Luftalarm im Emsland in der dritten Kriegsnacht Ems und Kanal weisen Bombern den Weg

Von Manfred Fickers


Meppen. Als am Samstag, 1. September 1939, das Radio und Extrablätter der Zeitungen den Beginn des Krieges mit Polen verkünden, bekommt auch die in Meppen aufgestellte motorisierte Sanitätskompanie 2/186 den Marschbefehl. Sie fährt aber nicht nach Polen, sondern von Rheine per Bahn ins Saarland, wo sich das Infanterie-Regiment 37 aus Lingen und Osnabrück befindet.

Im Deutschen Reich wird Verdunkelung angeordnet, um gegnerischen Fliegern die Orientierung zu erschweren. In Bawinkel verteilen die Jungen der Oberklasse der Schule den entsprechenden Aufruf des zivilen Luftschutzes. Gleichzeitig werden alle Schulen geschlossen.

Fleisch, Fett, Butter, Käse, Vollmilch, Zucker und Marmelade gibt es nur noch gegen Vorlage von Lebensmittelmarken in begrenzter Menge. Für „Normalverbraucher“ sind dies pro Woche 2250 Gramm Brot, 400 Gramm Fleisch und 269 Gramm Fett. Die Gemeinden müssen einen monatlichen „Kriegsbeitrag“ abführen, Landgemeinden haben Pferdefutter abzuliefern.

Die Wehrmacht übernimmt die Emslandlager VI und VIII bis XV als Kriegsgefangenenlager. Im Lager IX Versen wird das Stammlager (Stalag) VIb eingerichtet mit Lager VI Oberlangen, VIII Wesuwe und X Fullen als Nebenlager, Lager XIV Bathorn wird Stalag VIc mit den Lagern XV Alexisdorf, XIII Wietmarschen, XI Groß Hesepe und XII Dalum als Nebenlager.

Am Sonntag, 3. September, erklären nach dem Ablauf des Ultimatums mit der Forderung nach einem Rückzug der deutschen Truppen aus Polen Frankreich und Großbritannien gemeinsam mit den britischen Dominions Australien und Neuseeland Deutschland den Krieg. Bereits in der Nacht zum Montag gibt es Luftalarm im Emsland. Zehn Bomber des Typs Armstrong Whitworth Whitley der Squadrons 51 und 58 der Royal Air Force (RAF), sollen 13 Tonnen Flugblätter über Hamburg, Bremen und dem Ruhrgebiet abwerfen. Auf dem Weg von der Nordsee nach Süden orientieren sich die Besatzungen an Ems und Kanal. Flugblätter fallen bei Haren, Neudersum, Klein Fullen, Groß Fullen, Schöninghsdorf, Haselünne, Bückelte, Lahre, Huden, Wettrup, Bawinkel, Lingen, Osterbrock, Helte, Lehrte, Teglingen, Getelo und Ohne vom Nachthimmel. Am Morgen werden Schulkinder eingesetzt, um sie einzusammeln und bei den Bürgermeistern abzuliefern. Der Lehrer in Schwefingen klebte ein Exemplar in die Schulchronik. Die Reaktion der Bevölkerung ist in der Schulchronik Klein Fullen knapp beschrieben: „Von nun ab ist der Luftschutz aufgerufen, die Verdunkelung wird ernstlich durchgeführt“.

Wegen der Luftkriegsgefahr soll die Feuerwehr verstärkt werden. Die Stadt Haselünne soll neben der Freiwilligen Feuerwehr eine Pflichtfeuerwehr aufstellen aus über 50-jährigen und nicht für den Kriegsdienst tauglichen Männern. In Haselünne werden darüber hinaus aus den Dörfern der Umgebung alle 50- bis 65-jährigen und jüngere, nicht waffenfähige Männer versammelt, um Ortsfeuerwehren aufzustellen. Die Schulung erfolgt sonntags.

Die Ebenfalls am 4. September wird die „Kriegswirtschaftsverordnung“ erlassen. Alkoholische Getränke und Tabakwaren werden höher besteuert (Kriegszuschlag, 15 bis 20 Prozent), und es gibt eine Erhöhung der Einkommensteuer. Im Deutschen Reich werden circa 100.000 Handwerksbetriebe stillgelegt, hauptsächlich Handwerks- und kleine Handelsbetriebe.

Schon in der Nacht zum Dienstag, 5. September, gibt es wieder Luftalarm. Die RAF setzt ihre Flugblattaktion fort, die gleichzeitig der Schulung der Besatzung dienst. Die Beobachter der Luftwaffe hören zwar die Maschinen, melden sie, aber die Nachtjäger finden sie nicht.

