Berühmtes Geschütz Vor 100 Jahren wurde die „Dicke Bertha“ in Meppen getestet


Meppen. „La Grosse Bertha - Big Bertha - Dicke Bertha“ - ein auf dem 1877 eröffneten Krupp’schen Schießplatz in Meppen erprobtes Geschütz ist wegen seiner Größe und Wirksamkeit eines der berühmtesten des Ersten Weltkriegs geworden.

1904 begannen die Konstrukteure der Friedrich Krupp AG in Essen um Fritz Rausenberger (1868 - 1926) aus einer Steilfeuerwaffe der Marine zur Küstenverteidigung, dem Beta-Gerät, auf Wunsch des Heeres ein Belagerungsgeschütz zu entwickeln. Das ab 1906 in Meppen getestete, 150 Tonnen schwere „Gamma-Gerät“ war nur per Eisenbahn zu bewegen und musste neben dem Gleis fest in Betonfundamente eingebaut werden. Aus Tarnungsgründen lautete der offizielle Name Kurze Marine-Kanone 12/L 16. Fünf Exemplare wurden bis zum Kriegsbeginn im August 1914 der Preußischen Armee übergeben.

Die Militärs forderten 1912 ein leichteres Geschütz, das für den Straßentransport geeignet war. Deshalb entwickelte Rausenberger daraus das „M-Gerät“, die Kurze Marine-Kanone 14/L 11,9, „Dicke Bertha“ genannt.

Ob „Bertha“ eine Anspielung auf die Krupp-Erbin Bertha ist, konnte bis heute nicht geklärt werden. Es war bei Krupp üblich, schweren Geschütztypen für den Buchstaben zuzuordnen, die bei Telefongesprächen durch Namen wie „Max“, „Adolf“, „Bruno“ und „Dora“ verständlich gemacht wurden.

Das M-Gerät wog einsatzbereit 42,6 Tonnen und konnte zerlegt werden. Für die fünf Teillasten baute die Firma Krupp zusammen mit Daimler Zugmaschinen, deren Motorleistung mit 100 PS angegeben wurde. Getestet wurden die Zugmaschinen mit dem ersten Geschütz ab März 1914 in Meppen, wo sich der Kaiser persönlich von der Leistung der Waffe überzeugte.

Eigentlich sollte auch das zweite, im Juni fertiggestellte Exemplar im Oktober 1914 in Meppen erprobt werden. Aber dazu kam es nicht, weil der Deutsche Generalstab die beiden Geschütze nach Beginn des Angriffs auf Belgien am 4. August dringend für die Belagerung der Festung Lüttich in Belgien anforderte. Der Kommandeur des dort angreifenden Armeekorps, Generaloberst Karl von Einem (1853 - 1934) und Generalmajor Erich Ludendorff (1865 - 1937), der die 14. Infantereie-Brigade im Kampf umd Stadt und Festung führte, kannten die Leistung der schweren Krupp-Geschütze von Besuchen in Meppen.

Dass die Dicke Bertha die Betondecken und die stählernen Panzerwerke rund um die belgische Industriestadt zerstören konnte, wussten die Krupp-Techniker und die deutschen Generäle aus erster Hand. Denn Krupp hatte die schweren Geschütze und die Panzerkuppeln geliefert, in die sie eingebaut waren. Nachbauten wurden in Meppen mit Kanonen unterschiedlicher Kaliber beschossen. Ludendorff hatte „als Tourist“ Lüttich und Umgebung besichtigt und Einfluss auf die Aufmarsch- und Angriffspläne genommen.

Weil der Schienenweg zwischen der damaligen deutschen Grenze und Lüttich durch Sprengung eines Tunnels unpassierbar war, mussten die beiden Geschütze im Grenzbahnhof Herbesthal ausgeladen und über Straßen nach Lüttich gebracht werden. Zwischen dem 12. und 16. August 1914 zerstörten sie mit ihren bis zu 810 Kilogramm schweren Granaten starke Festungswerke. Am 15. August traf eine 42-Zentimeter-Granate, genannt „Fleißige Bertha“, eine Munitionskammer von Fort Loncin. Zwölf Tonnen Schwarzpulver explodierten, von 550 belgischen Soldaten im Fort starben 350.

M-Geräte und Gamma-Geräte kamen danach bei Namur und Antwerpen in Belgien, Maubeuge, Frankreich, gegen russische Festungen an der Ostfront und Verdun in Frankreich zum Einsatz. 1917 galten sie wegen ihrer geringen Schussweite und der Gefährdung durch Flugzeuge als veraltet.

Die deutsche Kriegspropaganda stellte die Erfolge der „Dicken Bertha“ groß heraus. Die Anteile der Gamma-Geräte und der beiden von den Österreichern ausgeliehenen 30,5 cm Skoda-Mörser Modell 1911, genannt „Schlanke Emma“ an der Zerstörung belgischer und französischer Festungen wurden weniger bekannt, sodass bei Deutschen, Briten, Franzosen und Belgiern „Dicke Bertha“ zum Synonym für schwerste Geschütze wurde.

Die letzten der insgesamt zehn gebauten Gamma-Geräte und zwölf M-Geräte sollten nach Kriegsende an die Sieger ausgeliefert und verschrottet werden. Doch wesentliche Bauteile und Konstruktionsunterlagen des Gamma-Geräts wurden versteckt. So konnte nach 1933 aus alten und neuen Teilen ein Gamma-Gerät gebaut und auf dem Schießplatz in Meppen aufgestellt werden, zunächst unter dem Tarnnamen „Großes Schießplatzgerät“. Es diente ab 1937 der Erprobung schwerer Geschosse und wurde im Zweiten Weltkrieg als Belagerungsgeschütz eingesetzt, zuletzt 1944 beim Warschauer Aufstand, wo sich seine Spur verliert.

Ein von den Amerikanern 1919 in die USA geholtes M-Gerät ist am Ende des Zweiten Weltkrieg verschrottet worden. Modelle des M-Geräts gibt es im Stadtmuseum Rentei Meppen, im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden und im Musée de l’Armée Paris.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN