Die Hermann-Wenker-Straße Ein Naturwissenschaftler und Historiker in Meppen

Von Wolfgang Germing


Meppen. Als die Meppener Kuhweide 1956 zum Teil in ein Baugebiet umgewandelt worden war, wurde die Hermann-Wenker-Straße angelegt. Sie zweigt von der Straße „Auf der Herrschwiese“ ab und verläuft parallel zur Nödiker Staße und zur Nikolaus-Krebs-Straße.

Der Name Hermann Wenker hat für jeden an der Heimatgeschichte Interessierten einen besonderen Klang, denn nach Johann Bernhard Diepenbrock ist Wenker der zweite Lehrer des Meppener Gymnasiums, der sich um die Erforschung der Meppener und der Emsländischen Geschichte überaus verdient gemacht hat. Wenker wurde am 5. Mai 1850 in Melle geboren; er entstammte einer gutbürgerlichen Familie, sein Vater war Auktionator, mehrere Onkel waren Lehrer. Mit elf Jahren kam er zum Gymnasium Carolinum in Osnabrück. Im Herbst 1869 machte er dort sein Abitur, in den Sprachen mit „recht gut“, in Religion, Geschichte, Geografie, Mathematik und Naturwissenschaften mit „sehr gut“. Da er schon früh Priester werden wollte, studierte er Theologie an der Philosophisch-Theologischen Akademie in Münster, daneben beschäftigte er sich auch mit Geschichte und den Naturwissenschaften. In das Priesterseminar in Osnabrück trat er im Herbst 1872 ein und empfing am 7. Juni 1873 die Priesterweihe. Für ein Jahr unterrichtete er danach als Lehrer an der Handelsschule in Freren und half in der Seelsorge. Seinem Wunsch gemäß erteilte ihm Bischof Beckmann 1874 die Erlaubnis, noch weiter zu studieren. Wenker ging nun zur Universität Göttingen und widmete sich dem Studium der Mathematik und der Naturwissenschaften. Das Examen am 1. Dezember 1877 absolvierte er in „Mathematik und Physik für alle Klassen, beschreibende Naturwissenschaften für die mittleren Klassen“.

Noch vor dem Examen forderte Direktor Wilken vom Meppener Gymnasium Wenker auf, sich hier um eine frei gewordene Stelle zu bewerben, was dieser mit Erfolg betrieb. Er trat im Herbst 1877 als Kandidat (das heißt er musste ein Probejahr absolvieren) und Hilfslehrer (zur Wahrnehmung einer vollen Stelle) in das Meppener Kollegium ein. Über das Probejahr berichtete der Direktor am 4. September 1878, Wenker sei ein fleißiger Lehrer, der schon in Freren „Übung und Erfahrung“ erworben habe; er habe „zu großer Befriedigung“ unterrichtet und die schriftlichen Arbeiten sorgfältig korrigiert. Bei den Schülern besitze er ein gutes Ansehen, sei bei sämtlichen Lehrern ein beliebter Kollege und genieße die Achtung der Eltern und der Öffentlichkeit. Der Direktor stelle ihm deshalb „das beste Zeugnis“ aus. Aber erst im Januar 1880 ernannte das Provinzial-Collegium zu Hannover Wenker zum ordentlichen Lehrer am Meppener Gymnasium, mit einem Jahresgehalt von 2250 Mark und einem Wohngeldzuschuss von 300 Mark. Oberlehrer wurde er am 1. Oktober 1883, und im Juli 1897 verlieh ihm der zuständige Minister das Prädikat „Professor“; aus Anlass des Schuljubiläums 1902 wurde er mit dem Roten Adlerorden IV. Klasse geehrt Das Jahresgehalt Wenkers stieg bis 1902 auf 5100 Mark, ferner wurde ihm eine Dienstwohnung in der Residenz gestellt, und er war nun auch Rektor der Gymnasialkirche.

In den Jahren 1907/08 befiel Wenker eine schwere Krankheit, von der er sich nicht mehr erholte, er starb am 31. Dezember 1908. Am 4. Januar 1909 wurde er auf dem Friedhof an der Marktstiege bestattet, unter großer Anteilnahme aus allen Schulen und der übrigen Bevölkerung. Drei große Todesanzeigen und ausführliche Berichte in den Meppener Zeitungen bezeugen bis heute das große Ansehen Wenkers; das Gymnasium habe seinen „verdientesten Lehrer, die Stadt einen ihrer edelsten Bürger verloren“, heißt es einleitend in den Artikeln

Hermann Wenker war äußerlich klein und unscheinbar, strahlte aber eine große Autorität aus, wie vielfach berichtet wird. Auf seinen Ferienreisen nach Norwegen oder in die Alpen sammelte er neue Kenntnisse über die jeweilige Tier- und Pflanzenwelt, und jahrelang beschäftigte er sich intensiv mit der Astronomie und lieferte dazu eigene wissenschaftliche Beiträge. In seinem letzten Lebensjahrzehnt rückte dann die Geschichte in den Mittelpunkt seiner Studien. Wenker war darüber hinaus auch sozial engagiert. Viele Jahre gehörte er zum Vorstand des Waisenhauses Marienstift, und 27 Jahre lang war er Vorsitzender des Vorstandes des Ludmillenstiftes und förderte laut Nachruf nachhaltig dessen Entwicklung.

Der Nachruhm Wenkers aber gründet vor allem auf seinem Wirken als Erforscher der Meppener Geschichte, anknüpfend an Diepenbrocks bekanntes Werk hierzu, aber an Vollständigkeit und Genauigkeit darüber hinausweisend. Auf der Grundlage seiner Quellenstudien schrieb er 1902 das Buch „Die Pfarrkirche zu Meppen 802 – 1902“, das auch noch neueren Darstellungen als Vorlage diente. Schon von seiner Krankheit geschwächt verfasste er nach eigenen Vorarbeiten die Schrift „Das Weichbild Meppen und seine Bürger in alter Zeit“, die erst nach seinem Tod erschien. Wegen der regen Nachfrage gab Alexander Geppert sie mit einigen Ergänzungen 1922 neu heraus. Eine weitere, nun illustrierte Auflage gab Hans Kraneburg 1978 heraus, und eine vierte Auflage folgte 1985. Die größte Bedeutung aber hat Wenker durch die Sammlung und Veröffentlichung der Urkunden zur mittelalterlichen Geschichte der Stadt und des Amtes Meppen erlangt. Er durchforschte alle einschlägigen Veröffentlichungen und die in Frage kommenden Stadt- und Pfarrarchive und gab in den Jahren 1902-1906 in vier Teilen das „Meppener Urkundenbuch“ für die Jahre 800-1485 heraus (Neudruck Osnabrück 1973); aus dem Nachlass wurde weiteres Material 1961 im Emsland-Jahrbuch veröffentlicht. Mehr als seine anderen Bücher liefert das Urkundenbuch den Historikern vielfältige und gesicherte Materialien zur Erforschung der Meppener Geschichte; das zeigt auch ein Blick in das 2006 neu erschienene Standardwerk „Geschichte der Stadt Meppen“, und zwar in die Mittelalter-Kapitel: Eine sehr große Zahl von Belegen stammt aus Wenkers Urkundenbuch, so eindrucksvoll dessen Aktualität verdeutlichend.

Die Serie Straßennamen und ihre Geschichte wird von der Geschichtswerkstatt des Heimatvereins Meppen geschrieben.