Zugvögel legten in 24 Tagen über 200 Kilometer zurück“ – so lautete eine Schlagzeile der „Oberhessischen Volkszeitung“ vom 6. August 1959. Einer der abenteuerlustigen Mitglieder der Pfadfindergruppe „Zugvögel“ von damals war Burghardt David.

Elf Jungen, alle um die 15 Jahre alt, machten sich auf die Reise nach Abisko , der nördlichsten Bahnstation Schwedens, und wanderten von dort aus 120 Kilometer durch völlige Wildnis und Öde. Damals wohnte David noch mit seiner Familie im hessischen Lauterbach. Seit über 42 Jahren ist er Meppener. 55 Jahre nach Erscheinens des Zeitungsartikels und jetzt mit über 70 machte sich der rüstige Rentner in Begleitung seiner beiden Söhne wieder auf die Reise nach Lappland und besuchte einige der Stationen von damals.

„Wir durften damals weder Luftmatratze noch Schlafsack mitnehmen. Gepennt haben wir irgendwo draußen in der Natur, manchmal in Felsspalten“, erinnert sich der 71-Jährige. Was die Zugvögel mitnehmen durften und auch dabeihatten, war ein „Affe“. Das ist der geläufige Ausdruck für einen Pfadfinder-Tornister, in dem die Jungen ihre wichtigsten Überlebensutensilien hatten: Taschenmesser, Essensration, Gegenstände, um Feuer zu machen. Vom Bahnhof in Abisko aus trat damals die 11-köpfige Gruppe unter Leitung des 23-jährigen Stammesführers Hans Berk einen neuntägigen Fußmarsch durch das unwegsame Gelände des Kebnekaise-Massivs an. „Tagsüber marschierten wir bei 27 bis 28 Grad. Nachts war uns bei zehn Grad dann doch kalt, da wir nur mit Lederhose und Jacke bekleidet waren“, weiß David und ergänzt: „Die Temperaturstürze haben uns am meisten zu schaffen gemacht, und die Tatsache, dass es fast nie dunkel wurde.“ Das war aber noch nicht das Schlimmste. „Und die Mücken haben uns geplagt.“ Er hatte nach eigenen Angaben 30 bis 40 Stiche pro Tag. Als er jetzt mit seinen Söhnen wieder da war, war es höchstens einer pro Tag, da alle drei mit Anti-Mücken-Spray Vorsorge getroffen hatten.

An manchen Tagen begegneten sie vor 55 Jahren keinem anderen Menschen. Ständig war Improvisieren angesagt: beim Essenzubereiten, beim Feuermachen oder bei der Suche nach einer Schlafstätte. Das hatte auch einen Lerneffekt für die jungen Leute. „Wer improvisieren muss, der lernt, selbstständig zu arbeiten“, wird Hans Berk in dem Zeitungsbericht von damals zitiert. Die Gruppe lernte auf der Wanderung, was „Zusammenhalt“ bedeutet. David erinnert sich: „Es gab wohl mal von dem einen oder anderen ein Murren, aber wir hatten nie Streit, und es ging auch keiner an die eiserne Essensration heran. Wir haben alle an einem Strang gezogen.“ Irgendwann erreichten die „Zugvögel“ das Ziel von damals, die Stadt Kiruna. Von dort aus traten sie dann mit dem Zug über verschiedene Zwischenstationen die Heimreise an – erschöpft, aber erfüllt mit vielen unvergesslichen Eindrücken.

Immer wieder hat „Buddel“, so sein Spitzname von früher, im Laufe der Jahrzehnte seinen Freunden und Bekannten von seinem Abenteuer von vor 55 Jahren erzählt und vorgeschwärmt. Natürlich auch seinen beiden Söhnen Michael und Thomas. Als ihr Vater im vergangenen Jahr 70 wurde, schenkten sie ihm zu seiner großen Freude die Reise an die Stätten der Vergangenheit. Anders als damals machte sich das Trio aber nicht mit dem Zug, sondern mit dem Flugzeug auf die Reise in die 30000-Einwohner-Stadt Kiruna. Sie übernachteten auch nicht im Freien oder in Felsspalten, sondern in einer Bergstation. Eines ist Burghardt David damals wie heute aufgefallen: „Mich fasziniert die Gastfreundlichkeit und Ehrlichkeit der Einheimischen. Wir können unsere Rucksäcke irgendwo ablegen und weggehen, und wenn wir wiederkommen, liegen sie immer noch da.“

Der Vater ging jetzt mit seinen beiden Söhnen auch auf Wanderschaft, wenn auch nicht auf solchen langen Strecken wie damals. „Einige Passagen haben wir mit dem Boot zurückgelegt“, sagt David. Die Geschichte des Trios aus Deutschland, das auf den Spuren des Vaters vor 55 Jahre wandelt, kam vor Ort Maria Unga zu Ohren. Die Redakteurin der örtlichen Tageszeitung „NSD“ (Norrländska Socialdemokraten) fand das so spannend, dass sie gleich einen großen Bericht daraus machte.

Zu seinen Freunden von vor über einem halben Jahrhundert hat David immer noch Kontakt: „Als ich jetzt wieder in Kiruna war, habe ich allen von dort aus eine Karte geschickt.“ Allen noch Lebenden, denn vier der jungen Pfadfinder von damals sind mittlerweile verstorben. Alle „Zugvögel“, die noch leben, treffen sich jetzt in Erinnerung an die Tage in Lappland im hessischen Lauterbach.

Ganz besonders freut sich David, dass Stammesführer Hans Berk noch lebt. Er ist 77 Jahre alt und wird auch zum „Zugvögel“-Treffen in Hessen kommen. Wahrscheinlich werden sie jetzt wie damals vor 55 Jahren in Lappland am Lagerfeuer sitzen und zu den Klängen der Gitarre singen. Für den Fall ist David gut gerüstet: „Ich kann heute noch über 70 Prozent aller Pfadfinderlieder“, sagt der 71-Jährige.