Die Strafgesetze werden verschärft, so sollen „Kriegswirtschaftsvergehen“ und „Kriegskriminalität“ bekämpft werden. Neu eingeführt ist der Straftatbestand „Zersetzung der Wehrkraft.“ Der Bau von Luftschutzräumen wird angeordnet. Gleichzeitig werden öffentliche Tanzveranstaltungen verboten.

In der Nacht zum Mittwoch, 6. September gibt es wieder Luftalarm im Emsland.Trotz der Siegesmeldungen aus Polen sind einige Veteranen des Ersten Weltkriegs skeptisch. „Während im Osten ein leichter und schneller Siegeszug gehalten wurde, schauten wir alten Soldaten mit Sorgen zum Westen. Wir kannten die Verteidiger im Westen aus dem ersten Weltkriege heraus“, schrieb der Schulleiter Czerlitzka in Wesuwe.

Am Donnerstag, 7. September beginnt für das Infanterie-Regiment 37. der Kampf. Aufklärungseinheiten der 3., 4. und 5. französischen Armee dringen in der Pfalz und im Saarland auf deutsches Gebiet vor. Das Regiment wird im Abschnitt Hornbach – Seyweiler in Kämpfe mit Teilen der 4. französischen Armee verwickelt und muss sich von der Grenze auf den Westwall zurückziehen.

Als Reaktion auf den Luftangriff auf Kriegsschiffe vor Wilhelmshaven am 4. September werden Frauen und Kinder aus der Stadt evakuiert. Brockhausen nimmt 15 Personen auf, Clusorth-Bramhar 54, Bawinkel 60.


Britische Flugzeuge warfen in der Nacht zum 4. September 1939 Flugblätter über dem Emsland ab. Der Text des der ersten Seite des Flugblatts:

„Warnung — Großbritannien an das Deutsche Volk. Deutsche, Mit kühl erwogenem Vorsatz hat die Reichsregierung Großbritannien Krieg aufgezwungen. ohl wusste sie, daß die Folgen ihrer Handlung die Menschheit in ein größeres Unheil stürzen, als 1914 es tat. Im April gab der Reichskanzler euch und der Welt die Versicherung seiner friedlichen Absichten; sie erwies sich als ebenso wertlos wie seine im September des Vorjahres im Sportpalast verkündeten Worte: „Wir haben keine weiteren territorialen Forderungen in Europa zu stellen.“

Niemals hat eine Regierung ihre Untertanen unter geringerem Vorwand in den Tod geschickt. Dieser Krieg ist gänzlich unnötig. Von keiner Seite war deutsches Land und deutsches Recht bedroht. Niemand verhinderte die Wiederbesetzung des Rheinlandes, den Vollzug des Anschlusses und die unblutig durchgeführte Einkörperung der Sudeten in das Reich. Weder wir noch irgendein anderes Land, versuchte je dem Ausbau des Deutschen Reiche Schranken zu setzen — solange dieses nicht die Unabhängigkeit nicht-deutscher Völker verletzte.

Allen Bestrebungen Deutschlands, solange sie Andern gerecht blieben - hätte man in friedlicher Beratung Rechnung getragen.“

Der Text der zweiten Seite:

„Warnung — Präsident Roosevelt hat euch sowohl Frieden mit Ehren als auch die Aussicht auf materielle Wohlfahrt angeboten. An Stelle dessen hat eure Regierung euch zu dem Massenmord, dem Elend und den Entbehrungen eines Krieges verurteilt, den zu gewinnen sie nicht einmal erhoffen können.

Nicht uns, sondern euch haben sie betrogen. Durch Jahre hindurch hat euch eine eiserne Zensur Wahrheiten unterschlagen, die selbst unzivilisierten Völkern bekannt sind. Diese Zensur hält den Geist des deutschen Volkes in einem Konzentrationslager gefangen. Wie sonst konnten sie es wagen, die Zusammenarbeit friedliebender Völker zur Sicherung des Friedens fälschlich als feindliche Einkreisung darzustellen? Wir hegen keine Feindseligkeit gegen euch, das deutsche Volk.

Diese Nazi Zensur hat euch verheimlicht, daß ihr nicht über die Mittel verfügt, einen langen Krieg durchzuhalten. Trotz erdrückender Steuerlast seid ihr am Rande des Bankrotts. Wir und unsere Bundesgenossen verfügen über unermeßliche Reserven an Manneskraft, Rüstung und Vorräten. Wir sind zu stark, durch Hiebe gebrochen zu werden und können euch unerbittlich bis zur Enderschöpfung bekämpfen.

Ihr, das deutsche Volk, habt das Recht, auf Frieden zu bestehen, jetzt und zu jeder Zeit. Auch wir wünschen den Frieden, und sind bereit, ihn mit jeder aufrichtig friedlich gesinnten deutschen Regierung abzuschließen.“